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TV-Tagebuch
10/31/2019

Ökologischer Umsturz? Rackete würde manche Manager einsperren

Die ehemalige Seetnotretterin sprach bei Armin Wolf im "ZiB2"-Studio über ihre radikalen Vorstellungen von einer Änderung des politischen und wirtschaftlichen Systems.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*


Carola Rackete ist wohl die bekannteste Kapitänin der Welt. Die Niedersächsin steuerte Ende Juni das NGO-Rettungsschiff "Sea-Watch 3" mit 53 Migranten an Bord ohne Erlaubnis der Regierung in Rom in italienische Gewässer und in den Hafen von Lampedusa. Sie wurde daraufhin vorübergehend festgenommen.

Aus der Seenotretterin ist nun eine Klimaaktivistin geworden, und zwar eine durchaus radikale, wie am Mittwochabend im "ZiB2"-Interview mit Armin Wolf offenbart wurde. Auch wenn sie dort zu Beginn noch zum Leid der Flüchtlinge in Nordafrika und zu dem von ihr formulierten "Recht auf Migration" befragt wurde. Aber bereits in diesem Frageteil sprach Rackete vom "globalen Süden", der von kolonialen Machtverhältnissen gebeutelt sei, von denen der "globale Norden" profitiere.

In ihrem Buch "Handeln statt Hoffen", das sie gestern in Berlin vorgestellt hat, richtet sie einen "Aufruf an die letzte Generation". Darin ruft sie zu zivilem Ungehorsam und Massenprotesten auf. Das aktuelle wirtschaftliche und politische System müsse gestört werden. Nur so könne auf die schnellen Veränderungen gedrängt werden, die zum Schutz der Umwelt nötig seien.

Rackete und die letzte Generation

"Wir sind die letzte Generation. Wir sind an einem Wendepunkt, an dem wir uns entscheiden müssen: Wollen wir weiterleben oder nicht?“ schreibt Rackete. Armin Wolf fragt: "Bei allem Respekt - ist das nicht pure Panikmache?"

"Nein, das ist vollkommen der Lage angemessen", sagt Rackete mit ruhiger Stimme. Wenn es mit der Klimakrise so rapide weitergehe, stehe die Welt vor der Situation, "dass wir vor 2050 zwei Grad Temperaturerwärmung erreichen.“ Sie bemüht die Wissenschaft, die vorgerechnet habe, dass dies zu "Kippelementen" führe, die unumkehrbare Rückkopplungseffekte erzeugen, selbst dann, wenn noch dagegengesteuert würde. Diese Systeme, wie Rackete sagt, würden sich immer mehr erwärmen, und am Ende des Jahrhunderts stünde man dann bei 3 bis 5 Grad Erwärmung. "Niemand kann genau sagen, wie viele Menschen dann auf dem Planeten leben können“, erklärt die Aktivistin. Daher seien wir tatsächlich "die letzte Generation, die mit effizienten Maßnahmen verhindern kann, dass wir diese zwei Grad erreichen.“ Jetzt sofort und in der nächsten Dekade müsse man "massiv etwas unternehmen“.

Manager aufgrund von "Ökozid" einsperren?

Wolf spricht "radikale Maßnahmen" an, die in Racketes Buch gefordert werden. Der Ökozid, also die Zerstörung der Natur, solle ähnlich bestraft wie Völkermord oder Kriegsverbrechen. Ob sie tatsächlich dafür sei, Manager von Ölkonzernen, Autofabriken und Gaskraftwerken möglicherweise einzusperren?

Rackete zeigt sich erbarmungslos. "Das könnte eine Folge davon sein, wenn man den Ökozid als Verbrechen gegen den Frieden etablieren würde", sagt sie.

Seit zirka 50 Jahren sei "bekannt, dass die Klimakrise menschengemacht ist“. Konzerne hätten viel Geld investiert, "um die Öffentlichkeit fehlzuleiten." Als Beispiel für das bessere Wissen dieser Firmen führt sie an, dass Ölkonzerne ihre Bohrinseln zum Teil sogar gegen Klimafolgen abgesichert hätten. Ihr Schluss daraus: "Das sind Verbrechen, weil diese Firmen das in vollem Umfang wissentlich in Kauf genommen haben; für ihren eigenen Profit zerstören sie die Ökosysteme und die Grundlage für viele, viele Menschen."

Ruf nach Verbot von Wirtschaftswachstum

Interviewer Wolf referiert weitere radikale Forderungen, die er unter einer "ökologisch motivierten Planwirtschaft" subsummiert: Rackete fordere eine völlig neue Wirtschaftsordnung, in der kein Wachstum mehr erlaubt sei, außerdem Mindest- und Höchstgehälter, eine 20-Stunden-Arbeitswoche, Verbot von Werbung. Aber ob das demokratisch durchsetzbar sei?

