© Bundeskunsthalle Bonn/Mark Flood

Kultur
03/24/2019

Michael Jackson: Der King of Pop im Bildersturm

Eine Ausstellung zeigt den demontierten Star als Inspirationsquelle für zeitgenössische Künstler

Die Ikone ist zerbröselt, das Timing ist schlecht: Wer heute „Michael Jackson“ sagt, kommt an „Leaving Neverland“ nicht vorbei. Die TV-Doku, in der zwei Männer erklären, als Kinder von Jackson missbraucht worden zu sein, hat Radios und TV-Stationen dazu gebracht, Jackson-Inhalte zu boykottieren.

Nicht so die Bundeskunsthalle in Bonn: Sie zeigt seit Freitag die Schau „Michael Jackson: On The Wall“, die zuvor schon in London und Paris gastierte. Am Eingang wurde zwar ein Statement hinzugefügt, in der sich die Macher bekennen, die Thematik des Missbrauchs „nicht ausklammern“ zu wollen; eigene Kunstvermittler wurden in den Saal beordert, um sensible Fragen diskutieren zu können. Im Grunde aber sei es „besser, eine Plattform zu haben, die Diskussionen ermöglicht, als eine kulturelle Erinnerung einfach auszulöschen“, sagt Rein Wolfs, Chef der Bundeskunsthalle.

Zerschossen

Kulturelle Erinnerung: Ist nicht sie der eigentliche Stoff, aus dem Michael Jackson gemacht ist? Als der Sänger vor knapp 10 Jahren, am 25. Juni 2009, im Vorfeld eines Comeback-Versuchs (des wievielten eigentlich?) verstarb, war sein Ruhm schon längst zerschossen: Zahllose Berichte über seine Spleens, seine Operationen und auch Missbrauchsvorwürfe hatten am Idol genagt. Die mythische Figur des „King of Pop“ richtete sich dennoch immer wieder auf und setzte sich, dem verspiegelten Roboter aus „Terminator 2“ gleich, wieder neu zusammen: In Michael Jackson personifizierte sich der Siegeszug der Popkultur, die Anfang der 1980er über Länder- und Rassengrenzen hinweg alle Lebensbereiche erfasste. Auch an die Kunst– Andy Warhol sei Dank – rückte Pop damals so nah heran wie nie zuvor und seither nie mehr.

Im Zerrspiegel

Auch wenn die Bonner Schau, die der KURIER kurz vor der Eröffnung besuchen konnte, den „Einfluss von Michael Jackson auf die zeitgenössische Kunst“ im Blick hat, kommt sie dem Grundton der Pop-Nostalgie nicht aus: Der kulturelle Moment der Einheit von Kunst und Kommerz kann heute aber nur noch im Rückspiegel mit Brechungen und Verzerrungen vergegenwärtigt werden.

Klassische Promotion-Fotos erscheinen da beim Künstler Mark Flood etwa wie durch ein Facettenauge gebrochen und ins Monströse verzerrt. Der US-Amerikaner Todd Gray collagierte Fotos, die er zwischen 1979 und 1983 als Jacksons Leibfotograf angefertigt hatte, mit Bildern von Rassenunruhen und vom Alltag in Ghana.Jeff Koons’ berüchtigte Porzellan-Skulptur „Michael and Bubbles“ (1988), einst der Inbegriff für Pop-Kunstkitsch und heute für Leihgaben zu fragil, ist ebenso nur als Reflexion zu sehen – in Fotos von Louise Lawler und einer in den Proportionen veränderten Skulptur von Paul Mc Carthy.

Auch wenn die Wände der Bonner Kunsthalle extra für die Schau mit schwarz-goldener Glitzerfarbe im Disco-Look gestrichen wurden, erscheint „On the Wall“ eher wie ein Abgesang auf die Pop Art in ihrer fröhlich-hedonistischen Ausprägung. Ein zweiter Strang scheint allerdings fast obsessiv bemüht zu sein, den Glamourfaktor aufrecht zu erhalten: Dazu zählen etwa die großformatigen Bilder von David LaChapelle, der Jackson 2009/’10 posthum ein Denkmal setzen wollte . In der Serie „American Jesus“ erscheint der Star in christlicher Ikonografie als Schutzheiliger, Engel und Gekreuzigter.

Dass Jackson selbst viel für altmeisterliche Bildsprache übrig hatte, belegen Exponate, die als Auftragsarbeiten entstanden: Gleich im ersten Saal etwa hängt ein monumentales Reiterbildnis, das Kehinde Wiley – er schuf auch das offizielle Porträt von Barack Obama – 2010 fertig stellte. Das Bild ist Peter Paul Rubens’ Gemälde „Philipp II in der Schlacht von St. Quentin“ (1628) nachempfunden. Auch die Vorlage für das Cover des Albums „Dangerous“ (1991), geschaffen von Mark Ryden, ist im Original mit einem absurd überladenen Goldrahmen zu bestaunen. Der kundige Betrachter entdeckt hier Zitate aus Jean-Auguste-Dominique Ingres’ Napoleon-Porträt und Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ – aber auch eine Geisterbahn für Kinder und Tiere.

Echt jetzt?

Nicht nur einmal stellt sich in der Schau die Frage, wo die Grenze zwischen Verehrung und Satire, Glamour und Größenwahn verläuft. Der Star stieß zu Lebzeiten viele Menschen mit seiner Extravaganz vor den Kopf, inspirierte damit aber ebenso viele, nicht zuletzt in der afroamerikanischen Bevölkerung. Jacksons Schwebezustand zwischen Spaß und Ernst, Alien und Mensch, Kind und Erwachsenem, Schwarz und Weiß ließ sich idealerweise als Versprechen verstehen, nicht auf seine Herkunft festgenagelt zu sein und seine Identität frei gestalten zu können. Derlei Uneindeutigkeit ist freilich denkbar ungeeignet, wenn es darum geht, Jacksons Verfehlungen zu benennen.

Info: Kult und Kritik

Die Schau „Michael Jackson: On The Wall“ wurde von der  National Portrait Gallery in London entwickelt und ist bis zum 14. Juli in der Bundeskunsthalle Bonn/D zu sehen. Die  Ausstellung   konzentriert sich auf Jacksons Echos in der zeitgenössischen Kunst. Der Katalog (englisch) kostet 41,10 €.

Die Dokumentation „Leaving Neverland“ wurde Anfang März im US-Bezahlsender HBO   erstmals ausgestrahlt. Das Bekenntnis zweier Ex-Vertrauter, von Jackson lange missbraucht worden zu sein, sendete Schockwellen um die Welt, mobilisierte aber auch Fans, die den Star verteidigten. Im deutschsprachigen Raum läuft die Doku am 6. April (20.15) auf ProSieben, begleitet von einer Spezialsendung (19.05).