"Ich habe ein bissl g’weint": Der Opernball 2026 im ORF
*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*
Philipp Hochmair hat es geschafft: Bei ihm ist es schon eine Schlagzeile, wenn er beim Wiener Opernball nur einen stinknormalen Frack trägt.
Aber Sharon Stone, ebenfalls Schauspielerin, hat noch etwas viel Tolleres geschafft: Mit ungefilterten Emotionen wahrhaft zu bewegen, auch wenn man sich zwischendurch schon fragen musste, wie es zu diesen Ausbrüchen kam.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat es auch wieder geschafft, pünktlich zur Eröffnung des Balls vor der Wiener Staatsoper zu erscheinen. Christoph Wagner-Trenkwitz - er saß zum 25. Mal mit Karl Hohenlohe im (noch einmal kleiner gewordenen) Kommentatorenkammerl – bedankte sich dafür. Hohenlohe dankte den Chauffeuren. Wagner-Trenkwitz meinte: „Sie dürfen ja gegen die Einbahn fahren.“ Und beim Opernball gilt schließlich die Rettungsgasse – wie die beiden Kommentatoren seit 2012 jedes Jahr verlässlich beim Einzug der Debütant:innen sagen.
Christoph Wagner-Trenkwitz und Karl Hohenlohe (Archivfoto).
Was die beiden seit 2001 schaffen: Alle wesentlichen Infos über den Opernball zu vermitteln und dabei einen so passend wienerischen Witz zu verwenden. „Wir besteigen wieder die Arche Noah der schönen Welt“, sagt Wager-Trenkwitz eingangs. Denn bei aller Staatsgetragenheit darf man das Geschehen nur bedingt ernst nehmen. Etwa, wenn Harald Glööööööööööckler, wie Wagner-Trenkwitz sagt, in der Loge Andi Knoll sein Lippenstift-Arsenal zeigt und sagt: „Blondinen haben mehr Spaß.“ Bei rotem Lippenstift würde das Publikum sechs Sekunden hinschauen, ohne roten Lippenstift nur zwei Sekunden. Küssen und Tanzen kosten jedenfalls extra, meint der Modedesigner. Andi Knoll lehnt im Namen des ORF dankend ab: „Wir müssen sparen.“
Von St. Willibald nach Wien
Aber zurück zum Bundespräsidenten. Er wurde vor der Staatsoper mit einer Fanfare empfangen. Assoziationsmeister Wagner-Trenkwitz weiß: „Übrigens wurde auch Sharon Stone in St. Willibald mit einer Musikkapelle begrüßt.“
Während er das sagt, sieht man Van der Bellen mit Gattin Doris Schmidauer über den roten Teppich schreiten, sie betrachten einige verstreute Pokerkarten, die am Boden liegen.
Während sie das tun, betonen die Off-Kommentatoren, wie sehr alle von Sharon Stone gerührt waren. „Ich habe ein bissl g’weint“, sagt Wagner-Trenkwitz, „unter uns“.
Hollywoods Sex-Symbol der 1990er hat ja darüber geschwärmt, wie fesch und kraftvoll die österreichischen Polizisten sind. Das führte sie zu dem Gedanken: "Es ist so freudvoll!" Sie habe das Gefühl eines Landes in Einheit "und mit kulturellem Stolz".
Ist Sharon Stone auch eine Assoziationsmeisterin? Oder einfach nur von irgendetwas überwältigt?
Grammy, Granny, Nanny
Wesentlich gefasster ist US-Stargast Nummer zwei: Fran Drescher. Die ewig junge „Nanny“, gnadenlos lächelnd, über ihre Lebenstipps: „Gib niemals auf. Glaub immer an dich selbst.“
Den Konsumenten der deutschen Synchronisation der Sitcom „Die Nanny“ ist ja nicht bewusst, über welch schnarrendes stimmliches Organ die Drescher verfügt. Wagner-Trenkwitz glaubt, sich in ihre Stimme verliebt zu haben.
Fran Drescher.
Ganz präsidentiell spricht Van der Bellen im Interview mit Mirjam Weichselbraun von einer "Botschaft der Zuversicht", die der Opernball in die Welt tragen könne. "Viele ausländische Gäste sehen, wie man friedlich gemeinsam feiern kann, ohne Prinzipien aufgeben zu müssen."
Präsident will auch Pianist Rudolf Buchbinder werden, also „Präsident von Grafenegg“, um Gerüchten einer Bundespräsidentschaftskandidatur vorzubeugen, also Präsident des Festivals Grafenegg, wie er anfügt.
Auch einen Grammy-Preisträger machen Hohenlohe und Wagner-Trenkwitz in den Logen aus (Tenor Herbert Lippert). „Kein Granny-Preisträger und auch kein Nanny-Preisträger“.
Ein Wortwitz – den Andi Knoll natürlich macht - bietet sich auch in der Debütant:innenschar an: In der „Bohl-Position“ steht Paulus Bohl.
Warum eigentlich? Sind die Tanzpaare nach Alter geordnet? „Dancing Star“ und Kabarettist Bohl erfüllt mit 29 Jahren gerade noch das Maximalalter für Debütanten. Als Frau wäre er dafür schon zu alt, da darf man maximal 25 Jahre alt sein. Solche Regeln wirken reichlich antiquiert, passen aber zum Opernbohl … äh … ball.
Bohl-Position.
Ohne Richard Lugner
Zum Opernball passte sehr lange Richard Lugner. Ihn wird man noch sehr lange zur Opernballzeit erwähnen müssen. Und Wagner-Trenkwitz hat dankenswerter Weise nachgerechnet: Es ist der 36. Opernball ohne Richard Lugner, „weil er auch vorher nicht da war“.
