(v.li.): Markus Nestroy (Kamera), Marvin Kren (Regie) und Robert Finster (Freud) beim Dreh in Prag

© ORF/Jan Hromádko

Kultur Medien
05/22/2019

"Freud"-Regisseur Marvin Kren: „Die Opulenz der Fantasie ausleben“

Der österreichische Regisseur, Autor und Executive Producer über ORF-Netflix-Serie, Druck und die Liebe zum Kino.

von Christoph Silber

Mit letzten Außenarbeiten in Wien gehen diese Woche die Dreharbeiten zu „Freud“ mit Robert Finster in der Titelrolle sowie Ella Rumpf und Georg Friedrich zu Ende. Regisseur, Autor  und Executive Producer  Marvin Kren über die  Mystery-Thrillerserie, der ersten Zusammenarbeit von ORF und Netflix.

Sie sind bei „Freud“ in einer Mehrfach-Rolle tätig: als Regisseur, Autor und Executive-Producer. Was bring das an Gestaltungspielraum und wann wird es mühsam?

Ich habe an einer Filmhochschule mit kleinen Filmen begonnen, dann folgten über die Jahre Fernsehen und Kino und zuletzt mit „4 Blocks“ noch größeres Fernsehen. Durch dieses unterschiedliche Arbeiten lernt man die Mechanismen dieses Geschäfts kennen. Man lernt aber auch, dass es unterschiedliches kreatives Schaffen gibt. Anders als bei anderen ist mir wichtig, dass es bei jedem Projekt eine bestimmende kreative Stimme gibt. Das heißt jetzt nicht, dass es nur Marvin Krens Stimme sein darf - im Fall von "Freud" sind es meine beiden Co-Autoren Benjamin Hessler und Stefan Brunner, mit denen ich gemeinsam „Freud“ entwickelt habe. Jetzt am Set befinde ich mich in einer Königsposition, weil ich dieses Projekt so wie ich es mir vorstellte, dorthin bringen kann, wo wir drei es haben wollen.

Was ist das Spannende an diesem Stoff, dass Ihr so lange - fünf Jahre bis zur Umsetzung - daran festgehalten habt?

Produzent Heinrich Ambrosch hatte die Idee gehabt, Freud zu fiktionalisieren und ihn in ein abenteuerliches, unheimliches Wien zu stecken. Ich fand dann die ersten Ansätze ganz interessant, meinte aber, dass da noch mehr drinnen wäre. Ich wollte noch mehr die Persönlichkeit Freuds herausarbeiten und hinterfragen, aber gleichzeitig eine unfassbar unterhaltsame, spannende, tiefenpsychologische Geschichte machen. Das war dann das Ziel unserer Drehbuch-Arbeiten der letzten zwei Jahre. Wobei, wir schummeln ja ein wenig und ich hoffe, er wird uns dafür nicht in die Hölle jagen, denn wir verhandeln genau die Zeit, in der er sehr viele seiner eigenen Schriften bewusst zerstört hat.

Wie sehen Sie Freud?

Freud betrachtete sich als Positivist, ihm war stets sehr wichtig, dass alles wissenschaftlich belegbar war. Er war aber anderseits auch ein intuitiver Mensch, der etwas in sich trug, was auch viele Künstler fühlen, nur trug er das Gewand eines Arztes. Deswegen ist er auch in die Falle der Hypnose getappt. Sein Problem war dann ja zum Beispiel, dass sich viele Frauen in ihn verliebt haben, woraus wiederum die Sitzhaltung entstand, bei der ihn Patienten nicht mehr anschauten. An dem Punkt steigen wir mit der Serie ein. Freud sagte ja über sich selbst, dass er kein guter Hypnotiseur war. Bei uns ist er aber zumindest so gut, dass er zum Kern der Seele vordringt und wir ihm bei dieser unheimliche Reise ins Unbewusste begleiten. 

Das heißt, Sie sind im Vorfeld ganz tief in Freuds Biografie eingetaucht.

Alles was gut ist, nimmt die Sache, um die es geht, ernst und wir nehmen Freud unfassbar ernst. Wir verehren ihn als einen der geistreichsten Menschen unseres letzten Jahrhunderts. Aber gleichzeitig machen wir mit ihm, was wir wollen, um eine spannende Geschichte zu erzählen. Wir nehmen Freud Ernst, in dem wir uns dem Menschen nähern, was wollte er, wen hat er geliebt, wie war er zu seiner Mutter und zu seinem Vater, woher kommt der Ödipus-Komplex, woher kommt die Auseinandersetzung mit dem Vatermord, woher kommen Schriften wie "Das Unbehagen in der Kultur"? Vieles war in späteren Schriften steht, hat ihn damals schon beschäftigt. Es war eine Zeit, die man in Stefan Zweigs "Die Welt von gestern" oder Schnitzlers "Jugend in Wien" nachlesen kann: Das Kaiserreich stand eigentlich schon vor seinem Ende und die Jungen sozusagen vor versiegelten Toren. Das ist, ohne zu viel zu verraten, das Thema: The Young Angry Man in all seinen Facetten. Deshalb ist das ja auch ein Thema, das genau jetzt und heute auch funktioniert. Das Neue, das das Alte ablöst. Das Schöne daran ist, heute sind es Startups und früher waren es noch Geister.

