Kultur 09.02.2018

Michael Haneke: "Hexenjagd im Mittelalter belassen"

Interview mit dem oscargekrönten österreichischen Filmemacher Michael Haneke am 21.09.2016 in Wien. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Der österreichische Oscar-Preisträger über seine kommende TV-Serie, Politikverdrossenheit und #MeToo.

  • Der Österreicher Michael Haneke ist einer der wichtigsten Filmemacher Europas. Nun dreht er eine Fernsehserie.
  • "Diese Vorverurteilungshysterie, die jetzt um sich greift, finde ich absolut degoutant", sagt er - unter anderem - zur #MeToo-Debatte.
  • "Welcher wildgewordene Kleinbürger maßt sich denn da an, klüger und moralischer als das Museumspublikum zu sein?", sagt er zur Debatte darum, missliebige Bilder aus Ausstellungen zu entfernen.

Von Gabriele Flossmann

Seine Fans glauben ihren "echten Haneke" sofort zu erkennen: lange Einstellungen, nüchterne Bilder – kurzum: Präzision und Klarheit. Was in der Form perfekt anmutet, illustriert inhaltlich zumeist das Gegenteil: menschliche Tragödien. Seine Figuren entspringen zumeist der bürgerlichen Mittelschicht, sind gebildet und belesen. Und doch lassen die glatten Fassaden ihrer Eigentumswohnungen Risse erkennen: Allerlei Verdrängtes kommt zum Vorschein.

Das war einmal – könnte man meinen, wenn man von Hanekes Zukunftsplänen erfährt. Denn der österreichische Oscar-Preisträger hat Lust auf serielles Erzählen fürs Fernsehen. Eine Science-Fiction-Geschichte soll es sein. Gemeinsam mit Nico Hofmanns Produktionsfirma UFA arbeitet Michael Haneke an einem Projekt unter dem Titel „Kelvin’s Book“. Die Serie spielt in einer dystopischen Zukunft und begleitet ein paar junge Menschen, die außerhalb der Grenzen ihrer Heimat notlanden. Zum ersten Mal aus ihrem bisher so hermetisch geschützten Lebensumfeld gerissen, werden sie plötzlich mit den Schattenseiten ihres Staates und den Härten des Regimes konfrontiert. Haneke will alle Folgen der Serie schreiben und bei den ersten drei Folgen auch selbst Regie führen.

KURIER: Woher kommt Ihre für Haneke-Kenner und -Fans vielleicht etwas unerwartete Lust auf serielles Erzählen und auf utopische Szenarien?

Michael Haneke: Für mich war das nicht unerwartet. Auch "Wolfzeit" spielte in einer nicht genau definierten Zukunft. Und der Großteil meiner Filme von "Der siebente Kontinent" bis zu "Happy End" versucht jenseits eines platten Naturalismus modellhafte Situationen zu zeigen, ein Verfahren, das dem Science-fiction-Genre sehr ähnlich ist. Und was das Serien-Format betrifft: Mir sind schon mehrfach Geschichten eingefallen, die übliche Kino-Längen gesprengt haben. Etliche meiner Filme waren ursprünglich mindestens eine Stunde länger. "Das weiße Band" sollte ein Mehrteiler fürs Fernsehen werden, der erst nach Kürzung fast der Hälfte des Skripts als Kinofilm möglich wurde.

Wenn Sie privat ins Kino gehen – Schauen Sie sich da auch Science-Fiction-Filme an?

Die üblichen Hollywood-Blockbuster-Filme interessieren mich nicht sehr. Aber ich habe mir natürlich den neuen "Blade Runner" angeschaut. Viel schwächer als das Original. Im Augenblick sehe ich aus gegebenem Anlass viele Serien aus dem Science-fiction-Genre. "Black Mirror" zum Beispiel. Manche Teile davon sind großartig, manche weniger. Alle mehr oder weniger Dystopien.

Es fällt auf, dass es in utopischen Serien kaum noch Demokratien gibt. Stattdessen regieren absolutistische Regime und Monarchen die Menschen der Zukunft gewaltsam. Hat die Demokratie keine Zukunft?