Rackete hält sich nicht lange mit Fragen der demokratischen Durchsetzbarkeit auf. Viele Leute hätten verstanden, "dass es mit dem Wirtschaftswachstum so nicht weitergehen kann.“ Deutschland zum Beispiel habe am 3. Mai dieses Jahres bereits alle Ressourcen verbraucht, die man innerhalb eines Jahres wiederherstellen könnte.

"Problem mit der aktuellen Demokratie"

"Wir betreiben Raubbau an den zukünftigen Gernerationen", sagt Rackete, es gelte, den Ressourcenkonsum einzuschränken. Auch Wissenschafter der Post-Wachstums-Ökonomie würden die Frage aufwerfen, "ob es nicht möglicherweise ein Genug gibt in unserem Wirtschaftssystem.“

Wolf fragt sich noch einmal, ob das nicht schwer umsetzbar sei, wenn es stimme, dass die Politik ausschließlich die Interessen einer kleinen Elite betreibe, wie Rackete schreibe. Fordere sie dann nicht eigentlich einen "Ökologischen Umsturz, eine Revolution?“

Rackete sieht ein "Problem mit der aktuellen Demokratie". Mandatare würden ihre Tätigkeit in den Parlamenten als Beruf betrachten, sich bloß für ihre Wiederwahl interessieren. Danach streben sie einen Aufsichtsratsposten in einem, der von Rackete gebrandmarkten Unternehmen an. Diese würden wiederum viel Geld in Lobbyingarbeit stecken, was viele der Abgeordneten in eine Abhängigkeit treibe.

"Die ganz normalen Leute"

Sie fordert neue Formen der Demokratie, eine Art Bürgerversammlung, "wo Bürger selbst mehr mitentscheiden können." Leute aus der Mitte der Gesellschaft, die "sich nicht von Eliteinteressen leiten lassen, sondern von dem, was für die ganz normalen Leute von der Straße das Beste wäre."

"Das Beste", und das für die kleinen Leute von der Straße. Im Grunde ist das eine Forderung nach direkter Demokratie, die sich auch die meisten rechtspopulistischen Parteien auf ihre Fahnen heften. Nur, weil es in diesem Fall von Links kommt, muss es nicht der geeignete Weg sein, um die Welt zu retten. Gerade die Forderung nach einem raschen Handeln spießt sich mit utopisch anmutenden Wünschen nach einer radikalen Änderung der Verhältnisse in einer Vielzahl an Staaten.

Wolf zitiert noch einmal aus dem Buch: "Die Ordnung, die wir haben ist falsch und zerstörerisch. Die muss gestört werden, weil sonst Menschen sterben. Wir brauchen Massenproteste und eine möglichst hohe Störung der öffentlichen Ordnung.“ Sein trockener Kommentar: "Wenn eine Partei das fordern würde, würde man sie zumindest vom Verfassungsschutz beobachten lassen."

War es ein Schmunzeln?

Jetzt umspielt ein klitzekleiner Anflug von Schmunzeln Racketes Mundwinkel. Der Autor dieses TV-Tagebuchs könnte sich aber auch irren.

Denn Rackete zeigt zum Schluss noch ein Mal wie ernst es ihr ist: "Es ist wirklich wichtig, dass die Leute verstehen, wie dramatisch die Lage ist. Dürren, Wasserknappheit überall, das wird Konflikte anheizen, es wird in den nächsten Dekaden auf der Erde sehr schwierig werden. Dann wird man auch verstehen, dass man gegen dieses Nichtstun der Regierungen einfach protestieren muss, weil wir diese Veränderungen einfach brauchen."

Rackete könnte, wenn sie breite Massen für ihre Forderungen gewinnen möchte, ebenfalls eine Veränderung brauchen: Hin zu etwas mehr Verve und Emotion. Am Schluss unterblieb sogar die Antwort auf Wolfs "Vielen Dank für das Gespräch".

Vielleicht kann aber gerade diese ruhige, kaum ohne Höhen und Tiefen gesetzte Sprache bei den "ganz normalen Leute von der Straße" mehr Wohlwollen bewirken als Greta Thunbergs spitzes "How dare you …"

Wobei Carola Rackete wirklich noch am Beginn ihrer Störungsarbeit im Sinne der Ökologie steht.

Zum Nachschauen: ZiB2-Interview mit Carola Rackete in der ORF-TVThek