Parteimedien, KI-Schlamm und ORF-Wahl: Das bringt das Medienjahr 2026
2026 wird, so wie jedes Jahr seit einem Vierteljahrhundert, ein entscheidendes Jahr für die Medien. Damit ist weniger die ORF-Wahl gemeint, die bei aller Bedeutsamkeit für den kleinen heimischen Medienmarkt trotz der lautstarken politischen Begleitmusik doch nur ein lokales Randphänomen ist. Vielmehr sehen sich die Medien vor drei wirklich großen Herausforderungen: der KI-Umstellung bei Google, der Zuspitzung der Glaubwürdigkeitsdebatte durch KI-Fakes und der ungünstigen Gemengelage aus schwindenden Ressourcen und zunehmenden politischen Attacken.
Ein neuer, eventuell alter Chef für den ORF
Am 11. August wird der Chefsessel am Küniglberg neu besetzt, eventuell mit dem derzeitigen Chef Roland Weißmann. Oder auch nicht. Die Wahl des ORF-Generals ab 2027 wird aber, wie immer, vor allem ein Polittheater: Der vermeintlich entpolitisierte ORF wird politisch besetzt. Laut einer Nebenabsprache zum Koalitionsvertrag darf die ÖVP den ORF-Generaldirektor sowie Direktoren für Finanzen und Technik vorschlagen, die SPÖ jene für Programm und Radio. Ob es so kommt, wird am Koalitionsklima und den Kandidaten liegen. Gewählt wird dann vom Stiftungsrat, dessen Mitglieder in politischen Freundeskreisen organisiert sind. Die FPÖ, diesmal nicht selbst im Spiel um die Macht, wird gegen die Politisierung, die Gebühren und alles Weitere wettern – das sind immer schwierige Monate für den öffentlich-rechtlichen Sender. Kandidaten für den obersten Job gibt es einige, dass sie mehr oder weniger alle abwinken, heißt nichts: Der Job ist, trotz des hohen politischen Drucks, heiß begehrt. Die nächste Führung sieht unruhigen Zeiten entgegen: Der ORF muss sparen, und die bei allen Umfragen führende Partei hat sich seine Dezimierung auf die Fahnen geheftet.
Von Georg Leyrer
„Bittere Tränen“ prophezeite mein Kollege Thomas Trenkler an dieser Stelle jüngst den Kulturschaffenden angesichts der heuer zu erwartenden Sparmaßnahmen in dem Bereich. In der Medienbranche sind bittere Tränen schon lange keine Zukunftsmusik mehr.
Sie sind aber auch keine wirkmächtige Gegenmaßnahme gegen die permanente Krise, die, siehe oben, die unsympathische Tendenz zeigt, von Jahr zu Jahr eher verzwickter zu werden. Was also tun?
Interessanterweise tun sich in diesen Herausforderungen auch Marktlücken auf. Der KURIER setzt intensiv auf Regionaljournalismus – auf Berichterstattung, die nahe an die Menschen heranrückt. Aus dem Leben, der unmittelbaren Umgebung zu berichten, das abzuholen, was die Menschen vor ihrer Haustür bewegt, das kann so bald keine KI.
Inseln im KI-Schlamm
Dazu zählt auch ein neues journalistisches Augenmerk darauf, was die Menschen als Menschen bewegt. Da geht es zunehmend um Fragen des Wohlbefindens und auch um Geistes- und Herzensbildung. Wie das neue Gasthaus so ist, wie die Theaterpremiere war, was man tun kann, um die mentale Last zu verringern, was im Kino sehenswert ist – hier Beurteilungsangebote zu setzen, schüttet inhaltliche Inseln auf im Schlamm an KI-Unsinn, der derzeit online überhandnimmt. Diese Inseln in allen journalistischen Bereichen glaubhaft anzubieten, ist das neue Alleinstellungsmerkmal von Qualitätsmedien.