Michael Haneke
Interview mit dem oscargekrönten österreichischen Filmemacher Michael Haneke am 21.09.2016 in Wien. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Ich glaube, man muss zwischen einerseits philosophischen, religiösen und politischen Utopien und jenen im Kino und in der Trivialliteratur unterscheiden. Platons "Der Staat" ist eine Utopie – möge uns der Himmel vor der dort imaginierten Staatsform bewahren. Das Christentum und der Kommunismus waren Utopien. Die Lehre Christi "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist eine wunderbare Utopie. Und der Kommunismus hat gleiche Chancen und Rechte für alle versprochen. Aber was entstand daraus beim Versuch der Umsetzung in die Realität? Die Kreuzzüge, die Inquisition und der Stalinterror. Utopien werden dank ihrem Absolutheitsanspruch sehr schnell lebensgefährlich, wenn man versucht, sie umzusetzen. Und im Drama wird die Vision von einer gerechten, demokratischen Welt sehr schnell zu einer unglaubwürdigen ideologischen Schnulze. Letztlich ist jedes Filmchen mit einem Happy End eine Utopie, denn sie bildet eine Wunschvorstellung ab. Dem Publikum wird jene Wirklichkeit geliefert, die es gerne hätte, um das Elend des eigenen Lebens für zwei Stunden zu vergessen. Dystopien hingegen versuchen die Tendenzen unserer Wirklichkeit zuzuspitzen und dadurch auf denkbare Gefahren aufmerksam zu machen.

Sind die österreichischen Politiker vielleicht auch nur Darsteller einer eskapistischen Schnulze, die in eine Dystopie umschlagen kann?

Die Demokratie ist ein sehr unzureichendes Konstrukt, aber leider kennen wir kein Besseres. Es gibt in Europa Politiker wie Macron, der kulturell und philosophisch gebildet und auch charismatisch ist und eine Vorstellung hat, wohin Europa steuern könnte und sollte. Aber wer sollen seine Partner sein? Frau Merkel vielleicht, sie versucht wenigstens eine humane Politik zu machen. Von den österreichischen Politikern will ich nicht sprechen – und von Trump noch weniger. Die allgemeine Politikverdrossenheit kommt ja nicht von ungefähr.

Die von Ihnen angesprochene Politikverdrossenheit führt dazu, dass man von Künstlern erwartet, dass sie eine mögliche Richtung in eine demokratische Zukunft vorgeben.

Ich bin kein Politiker und daher kann man auch keine politischen Lösungsvorschläge für die Zukunft von mir erwarten. Ich reagiere auf die Gesellschaft und versuche Probleme deutlich zu machen, indem ich sie zuspitze. Wer an der von mir entworfenen Zukunft etwas falsch findet, der sollte daran arbeiten, dass unsre heutige Realität lebenswerter wird, als sie heute für viele Menschen ist.

Kann die Form der Zuspitzung, die Sie in Ihren Filmen – und wahrscheinlich auch in Ihrer Serie – zeigen auch eine reinigende, kathartische Wirkung haben? Sowohl für Sie als Autor, als auch für das Publikum?

Katharsis ist ein großes Wort. Wirklich erschüttern können sie heute mit einem Film kaum mehr jemanden. Spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind alle Tabus gebrochen.

Glauben Sie nicht, dass es neuerdings eine Tendenz gibt, Tabus wiederaufzubauen, etwa in der Folge der #MeToo-Debatte?

Michael Haneke
Interview mit dem oscargekrönten österreichischen Filmemacher Michael Haneke am 21.09.2016 in Wien. © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Oh Gott, fragen Sie mich nicht danach. Als Mann sollte man zu diesem Thema ja kaum mehr etwas sagen. Natürlich finde ich, dass jede Form von Vergewaltigung oder Nötigung zu ahnden ist. Das ist ja gar keine Frage! Aber diese Vorverurteilungshysterie, die jetzt um sich greift, finde ich absolut degoutant. Und ich möchte nicht wissen, wie viele dieser Anklagen, die sich auf Vorfälle vor 20 oder 30 Jahren beziehen, in erster Linie Abrechnungen sind, die mit sexuellen Übergriffen nur wenig zu tun haben.