Eigentlich unvorstellbar, dass es jemals einen Opernball ohne Richard Lugner gegeben hat.
Unvorstellbar wäre auch ein Opernball ohne irgendein Fünkchen politischer Agitation. Dieses Jahr besorgt diesen Job die grüne EU-Abgeordnete Lena Schilling, auf deren Glitzerkleid ein Schriftzug prangt: „Tax the rich, Save the Climate.“
Früher schrieben die Opernballdemonstranten noch „Eat the rich.“ So ändern sich die Zeiten.
Die Eröffnung ist dann von auffälliger Musicalhaftigkeit. Für das „Alles Walzer!“ braucht es einen zweiten Anlauf.
Die Logeninterviews sind dann von auffälliger Opernballhaftigkeit.
"Ein schöner Koffer"
Vizekanzler Andreas Babler meint: „Über Mitternacht bleiben wir auf jeden Fall. Aber ich hab‘ der Mama vom Max versprochen, dass ich ihn zeitgerecht nach Hause bringe.“
Sein Begleiter Max Minichmayr, Klient der Lebenshilfe Baden, legt dann im Teesalon ein paar wunderbare Walzerschritte mit Mirjam Weichselbraun hin.
Teresa Vogl interviewt die beiden Eröffnungssänger Pretty Yende und Benjamin Bernheim. Opernsängerin Yende freut sich, den gesamten Raum mit Freude gefüllt haben zu können, sie habe sich „wie in einer Bubble“ gefühlt. Teresa Vogl ergänzt auf Englisch, dass die Bubble schon von „ein paar Zuschauern im Fernsehen“ beobachtet wurde. Den Opernsänger Bernheim fragt Vogl, ob er denn auf seinen Konzertreisen immer etwas dabeihabe, was ihm ein Gefühl von Zuhause gebe. „Meinen schönen Koffer“, antwortet Bernheim. Aber auch die „Familie“ der vielen Kolleginnen und Kollegen, die er an den verschiedenen Schauplätzen der Klassikwelt antreffe.
„Ein schöner Koffer …“, kommentiert Wagner-Trenkwitz bei offenem Mikro. „Das ist ein Kompliment, das du kennst.“
Eine Schoki, die alles verändert
Beim zweiten Versuch führen Sharon Stone und Andi Knoll dann doch noch ein unfallfreies Gespräch. Der Filmstar schwärmt: "Es ist so schön! Ich habe meinem Freund gesagt, das ist wie die Filme die ich früher gesehen habe, in Technicolor. Man weiß nie passiert - und plötzlich bin ich in einem dieser Filme", sagte der sichtlich gelöste Filmstar beim Interview in der Loge. Ob sie tanzen werde? "Ich glaube nicht, dass mich die Menschen tanzen lassen werden." Andi Knoll hat ihr eine Bitterschokolade mitgebracht. Sharon Stone öffnet sie sofort, sichtlich erfreut und beißt zu. "Das wird alles verändern", sagt sie lachend, "Ich werde nicht mehr grantig sein, sondern wirklich, wirklich nett".
Hollywood-Koch Wolfgang Puck freut sich nicht auf Trostschokolade, sondern auf Kärntner Kasnudeln mit schwarzen Trüffeln, in der Früh dann „müssen wir schon noch ein Würstel kochen“.
Ob Würstel oder nicht - Fernseh-Koch Johann Lafer will heute „einfach nur genießen“. Was auf den Teller komme, sei zweitrangig.
Mirjam Weichselbraun lässt das Thema aber nicht los: „Was müsste ich denn kochen, damit Sie glücklich sind?“
Lafer, schelmisch: „Das muss nicht immer was mit Kochen zu tun haben.“
Weichselbraun nimmt's locker: „Naja, ich koch‘ halt ganz gern.“
Da wird einem dann wieder bewusst, wie rasch man sich bei Opernballinterviews die Finger verbrennen kann.
Die Spencer-Zwillinge.
Hallo, Spencer!
Wesentlich stilsicherer sind die Spencer-Zwillinge, zwei Nichten von Lady Diana. Die Ladies Eliza und Amelia Spencer verstehen sich auf die üblichen royalen Komplimente für das Event. Den „Jetzt wollen wir gehen“-Blick hätten diese noch nicht aufgesetzt, meint Weichselbraun. Sie rechnet vor, dass die beiden altersmäßig eine Minute voneinander entfernt seien, sie selbst zwei Minuten von ihrer Zwillingsschwester.
Eine Auflage für Wagner-Trenkwitz: Er und Hohenlohe würden oft „die Zwillinge des Opernballs“ genannt. Oder auch „Bud Spencer und Terence Hill des Opernballs“. Was wieder zu den Spencers zurückführt. „Ich wüsste so gerne, welche eine Minute älter ist“, sagt Wagner-Trenkwitz.
Der „Immobilien-Punk“ vollführt etwas, das entfernt wie Walzer aussehen soll, auf dem Tanzparkett und trägt einen bunten Zylinder.
Es wird also langsam Zeit für den „Jetzt wollen wir gehen“-Blick.
Karl Hohenlohe kann sich die Frage nicht verkneifen, wann denn die „Mitternachtsquadrille“ beginne. „Die Quadrille, was ist das überhaupt?“ fragt er.
„Sie folgt strengen Regeln, die keiner kennt“, sagt Wagner-Trenkwitz.
Klingt irgendwie nach einer Zusammenfassung des Opernballs.
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