Eine großbürgerliche Familie ist nur mit ihren eigenen Problemen beschäftigt: „Happy End“ von Michael Haneke  

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Fernsehen
05/20/2020

Michael Hanekes "Happy End": Alter Patriarch mit Todessehnsucht

Michael Hanekes Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Happy End“ mit Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert auf Arte

von Alexandra Seibel

„Mir sind die zwei Palmen hundertmal wichtiger als der Oscar“, sagt Michael Haneke, befragt zu der Wertigkeit seiner Filmpreise, in der Doku „Cinema Austria“ von Frederick Baker. Tatsächlich hat der österreichische Regisseur die Seltenheit geschafft, gleich zweimal die Goldene Palme in Cannes zu gewinnen. Und einen Oscar in Hollywood.

„Happy End“ (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte), Hanekes bislang letzter Film, gewann zwar keine Palme, war aber bereits der siebente Film, den der Regisseur im Wettbewerb von Cannes präsentierte. Zuvor hatte er 2009 für „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ (Montag, 25.5., 20.15 Uhr, Arte) und für das Sterbedrama „Amour“ („Liebe“, 2012) jeweils den begehrten Hauptpreis des renommierten Filmfestivals gewonnen. „Amour“ wurde kurz darauf mit dem Auslandsoscar ausgezeichnet.

Wie oft in seinen Filmen, seziert Haneke in „Happy End“ das Beziehungsgefüge einer großbürgerlichen Familie, diesmal in Calais. Ähnlich wie in „Amour“, steht Jean-Louis Trintignant als alter Patriarch mit Todessehnsucht im Zentrum der Familie. Seine Tochter – die formidable Isabelle Huppert – führt ein Bauunternehmen, sein Sohn (Mathieu Kassowitz als untreuer Ehemann) arbeitet als Arzt. Gerade ist seine Tochter aus erster Ehe eingezogen: Ein undurchschaubares Mädchen, das mit seiner Handy-Kamera andere Leute filmt und eine zaghafte Beziehung zu ihrem Großvater knüpft. Alle Familienmitglieder kreisen ununterbrochen um sich selbst, Realpolitik wie etwa die Flüchtlingskrise interessiert niemanden.

„‚Happy End‘ ist keine Tragödie“, sagte der Regisseur damals im KURIER-Interview: „Es ist eine Farce und auch als solche gedacht.“

Feel-Bad-Movies

Mehrfach zu Wort kommt Michael Haneke auch in der etwas fahrigen Kurz-Doku „Cinema Austria“, die im Anschluss an sein „Happy End“ gezeigt wird (22.00 Uhr). Die Geschichte des österreichischen Spielfilms von den Anfängen bis zur Gegenwart kann in einer knappen Stunde naturgemäß nur sehr gestaucht erzählt werden. Dabei hastet Frederick Baker vom ersten Blockbuster-Stummfilm zu den heimischen Oscar-Gewinnern.

Gleich zu Beginn arbeitet sich der österreichisch-britische Filmemacher am Begriffs des „Feel-Bad-Movies“ ab: Dieses Label wurde dem österreichischen Film aufgrund mancher tristen Inhalte umgehängt und veranlasst Haneke immerhin zu dem humorigen Sager, dass „das blöde Wort vom Feel-Bad-Movie für mich ein positives Charakteristikum ist“.