Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

ZDF-Ausladung von Danger Dan: Mehr als nur vorauseilender Cancel-Gehorsam

Das ZDF lädt den Musiker Danger Dan wegen eines antifaschistischen Songs aus. Beugt man sich da den Rechten? Die Lage ist, wie so oft, komplex.
Georg Leyrer
LIDO SOUNDS 2023: DANGER DAN

Das ZDF hat sich eine nicht ganz kleine Debatte eingetreten: Der Musiker Danger Dan wurde wegen eines Songtextes aus einer Sendung ausgeladen. Das steht einem öffentlich-rechtlichen Sender auf den ersten Blick nie gut – man kommt in kunst- und medienfreiheitsfundierte Erklärungsnot. Eine Textzeile des Songs macht es aber kompliziert. Warum schreibt das ZDF, dass das als „Aufruf zur Gewalt“ verstanden werden könnte?

Es geht in „Keine Angst“ um eine Art Anleitung, wie man sich gegen das Erstarken der rechtsextremen Szene zur Wehr setzt, bevor es zu spät ist. So weit, so klar innerhalb des antifaschistischen Grundkonsenses, den es in Deutschland und Österreich (eigentlich) gibt.

Textzeilen wie „Es gibt so viele Faschos bei der Polizei“, oder „So mancher Polizist steht für die AfD zur Wahl“ muss man, siehe unten, wohl auch im öffentlich-rechtlichen Spätprogramm, wo der Song zu hören hätte sein sollen, aushalten. Warum also teilt das ZDF mit, dass der Song „als Aufruf zur Gewalt verstanden werden“ könnte?

„Grauzone“

Wohl wegen einer Textzeile, die auf den ersten Blick unter den unverfänglicheren in „Keine Angst“ ist: Der Sänger, der gemeinsam mit dem Pianisten Igor Levit auftreten hätte wollen, richtet darin „liebe Grüße“ an vier (Vor-)Namen aus – allem Anschein nach Personen, die wegen tätlicher Angriffe auf Rechtsextreme bekannt wurden.

Davor heißt es, an die linken Kämpfer gegen Rechtsextreme gerichtet: „Plant immer mit der Konfrontation. Habt Überraschungen dabei, wenn sie kommen.“ Damit sei er an der „Grauzone geschrammt“, so Danger Dan in dem Lied weiter. Und: „Ist dir klar, was zu tun ist? Ich sag nichts mehr dazu.“

Ist das ein Aufruf zur Gewalt? Die Frage berührt schnell auch eine Diskussion, die mit Blick auf den Hip-Hop immer wieder mal geführt wird – entweder wegen besonders widerlicher Textzeilen oder wenn nichts anderes los ist. Offensichtlich ist: Es gibt keinen Mangel an Rap-Texten, die man bei kontextloser Lektüre als problematisch auffassen könnte – und die dennoch ohne viel Tamtam im öffentlich-rechtlichen Radio laufen. 

„Keine Angst“ hat hier zwei Nachteile: Es ist, obwohl Danger Dan immer als Rapper geführt wird, ein völlig hip-hop-loses Liedchen mit Klavierbegleitung. Und es ist auf Deutsch gesungen: Den Text verstehen auch jene, die bei Hochgeschwindigkeits-Amerikanisch aussteigen. Im Liedermacherkontext wird weit weniger auf jene Art von Kunsthaftigkeit gepocht, die der Hip-Hop für sich in Anspruch nimmt; dass es nämlich in den Texten um keine konkrete, sondern gesellschaftliche und strukturelle Gewalt geht, gegen die sich eine Minderheit mit ebenso offensiven Texten zur Wehr setzt. Dass man also das, was die Rapper so von sich geben, uneigentlich hören sollte: Es geht hier um etwas Anderes als um das, was gesagt wird.

Grad diese Abstraktionsaufforderung ist im Internet natürlich für die Fisch: Wenn hier eine Empörung an der Tagesordnung steht, dann wird alles, aber auch alles für bare Münze genommen, und sei es noch so klein. Siehe zuletzt etwa die Troll–Kritik an Christopher Nolans „Odyssee“-Verfilmung, weil in Homers Epos – neben einäugigen Monstern, Sirenen und Halb- und Ganz-Göttern – auch die „weißen Arme“ Helenas vorkommen, diese aber nicht von einer weißen Schauspielerin gespielt wird.

Bei Liedermachern werden die Texte überhaupt gerne mit der Bereitschaft aufgenommen, diese ernst zu nehmen. Was also anfangen mit fiktiven „lieben Grüßen“ an Menschen, die wohl Gewalt ausgeübt haben?

LIDO SOUNDS 2023: DANGER DAN

Satire

Danger Dan streitet, klar, ab, zur Gewalt aufgerufen zu haben und sieht, siehe oben, einen Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit. Dass diese Formulierung einen öffentlich-rechtlichen Sender vor eine Herausforderung stellt, ist jedoch auch klar – und kann nicht abgetan werden, selbst wenn der Song in einer Satire-Sendung („Die Anstalt“) gespielt werden sollte.

Nicht besser macht die Situation wiederum, dass sich das ZDF bis kurz vor dem Auftritt Zeit gelassen hat, den Stecker zu ziehen, obwohl der Song schon wochenlang vorlag. Die öffentliche Debatte sortierte sich natürlich sofort streng nach politischer Ausrichtung; jeder nützt die Ausladung für seine eigenen Zwecke.

Vergeben wird hier die Chance, eine komplexe Sachen als solche stehen zu lassen: Ja, antifaschistischer Agitprop hat heute dringende Berechtigung. Und ja, es kann sein, dass dieser dennoch öffentlich-rechtliche Leitlinien verletzt.

Kommentare