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Interview
09/18/2020

Philosoph Precht: Online gibt es "dankbare Abnehmer für gröbsten Unfug"

Richard David Precht spricht in seiner 50. ZDF-Sendung mit YouTuber Rezo.

von Georg Leyrer

Sonntag, 23.45 Uhr, das ist auch im deutschen Fernsehen die Zeit für Sendungen, die in die Tiefe gehen. Etwa für „Precht“.  Die Sendung des bekannten Philosophen Richard David Precht feiert nun ihre 50. Ausgabe. Er spricht diesmal mit dem YouTuber Rezo über dessen erfolgreiche Videos, in denen dieser u. a. die CDU aus einer Art jugendlicher Empörung über die Zustände angegriffen hat. Im Gespräch geht es u. a. darum, ob sich die Neuen Medien die klassischen als demokratische Öffentlichkeit ablösen.

KURIER: Es scheint Ihnen damit nicht sehr wohl zu sein, stimmt’s?
Richard David Precht: Ich mache mir Sorgen darüber. Wenn Öffentlichkeit sich verändert, hat das starke gesellschaftliche Konsequenzen. Dass einem da auch ein bisschen mulmig ist, ist unvermeidlich.

Weil diese neue Öffentlichkeit auch von einer neuen Art von Spinnern gekapert wurde, die glauben, sie werden gechipt beim Impfen und Corona ist eine Verschwörung der Juden?
Solche Menschen hat es immer gegeben. Das neue Phänomen besteht darin, dass diese Menschen sichtbar werden. Früher konnte man einander alle erdenklichen Verschwörungs- oder sonstigen abstrusen Theorien am Stammtisch erzählen. Heute sind die Echokammern größer geworden: Früher war das der Raum einer Gaststätte. Heute ist es das weltweite Netz, in dem man seine Meinung verstärken kann.

Was der Demokratie weltweit nicht gerade gut zu tun scheint.
Demokratie ist daran gebunden, dass Öffentlichkeit existiert. Dass ziemlich viele Menschen über das Gleiche reden und sich wie auch immer darüber verständigen. Und dass es auch einen recht breiten, nicht allumfassenden, aber breiten Konsens um Grundwerte und gemeinsame Vorstellungen gibt. Dass wir uns differenzierter informieren können mit Information, an die wir sonst gar nicht rangekommen wären, ist einerseits gut, führt aber auch dazu, dass der soziale Kitt leiden könnte. Das ist die Befürchtung.

Aber die klassischen Medien machen auch nicht alles richtig, da hat Rezo schon recht, oder?
Die eigentliche Pointe seines Videos „Die Zerstörung der CDU“ war ja nicht ein Angriff gegen diese Partei. Sondern er hat gewisse Themen, die in unseren Massenmedien zu kurz kommen, ins Rampenlicht gezerrt. Das ist verdienstvoll, das ist ein Korrektiv gegenüber den etablierten Massenmedien. Auf der anderen Seite haben wir alle möglichen YouTube-Kanäle, auf denen der gröbste Unfug in die Welt posaunt wird – und dankbare Abnehmer findet. Deswegen kann man die Frage, ob die alten oder die neuen Medien besser waren, nicht eindeutig beantworten.

Ist Rezo soetwas wie ihr Nachfolger bei der Generation online?
Ich glaube, Philosoph möchte er nicht sein. Ich sehe in Rezo oder in Thilo Jung von „Jung & Naiv“ eher die Nachfolger von Leuten wie Rudolf Augstein (Gründer des Spiegel und viele Jahrzehnte einer der einflussreichsten Journalisten Deutschlands, Anm.).

Allein das zeigt schon, wie viel sich in den Medien verändert hat. Geht das so weiter? Schauen wir alle bald nur noch YouTube – oder bleiben die alten Medien erhalten?
Vielleicht. Es ist zumindest Rezos These, dass die neuen Medien die alten nicht völlig ablösen werden. Sondern ergänzend dazutreten. Dann würde sich die Situation so dramatisch nicht darstellen. Tatsächlich glaube ich, dass es in manchen Punkten zur Ablösung kommt. Ich bin mir nicht so sicher, dass es in 10 oder 20 Jahren die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung in der Form noch gibt. Der Bedeutungsverlust wird kaum aufzuhalten sein.

Aber gerade das herkömmliche, lineare Fernsehen ist doch viel stärker unter Druck angesichts dieser neuen Videoformate?
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird sicher noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Aber die Frage ist: Wie lange bleibt es linear? Wird das öffentlich-rechtliche Fernsehen dann ein Produzent von Pay-TV –Stücken, die über Gebühren bezahlt werden? Oder tatsächlich etwas bleiben, das die Menschen gemeinsam vor den Bildschirm bringt? Das ist eine ziemlich offene Frage.

