Weißmann verteidigt den ORF: "Kein Platz für eine ideologische Schlagseite"
Generaldirektor zu werden, sei nicht sein „Wunschtraum“ gewesen, sagt Weißmann. Der Oberösterreicher ist eher auf leisen Sohlen unterwegs.
KURIER: Wann werden Sie Ihre neuerliche Kandidatur für den Generaldirektorsjob verkünden?
Roland Weißmann: Ich werde meine Entscheidung zeitgerecht bekannt geben. Das letzte Mal, als die ORF-Wahl auch im August war, habe ich mich im Juli geäußert.
Ist der Job denn überhaupt so attraktiv? Man muss gerade ein riesiges Sparpaket schnüren.
So wie alle Medienunternehmen kämpft auch der ORF mit Herausforderungen. Aber für mich ist es der attraktivste Medienjob des Landes. Ich habe das Privileg, dass wir Tausende motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Und das Publikum goutiert, was wir tun. Das gibt Kraft.
Das Misstrauen gegen Medien, speziell gegen den ORF, ist aber gestiegen, auch befeuert durch die politisch verordnete Transparenzliste der ORF-Spitzengehälter.
Fakt ist, dass das Vertrauen in Medien wieder gestiegen ist, insbesondere in den ORF. Wir wissen, dass drei von vier Österreichern täglich mindestens ein ORF-Programm nutzen. So groß kann die Kritik am ORF also auch wieder nicht sein. Wobei Kritik ja auch in Ordnung ist. Weil wir eine gewisse privilegierte Finanzierung haben, müssen wir mit größter Transparenz arbeiten.
Sind die Zeiten für einen gebührenfinanzierten Rundfunk – via Haushaltsabgabe – nicht vorbei?
In Zeiten, wo Informationen von internationalen Tech-Giganten und Sozialen Plattformen übernommen und auch immer mehr Fake News verbreitet werden, ist es für eine Demokratie wichtig, dass es einen öffentlich-rechtlichen Journalismus, aber auch guten privaten Journalismus gibt. Ich war immer ein Befürworter des dualen Mediensystems.
Was kann der ORF besser als Servus oder Puls4?
Darum geht es nicht. Der ORF hat dank ORF-Gesetz viele Aufgaben, die sich am normalen Medienmarkt nicht finanzieren ließen. Denken Sie nur an Ö1, das erfolgreichste Kultur- und Wissenschaftsradio Europas, das täglich von 800.000 Menschen konsumiert wird.
Ö1 ist immer wieder in der Kritik für seine linke Schlagseite.
Eine ideologische Schlagseite hat im ORF keinen Platz, das ist ganz klar.
Der Nahost-Korrespondentenjob von Karim El-Gawhary wurde nicht verlängert. War der Grund eine fehlende Ausgewogenheit?
Nein, denn wir haben immer ausgewogen berichtet. Die Korrespondentinnen und Korrespondenten des ORF genießen höchstes Vertrauen der Bevölkerung. Sie sind vor Ort: vom Iran bis Grönland. Verantwortungsvolles Management bedeutet, rechtzeitig einen Generationswechsel einzuleiten. Wir stellen nicht nur den Nahen Osten, sondern auch Ungarn, die Ukraine und den Balkan sowie Spanien neu auf. El-Gawhary wird weiterhin als freier Mitarbeiter berichten.
Prominente verließen den ORF, wie Claudia Reiterer, Christa Kummer, Birgit Fenderl, Thomas Brezina. Dem ORF wird Altersdiskriminierung bei Frauen vorgeworfen.
Das trifft mich, ist aber klar zurückzuweisen. Jede dieser Damen ist freiwillig und im Einvernehmen mit dem Unternehmen ausgeschieden, und es war Thomas Brezina, der die Zusammenarbeit mit dem ORF beendet hat, nicht umgekehrt. Es arbeiten mehr Frauen über 50 auf den TV-Schirmen, als Männer. Ich erlaube mir, einige Namen zu nennen: Barbara Karlich startet gerade mit einer neuen Show, Claudia Stöckl, Nadja Bernhard, Susanne Höggerl, Christiane Wassertheurer, Claudia Dannhauser, Elisabeth Vogl, Helma Poschner, Clarissa Stadler, Eva Linsinger, Onka Takats, Patricia Pawlicki, Lou Lorenz-Dittlbacher, Barbara Rett, Eva Pölzl, Marie-Claire Zimmermann oder die Korrespondentinnen Cornelia Vospernik, Barbara Wolschek – und wahrscheinlich habe ich jetzt noch einige Kolleginnen vergessen.
Der ORF muss heuer den Eurovision Song Contest organisieren. Ist es ein Problem, dass die Wiener Stadthalle so alt ist?