Vor völlig neue Herausforderungen gestellt ist angesichts dessen der Reichweitenjournalismus – durch die Umstellung bei Google und die Konkurrenz durch die Flut an Massenware, die ohne viel Aufwand mit KI zu erstellen ist.
Letztlich bleibt den Menschen die Entscheidung, womit sie ihre Zeit verbringen wollen. Journalismus muss, ohne sich in der Defensive zu sehen, erklären, warum sich sein Konsum mehr lohnt als das endlose Scrollen am Handy.
Medienförderung sucht nützliche Reformen
Die schlechten Nachrichten aus dem heimischen Medienbereich mit Kündigungswellen von Print bis Privat-TV werden auch 2026 nicht abreißen. Etwa 1000 Journalistinnen und Journalisten sind derzeit arbeitslos gemeldet. Der Hauptgrund für die Misere: Werbegelder fließen zunehmend an die großen US-Konzerne und nicht mehr an die Medien. Wie man dem gegensteuern kann, will Medienminister Andreas Babler (SPÖ) evaluieren: Das Förderwesen soll auf Basis einer wissenschaftlichen Analyse erneuert, in der Struktur einheitlicher gestaltet und treffsicherer gemacht werden. Wie immer bei Mediendebatten, werden auch die Regierungsinserate thematisiert. 2026 sollen über eine neue Vertriebsförderung und ein „Meine-Zeitung-Abo“ für junge Menschen mehr Geld – etwa 50 Millionen – an die Medien fließen.
Eine neue Hürde für die Finanzierung der Medien
Die ohnehin schon große Herausforderung, nicht mehr mit Print, sondern online die eigene Redaktion zu finanzieren, wird 2026 noch größer. Geld gibt es online einerseits durch Abos, andererseits durch Werbung. Damit Letztere belastbare Summen abwirft, brauchen die Medien Online-Reichweite, sprich: möglichst viele Seitenaufrufe. Ein nennenswerter Prozentsatz dieser Aufrufe wird dadurch erzielt, dass Artikel in der Onlinesuche gefunden und dann aufgerufen werden. Nun aber stellt(e) Google sein Angebot grundlegend um: Die Suchmaschine spuckt nicht mehr nur Links zu Ergebnissen aus, sondern KI-Zusammenfassungen dessen, was gesucht wird. Der Nutzer findet also bereits bei Google jene Info, die er gesucht hat, und klickt nicht mehr weiter. Das verändert das Finanzierungsgefüge erneut. Große Medienanbieter in den USA und Europa haben bereits KI-Unternehmen geklagt, da diese ihre Rechercheergebnisse ohne Vergütung nutzen.
Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt
Ein Trend wird sich weiter verschärfen: Viele Menschen suchen zunehmend nur jene Nachrichten, die ins eigene Weltbild passen (siehe Punkt 5). Somit ziehen sich immer weitere Kreise von der Herausforderung zurück, die die notwendigerweise oftmals ambivalent bleibenden Qualitätsmedien darstellen. Dieser demokratiepolitisch brandgefährliche Rückzug in den eigenen Meinungszirkel, Symptom einer polarisierten Gesellschaft, wird von den Sozialen Medien befördert. Und der flächendeckende Einsatz von KI wird hier alles erneut durchschütteln: KI-gefälschte Bilder, Videos und Audioaufnahmen werden dazu benützt werden, die Glaubwürdigkeit von Medien weiter in Zweifel zu ziehen.
Politiker arbeiten an den Medien vorbei
Die politischen Extreme haben eine Sicht bis weit in die Mitte hinein durchgesetzt: dass nicht die Qualitätsmedien, sondern die eigene Parteisicht „objektiv“ sei und alles andere „Zensur“ und „Meinungsmache“. Parteimedien werden zunehmend ein Sammelbecken all jener, die sich von einem neutralen Diskurs verabschieden wollen. Dass die Medien finanziell zu kämpfen haben, verändert auch das Verhältnis zwischen Politik und vierter Säule – nicht zugunsten der Medien.
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