Hackathon zur ORF-Zukunft: „Der Markt allein wird es nicht richten“

Der ORF wird einen neuen öffentlich-rechtlichen Auftrag bekommen. Im Funkhaus wurde dessen Funktion zwischen Big-Tech-Warlords und KI-gestützter Desinformation diskutiert.
Ein Plakat des ORF-Hackthons

Im geschichtsträchtigen früheren ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße ging es am Freitag um die Zukunft des Öffentlich-Rechtlichen. Das Medienministerium unter Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) will im Herbst, nach der Neubestellung der ORF-Führung, die Weichen für einen neuen ORF-Auftrag stellen. Die kleinste Partei in der Dreier-Koalition will da ein fertiges Konzept vorlegen. Dafür lud das Neos-Lab interessierte Bürgerinnen und Bürger zum „Hackathon“ -  der Auftakt einer Veranstaltungsreihe. 

Der Markt allein richtet nichts

Den Auftakt gab der Politikwissenschaftler und Strategieberater Leonard Novy. Er sieht die traditionellen Medien durch den Druck der Tech-Giganten an einer „kritischen Weggabelung“. Es sei klar, „der Markt allein wird es nicht richten.“ Deshalb kommt den Öffentlich-Rechtlichen eine wichtige Funktion zu.  „Es gibt diesen Gemeinplatz: Wenn es die öffentlich-rechtlichen Medien in dieser Zeit nicht gäbe, dann müsste man sie erfinden – aber man würde sie ganz anders bauen als damals“, konstatierte Novy. Eine „Reform bei laufendem Motor“ sei notwendig.

"Warlords" und die Tech-Giganten

Novy zeichnete ein kritisches Bild der globalen, von internationalen Plattformen beherrschten Informationsumgebung. Der spanische Premier Pedro Sánchez nannte sie jüngst „digitalen Wilden Westen“ oder „failed state“. „Wir leben in einer Infrastruktur, deren politische Ökonomie von wenigen Tech-Konzernen ohne demokratischen Auftrag dominiert wird“, so Novy.  Wenn jemand wie Elon Musk als „Warlord“ nach Tageslaune über die Regeln des demokratischen Diskurses entscheide, sei die Freiheit der Meinungsbildung bedroht.

Verschärft wird die Lage durch das „Zero-Click-Net“: Nutzer erhalten Informationen direkt über KI, ohne Verlagsseiten zu besuchen. Das entzieht dem Journalismus die Geschäftsgrundlage. Das sei „klassisches Marktversagen“, so Novy. Der gesellschaftliche Wert von Journalismus sei höher als die Bereitschaft, dafür zu zahlen.

Publizistische Grundversorgung

Trotz eigener Fehlern seien Öffentlich-Rechtliche in dieser Situation kein Luxus. Im Gegenteils sichere er die publizistische Grundversorgung in einer Medienwelt, die die KI immer stärker prägt.

Für den ORF heißt das: Er muss digitaler, transparenter und kooperativer werden. Der Strategieberater kritisierte: „Es ist realitätsfern, den Auftrag im Digitalen über Verbote bestimmter Online-Kanäle regeln zu wollen.“ Stattdessen soll sich der ORF zu einem „gemeinwohlorientierten Kommunikationsnetz“ entwickeln – einem „Knotenpunkt“, der auch privaten Medien und der Zivilgesellschaft offensteht.

Entscheidend für Novy: „Der ORF dient uns als Bürgerinnen und Bürger, nicht als Konsumenten.“ Vertrauen entstehe durch Dialog und Teilhabe, nicht durch das bloße „Hineinsenden in die Gesellschaft.“ Die „mediale Daseinsvorsorge“ durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei heute wichtiger denn je. 

Visionen zwischen „Heimatleuchte“ und „Hub“

Verändern, um zu bleiben, an diesem Punkt setzte der Hackathon an. Die Anweisung die Arbeitsgruppen lautete „Vergesst bestehende Strukturen!“

Die von Teilnehmenden erarbeiteten unterschiedlichen Modelle:

  • Plattform-Strategie: Ein Entwurf sah vor, lineare Sender zugunsten einer zentralen, zeitlosen Plattform („ORF On“) aufzugeben.
  • Modell „Heimatleuchte“: Dieser Ansatz sieht eine organisatorische Straffung der Landesstudios vor, wobei die regionale Verankerung durch moderne Produktionstechniken und Kooperationen gestärkt werden soll.
  • Der „öffentlich-rechtliche Algorithmus“: Eine weitere Gruppe entwickelte die Vision eines transparent kuratierten „Hubs“, der seine Infrastruktur auch anderen privaten Qualitätsmedien öffnet.

Neos-Medienpolitikerin Henrike Brandstötter resümierte: „Niemand wollte den ORF sprengen, in die Luft jagen oder zusperren.“ Ein älterer Besucher erinnerte sich, früher seien die Neos komplett gegen den ORF eingestellt gewesen. Im März setzt Neos Lab die Konzeptsuche fort.

 

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