Kultur
20.12.2017

Ridley Scott zu Spacey: "Ich habe nie etwas mitgekriegt"

Der britische Regisseur schnitt Kevin Spacey aus seinem Film und hoffte auf ein klärendes Gespräch.

Was macht ein Regisseur mit einem potenziellen Oscar-Film, wenn einer seiner Hauptdarsteller zwei Monate vor dem Kinostart und vier Wochen vor der Deadline zur Einreichung diverser Preise der sexuellen Nötigung beschuldigt wird?

Was für 99 Prozent in einer PR-Katastrophe und einem vom Studio eingestampften Film enden würde, war für den 80-jährigen Ridley Scott ein Aufruf zur Action.

"All The Money In The World" über die Entführung des Getty-Erben, abgeschnittenes Ohr inbegriffen, würde nicht den cinematischen Tod erleiden, bevor es das Licht der Leinwand erblickte. Scott beschloss, den Film zu be- und Kevin Spacey her-auszuschneiden. In einer zehntägigen Nacht- und Nebelaktion drehte er Spaceys Szenen mit Christopher Plummer nach.

KURIER: Sie kannten Kevin Spacey seit vielen Jahren. Haben Sie nicht mit ihm gesprochen, nachdem die Anschuldigungen bekannt geworden waren?

Ridley Scott: Ich war erschüttert, als das alles herauskam, und, ehrlich gesagt, habe ich darauf gewartet, dass er mich anruft, dass er sich erklärt, es abstreitet oder was immer. Der Anruf kam nie, nicht von ihm, nicht von den Leuten, die ihn repräsentieren. Was mir in gewissem Sinne die Freiheit gab, eine schnelle Entscheidung zu fällen. Ich konnte das nicht passieren lassen. Ich konnte nicht die Angewohnheiten einer gewissen Person die Arbeit vieler Menschen an diesem Film ruinieren lassen.

Und wie kamen Sie auf Christopher Plummer?

Er war immer auf meiner Liste! Ich hatte nur zwei Schauspieler auf meiner Liste, ihn und Kevin. In dieser Reihenfolge, aber das Studio fand, dass Kevin Spacey der kommerziellere Name ist. Aber jetzt konnte ich meine erste Wahl haben, und glücklicherweise hatte er Zeit und meinte: "Es wird auch verdammt noch mal schon Zeit, dass wir miteinander arbeiten!" Ich finde, der neue Mister Getty ist viel besser als der alte. Christopher Plummer hat eine größere Bandbreite und zeigt mehr Herz als Spacey. Christopher hat Charme und ein Augenzwinkern, das der Figur eine tiefere Dimension gibt. Zudem brauchte ich für ihn kein Altersmake-up, er ist fast 90, obwohl ich zugeben muss, das Make-up für Spacey war außergewöhnlich. Und der echte Getty hatte ja drei Facelifts, der erste war okay, der zweite eine Verunstaltung und der dritte der Versuch, den zweiten zu verbessern. Ich hatte ja nur gefürchtet, dass Plummer ein bisschen zu fesch ist!

Er ist ja nicht allein in all den Szenen …

Nein, und ich hatte zwei Tage, um herauszufinden, ob Michelle Williams, Mark Wahlberg und der junge Charlie Plummer ebenfalls verfügbar waren. Als ich sie hatte, checkte ich die Locations und sagte dem Studio, okay, let’s go. Das Irre war, dass alle sofort an Bord waren. Ich fragte, wie viel sie kosten würden, und sie sagten alle: nichts. So stark war das Gefühl des Zusammenhalts.

Ihr Film ist der erste, der so dramatisch von diesen Enthüllungen betroffen ist. Hatten Sie Angst, dass das, was hinter den Kulissen passierte, eine Ablenkung für den Zuseher sein könnte?

Natürlich. Aber wir gehen durch eine Phase, durch eine Evolution, die sehr lange gebraucht hat, um an diesem Punkt anzukommen. Und Spacey im Film zu lassen, hätte die Kinoeinnahmen sehr negativ beeinflusst. Was Spacey betrifft, habe ich nie etwas mitgekriegt, weil ich darauf nie geachtet habe. Das soll jetzt nicht achtlos klingen, aber ich suche nicht nach Skandalen, sondern konzentriere mich auf die Arbeit. Und am Arbeitsplatz ist nie etwas geschehen.

Dasselbe Filmstudio, Sony, hat einen weiteren Film mit Kevin Spacey, "Babydriver". Die Skandale kamen erst nach dem Filmstart ans Licht, als es zu spät war, den Start zu verschieben, oder so, wie Sie das machten Spacey, herauszuschneiden. In gewissem Sinn hatten Sie Glück mit dem Timing, oder?

Klar. "Babydriver" war noch dazu sehr teuer. Wenn so viel Geld in einen Film gesteckt wird, ist das Risiko größer. Aber es waren keine 260 Millionen, was einige Leute für ihre Filme ausgeben, und was ich absolut lächerlich finde. Ich bin sehr konservativ mit meinen Filmen, ich bin ein Sparer. Ich empfinde es als Beleidigung, wenn jemand 260 Millionen ausgibt, das ist ja eine verrückte Summe!

Waren Sie gestresst?

Ich bin nie gestresst, meine Liebe. Ich habe so viel Erfahrung, dass wenn das Dach einstürzt, sage ich höchstens, okay, lass es uns reparieren, und in der Zwischenzeit arbeiten wir woanders. Filmemachen ist das Unerwartete zu erwarten. Ich bin so erfahren, dass ich ein Problem rieche, bevor es zu einem wird.

Sie sind 80.

Nein, ich bin 40! (lacht)