Waren Sie je mit ähnlichen Anschuldigungen konfrontiert?

Gott sei Dank nie. Ich habe den Ruf, manchmal zu Teammitgliedern ruppig zu sein. Das ist im künstlerischen Produktionsprozess nicht immer zu vermeiden, weil wir da ja alle unter Strom stehen, aber meine Mitarbeiter arbeiten konsequent und wie ich glaube gern mit mir weiter, weil sie wissen, dass meine Ausbrüche immer der gemeinsamen Sache dienen. Und zu Schauspielern bin ich, glaube ich, mehr als fürsorglich! Ich komme aus einer Schauspielerfamilie und bin überzeugt davon, dass Schauspieler sich nur in einer angenehmen Atmosphäre künstlerisch vollends entfalten können.

Was halten Sie von Regisseuren, die meinen, dass sie nur mit Druck ein künstlerisches Maximum aus Schauspielern hervorholen können?

Das gibt es, und auch von solchen Regisseuren hat man tolle Aufführungen gesehen. Es gibt auch künstlerisch begabte Diktatoren. Jemand kann ein großer Künstler und ein höchst unsympathischer Mensch sein. Beispiele dafür gibt es unzählige in der Geschichte jeder Kunstform. Mir selber fällt bei aggressiver Stimmung nichts ein – ich will lieber mit allen an einem Strang ziehen. Was mich aber an der jetzigen Debatte stört, ist die völlig unreflektierte Gehässigkeit, die blinde Wut, die sich nicht an Fakten orientiert und vorverurteilend das Leben von Menschen zerstört, deren Straftat in vielen Fällen noch gar nicht erwiesen ist. Leute werden einfach medial gekillt, Leben und Karrieren ruiniert.

Ist das nicht auch eine Form von Zuspitzung, die eine Gesellschaft positiv verändern kann?

Jeder Shitstorm, der nach solchen "Enthüllungen" sogar über die Internet-Foren seriöser Zeitungen hereinbricht, vergiftet das gesellschaftliche Klima. Und das macht jede Auseinandersetzung mit diesem sehr wichtigen Thema umso schwieriger. Bei der Bösartigkeit, die einem im Internet entgegenschlägt, stockt oft der Atem. Dieser neue, männerhassende Puritanismus, der im Kielwasser der #MeToo-Bewegung daherkommt, besorgt mich. Auf der andern Seite kann sich jeder, auch die Kinder, jede Art von Pornografie und Perversion aus dem Internet herunterladen. Es ist immer praktisch, sich über die Andern aufzuregen.

Wo sehen Sie dabei die Grenze für die sogenannte "Freiheit der Kunst"?

Eine Online-Petition hat unlängst erreicht, dass bei einer Ausstellung in einem amerikanischen Museum ein Bild des Malers Balthus abgehängt werden musste, weil es ein junges Mädchen in einer zweideutigen Pose zeigt. Balthus ist einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts, und diese Aktion ist einfach grotesk. Welcher wildgewordene Kleinbürger maßt sich denn da an, klüger und moralischer als das Museumspublikum zu sein? Oshimas Film "Im Reich der Sinne" – sicher einer der tiefsten und profundesten zum Thema Sexualität – könnte heute nicht mehr gedreht werden, weil die Förderungs-Institutionen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber diesem Terror das nicht zulassen würden. Verdächtigte Schauspieler werden aus Filmen und Serien herausgeschnitten, um keine Besucherzahlen einzubüßen. Vor diesem Feldzug gegen jede Form von Erotik bekommt man es als Künstler mit der Angst zu tun. Wo leben wir denn? In einem neuen Mittelalter? Nochmals: Das hat alles nichts damit zu tun, dass jeder sexuelle und jeder gewaltsame Übergriff – egal ob gegen Frauen oder Männer – zu verurteilen und auch zu bestrafen ist, aber die Hexenjagd sollte man im Mittelalter belassen. Ich kann mir vorstellen, was man im Netz nach diesem Interview lesen kann: Haneke, the male chauvinist pig.

( kurier.at ) Erstellt am 09.02.2018