Überhaupt nicht. Sie ist eine der besten Event-Locations in ganz Europa. Ich bin sehr froh, gemeinsam mit Wien die größte Musik-Show der Welt auszurichten. Man kann sich auf einen tollen 70. Song Contest im Mai 2026 freuen. In Basel haben 170 Millionen Menschen weltweit zugeschaut.
Wobei die Teilnahme Israels auf Widerstand stößt. Denken Sie sich nicht manchmal heimlich: „Puh, der ESC hat mir gerade noch gefehlt“?
Ganz im Gegenteil. Eine deutliche Mehrheit in der European Broadcasting Union hat sich für eine Teilnahme des öffentlich-rechtlichen Senders Israels ausgesprochen. Darüber bin ich sehr froh. Einige Länder pausieren deshalb, andere sind dafür dazugekommen.
„JJ“, der letztjährige Gewinner, hat sich allerdings auch ein wenig als „Problembär“ herausgestellt.
JJ ist ein toller junger Mann. Er ist kurz nach dem Sieg mit seiner privaten Meinung in der Öffentlichkeit aufgefallen, die nicht die Meinung des ORF ist. Und trotzdem: Wir leben in einem Land mit Meinungsfreiheit. Er wird Teil der Show sein.
KURIER TV : Zum ausführlichen "Salon Salomon" mit ORF-General
Sie waren nicht immer Manager. Geht Ihnen der Journalismus denn gar nicht ab?
Es war gut, das Unternehmen als Journalist und Programmmacher kennenzulernen und erst dann ins Management zu wechseln. Man muss beides verstehen und beides macht Spaß. Der ORF ist keine Schraubenfabrik und muss auch mit weniger Geld gutes Programm machen. Das scheint zu gelingen, weil wir zum Beispiel im Fernsehen die besten Quoten seit zehn Jahren haben.
Revival des analogen Fernsehens?
Es war nie so weg, wie manche meinten. Man konsumiert uns im klassischen Fernsehen und im Radio, aber auch in den digitalen Welten, wo die Jungen sind.
Sie sind nicht der klassische Ehrgeizler, der diesen Job um jeden Preis angestrebt hat.
Es war nicht mein Wunschtraum, Generaldirektor zu werden. Als sich aber die Möglichkeit ergab, bin ich durch diese Tür gegangen, und ich mache das mit großer Leidenschaft. Wäre es anders gekommen, wäre mein Leben jedoch genauso glücklich.
Sie halten Ihr Privatleben bedeckt. Man weiß nur, dass Sie passionierter Läufer und Hundebesitzer sind.
Ja, ich bin begeisterter Sportler. Je älter man wird, desto fitter muss man sich halten. Der Hund ist leider gestorben. Die, die mich privat kennen, wissen, dass ich eine umgängliche, gesellige Person bin, mit der man gern auf ein Glas Bier oder Wein geht. Manche beschreiben mich so: „Hedonist ist er keiner.“ Das würde ich unterschreiben.
Wieso klingen Sie noch immer so oberösterreichisch?
Man darf sich nicht verleugnen. Als junger Journalist war es aber tatsächlich etwas härter, die sogenannte „Sprecherlaubnis“ zu bekommen. Ich musste viele Trainerstunden nehmen, um den Dialekt rauszubekommen.
Es wird kritisiert, dass die Freundin Ihres Vorgängers eine eigene, teuer produzierte Sendung hat: „Die Goldene Note. Stars und Talente“ mit Leona König.
Die Sendung hat ihr Publikum als eine Art Castingshow für junge Menschen im Klassikland Österreich. Wenn wir verändern, gibt’s Kritik, wenn wir nicht verändern, gibt’s auch Kritik.
Es gibt Gerüchte, dass ORF3 den Einsparungen zum Opfer fallen könnte.
Der ORF muss tatsächlich 450 bis 500 Millionen einsparen. ORF 3 hat sich aber in nur 14 Jahren ein treues Stammpublikum erarbeitet und knapp drei Prozent Marktanteil mit geringen finanziellen Ressourcen – es ist also sehr erfolgreich. Im ORF-Gesetz gibt es eine Vereinbarung, dass ORF3 genauso wie Sport plus bis 2029 definitiv weiter zu erhalten ist.
Wann wird man beim Betreten des ORF endlich kein Baustellengefühl mehr haben?
Grosso modo sind wir mit den großen Umbauarbeiten fertig – und im Kostenrahmen geblieben.
Roland Weißmann ist seit 2022 ORF-Generaldirektor. Es wird davon ausgegangen, dass er sich im August dieses Jahres der Wiederwahl stellt. Der gebürtige Linzer war die ersten 15 Jahre seiner ORF-Karriere als Reporter, Journalist und Sendungsverantwortlicher in Radio und Fernsehen im Einsatz, bevor er mit Anfang 40 in den kaufmännischen Bereich wechselte.
Kommentare