Sie haben ja zum Teil recht spezielle Vorbereitungsschritte gesetzt?

Die Vorbereitung zu "Freud" war so intensiv wie nie zuvor. Ich war mit mehreren Psychiatern im Austausch. Von einem, der eine Kombination von Psychoanalyse und Hypnose macht, habe ich mich hypnotisieren lassen. Ich war davor sehr skeptisch, hatte aber auch eine gewisse Angst davor. Es hat dann tatsächlich geklappt und es war unglaublich. Ich war in einem Zustand, in dem der Körper schläft, aber der Geist nur schlummert. Das war vom Gefühl her angenehm, aber für einen Kontrollfreak wie mich, war es erschreckend - ich wollte raus aus dieser Situation. Aber es war eine wichtige Initialzündung - Dadurch habe ich verstanden was für ein mächtiges Instrument Freud damals beherrschte. 

Sie gelten seit "4 Blocks" als Großmeister der Serie. Was macht Serie für Sie aus?

Ich respektiere alle großen Kinofilme und besonders solche, die es heute schaffen, mir den Nukleus einer Geschichte zu erzählen. Ich würde ja am liebsten einen schönen großen kleinen Kinofilm machen. Das Tolle an der Serie ist, dass man in dieser Erzählform alles machen und die Opulenz der Fantasie in allen Facetten ausleben kann. Bei einem Kinofilm hat man als Regisseur 90 Minuten. Mit der Serie kann man einen Roman erzählen und das ist spannend. Wie bei „Freud“ treibt mich treibt die Leidenschaft einzutauchen in eine Figur, in dessen Welt und dort herumzujagen.

"Freud" hat eine recht bunte Aufstellung: neben Freud spielt noch das Medium Fleur Salomé eine Rolle und auch noch der Ermittler Alfred Kiss. Freud-Darsteller Robert Finster meinte, aus dem, was in dieser ersten Staffel passiert, machen andere zwei.

Wir wollten eine Konstellation schaffen, die Freud entspricht: also mit einem Ich, Über-Ich und dem Es. Ich weiß nicht, ob wir das so ganz treffen, aber das war der Zugang. In einer gewissen Form schwebt Fleur über den Dingen. Damals gab es anstatt Kino oder Fernsehen gab es die Séancen, Tarot-Karten und Wahrsager. Jemanden wie Freud mit einer Okkulten zu konfrontiert, das macht unter anderem den Reiz der Geschichte aus.

Wie viel Druck ist dadurch gegeben, dass diese Serie „Freud“ nach der ORF-Ausstrahlung durch Netflix in etwa 140 Ländern der Welt zu sehen gibt?

In erster Linie muss die Serie mir selbst gefallen. Ich bin da, meine ich, mein bestes Publikum, denn ich habe einen sehr breiten Geschmack. Ich sehe meinen Beruf ja auch als Handwerk. Dadurch, dass ich relativ viel schon gemacht habe, weiß ich bzw. glaube ich zu wissen, wie ich mein Publikum erreiche. Das hoffe ich zumindest (schmunzelt). Es ist das immer wieder aufs Neue ein Pokerspiel und diesmal gehen wir All In - mit einem Schauspieler, den noch nicht viele auf dem Zettel haben, mit einer historischen Legende wie Freud, die selbst darauf erpicht war, dass man nicht mit ihr so umgeht, wie ich mit ihr umgehen, wir gehen All In mit Netflix und 140 Ländern. Da hilft einem kein Zögern, da hilft einfach nur Mut und Leidenschaft für die Sache.

Gab es bei diesem Projekt jemals den Punkt, an dem Sie meinten, jetzt ist es genug, das dauert alles viel zu lang?

Nein, lustiger weise nicht. Aber es umfasste einen unfassbar langen Zeitraum – für Heinrich Ambrosch nochmals länger als für mich. Ich habe 2016 begonnen, mich mit „Freud“ auseinanderzusetzen, jetzt wird gedreht und 2020 wird es ausgestrahlt. So etwas dauert halt auch, wie es dauert ein Haus zu bauen.

Haben Sie jetzt eigentlich Zeit, sich bereits mit dem nächsten Projekt auseinanderzusetzen und, wenn ja, was wird es sein?

Ich bin rastlos, ich will sofort wissen, was das nächste Ding ist. Ich überlege sehr viel und habe eine Idee für etwas ganz Großes und Besonderes. Was mir immer am Herzen liegt, sind neue Konstellationen zu schaffen, neue Teams zu kreieren, das ist ja auch das Schöne an der Position, in der ich mich befinde.

Kino ist im Augenblick kein Thema mehr für Sie?

Ist es ein Thema?

Alle, jedenfalls viele, reden von den neuen Serien.

Es gibt diese Nostalgiker des Kino-Films, zu denen auch ich mich zähle. Wir dürfen das Kino nicht verlieren. Es ist die Boutique des Filme-Machens. Aber jetzt finalisiere ich „Freud“ – und dann schauen wir weiter.