Ein Problem ist die Mediensituation, dass die erwähnten FAZ oder Süddeutsche Zeitung für den Online-Benutzer gleich wichtig erscheint wie das selbst zusammengeschusterte Meinungsvideo des Herrn Huber von Nebenan, oder?
Das ist schon richtig. Es wird einen weiteren Bedeutungsverlust der traditionellen Medien geben. Und dann werden sie gleich gerankt werden mit irgendwelchen Kleinformaten. Auf der anderen Seite wird es eine Frage der Bildung und der Urteilsschulung sein, sich qualifiziert informieren zu können. Es muss darum gehen, dass politische Meinungsbildung nicht derart erfolgt, dass man schaut, welche Meinung einem gerade einmal in den Kram passt. Das erleben wir im Augenblick überall – und es war vielleicht immer schon so. Man wünschet sich natürlich, dass das differenzierter wird. Dass die Menschen sich nicht die politischen Wahrheiten nach dem zusammenbasteln, was sie meinen. Sondern sich das, was sie meinen, an politischen Wahrheiten orientiert. Aber es ist ziemlich schwer zu sagen, ob der Zustand heute überhaupt schlechter ist als früher. In einer Zeit, als die meisten Deutschen sich über die Bildzeitung informierten, sah es auch nicht besser aus in dieser Republik als heute.

Was ist der Unterschied?
Die Emotionen spielen heute in allen erdenklichen Bereichen der Gesellschaft eine große Rolle. Früher haben die Menschen mit ihren Gefühlen stark hinter dem Berg gehalten. Wir sind so erzogen worden. Heute sind alle so erzogen, vor allem auf das zu hören, was sie fühlen. Das führt zu einer sehr schnellen Radikalisierung der Meinungsbildung. Und zu sehr schnellen Urteilen. Ich bin immer erstaunt, welche Menschen sich worüber zutrauen, eindeutige Urteile zu fällen. In den 60er, 70er, 80er Jahren waren die Menschen etwas vorsichtiger, was ihre eigene Meinung anbelangt.

Schlechte Zeiten für Intellektuelle, die kompliziertere, komplexere Meinungen vertreten und erklären müssen?
Das glaube ich nicht. Als Intellektueller hat man bessere Wirkungsmöglichkeiten als früher, das nimmt zu, nicht ab. Auch über einen eigenen YouTube-Kanal oder mit Formaten wie „Jung & Naiv“, wo meine Beiträge über eine Million Klicks haben. Jemand wie Adorno – ein Philosoph, der in der Öffentlichkeit stand, ein Vordenker der Gesellschaft - wurde nur von einigen Zehntausend Studenten gelesen.

Hätte Ihre Sendung in diesem künftigen Medienumfeld eine Chance?
Ich bin immer erstaunt, dass es ungefähr eine halbe Million Menschen sind, die das live gucken. Zu einer unwirtlichen Zeit, sonntags um Mitternacht, wo ich selbst im Bett liege. Und darüber hinaus gibt es eine hohe Klickzahl. Das ist doch ein sehr erfreuliches Signal dafür, dass es um Deutschland in Hinblick auf Bildung und differenzierte Urteile so schlecht nicht bestellt ist.

Sendung: ZDF, Sonntag, 20. September 2020, 23.45 Uhr

Ankündigung: Die Medienwelt hat sich radikal verändert. Neue Meinungsmacher treten hervor, Blogger und Youtube-Stars mit großem Einfluss, und sie fordern die klassischen Meinungsmacher des Fernsehens und der Presse heraus. Richard David Precht empfängt in seiner 50. Ausgabe der philosophischen Gesprächsreihe im ZDF Rezo, einen der markantesten Youtube-Stars. Mit seinem Gast spricht Precht über die Zukunft des Journalismus, über Aufklärung, Marktzwänge und Meinungsmacht. Und er stellt die Frage: Teilen wir überhaupt noch eine gemeinsame Wirklichkeit?

 

Worum es nach landläufiger Meinung schlecht bestellt ist, ist das Schriftliche und das Textverständnis.
Das nimmt ab, ja. Ohne Zweifel. Auch an den Universitäten nimmt die Bereitschaft, lange, komplizierte Texte zu lesen, ab. Die war, muss man ehrlich sagen, auch in meiner Generation nicht so groß. Die Leute, die sich im Philosophiestudium mit Vergnügen durch Kants „Kritik der reinen Vernunft“ gequält haben, war auch eine ganz kleine Minderheit. Aber diese Tendenz hat sehr stark zugenommen.

Wie bewerten Sie das?
Gut ist das nicht. Die Bildintelligenz, die Verarbeitung von Visuellem ist viel größer geworden. Auf Kosten der Textkenntnis und der Konzentration, sich auf lange Texte einzulassen.

Die können wir uns ja künftig von einer Künstlichen Intelligenz lesen und zusammenfassen lassen?
Und in gleichem Maße kann sie uns irgendwelchen Blödsinn erzählen. Das ist keine Entwicklung, auf die man sich jetzt freuen sollte.

Gerade bei Corona sieht man, wie viel Unsinn jetzt schon verbreitet wird – und wie gut der sich fortsetzt. Birgt das reale Gefahren?
Die Mehrheit der Menschen in Deutschland befürwortet nach wie vor die Maßnahmen. Es ist eine kleine Minderheit, die dagegen rebelliert. Allerdings sehr, sehr laut und unter großem Interesse der Medien. Man wird einen Lockdown wie den im Frühjahr nicht wiederholen können. Im Augenblick scheint ein Nebelstreif am Horizont aufzutauchen, dass wir möglicherweise schon diesen Winter einen Impfstoff bekommen. Wie gut der dann schützen wird, ist eine andere Frage. Ich denke, dass die Situation ihren Höhepunkt erreicht hat, auch was Proteste angeht. Und dass das allmählich abflaut.

 

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