Kultur | Medien
13.01.2019

Martin Thür: Der neue Vorbeter beim Hochamt der ORF-Information

Start der „ZiB2 am Sonntag“. ROMY-Preisträger Thür über Kritik an Journalisten, Unabhängigkeit und die Preisgabe der Privatheit.

Sein nunmehriger „ZiB2“-Kollege Armin  Wolf bezeichnete ihn als den richtigen Mann beim falschen Sender: 15 Jahre war Martin Thür Info-Aushängeschild bei ATV. Nach einem Abstecher zur Rechercheplattform Addendum ist der 36-jährige St. Pöltner nun das frische Gesicht zur neuen „ZiB2 am Sonntag“ (21.50, ORF2).

Was macht die “ZiB2 am Sonntag“ so reizvoll für Sie?

Für mich ist die „ZiB2“ das Hochamt der Information. Es ist das die Sendung, in der Politik stattfindet, weil wir politische Themen des Landes abhandeln. Ich weiß das ja lange genug als Zuseher – egal wie nah oder wir fern man dem politischen Journalismus ist, man muss am Abend die ZiB2 gesehen haben. Da jetzt mitarbeiten und sie sogar moderieren zu dürfen, ist ein absoluter Traum.

Was zeichnet den Moderator und Interviewer Martin Thür aus, was hat er, was andere nicht haben?

Ich glaube, dass es da gar nicht so viele Unterschiede zu anderen gibt. Was ich versuche ist, immer möglichst gut vorbereitet in Interviews zu gehen. In das habe ich stets sehr viel Arbeit und Aufwand gesteckt. Das braucht es auch, um Interviews gut absolvieren zu können. Gleichzeitig war und ist es aber immer mein Ziel, nicht mich ins Zentrum zu rücken, sondern die Themen, Konflikte und Kontroversen, die die Politikerin oder den Politiker umgeben. Und mein Gegenüber hat ja auch eine Message, die es den Zusehern nahebringen will und die man besprechen muss. Das fürs Publikum verständlich aufzubereiten, ist mir wichtig.

 

Bei Ihren Interviews bei ATV war immer der Anspruch, dass „Klartext“ gesprochen wird, harte Nachfragen inklusive. Das gefällt nicht jedem Zuschauer.

Um einen ehemaligen Kanzler zu zitieren: Es ist immer die Frage, wählt man als Interviewer den Bihänder oder das Florett, wie das etwa Robert Hochner gemacht hat, was ich toll fand. Natürlich muss man als Interviewer das Gegenüber immer wieder mal unterbrechen. Das gilt noch viel mehr – worauf ich sehr gespannt bin - für eine Live-Situation, in der die verfügbare Zeit abläuft, als bei aufgezeichneten Interviews, wie ich das bei „Klartext“ hatte. Man muss unterbrechen, nachfragen und sich damit beim Zuseher auch ein Stück weit unbeliebt machen. Denn Zuseher hassen das. Und Politiker wissen das –  und sie nützen das knallhart aus. Nicht wenige beginnen deshalb besonders ausladend zu sprechen, um am Ende eine Antwort zu geben – die aber nicht die auf die Frage ist. All das muss man transparent machen als Interviewer. Es ist aber eine Auseinandersetzung, die unvermeidlich ist.

Damit verbunden ist, dass Zuseher meinen, sie würden durchhören, welche politische Gesinnung jemand hat.

(Lächelt) Da bin ich schon gespannt, was man meint bei mir durchzuhören.

Das werden zumindest die Generalsekretäre der Parteien bald in Aussendungen befinden. Wie sehen Sie das?

Ich nehme mich selbst nicht für so wichtig, als dass meine politische Verortung irgendwie relevant wäre. Es ist das auch nicht mein Job. Mein Job ist es, Fragen zu stellen und Antworten darauf zu bekommen, Politiker an die Dinge, die sie tun, zu erinnern und an ihre Verantwortung zu erinnern. Das habe ich auch in den vergangenen Jahren bereits gemacht. Diese demonstrative Unabhängigkeit der Journalisten ist wichtig und das wird hier im ORF gelebt.

Die Politik, die Parteien, gehen mittlerweile wenig zimperlich mit Journalisten um. Sie werden als Gesicht der „ZiB2 am Sonntag“, man muss schon sagen, „natürlich“ heftig attackiert werden, selbst wenn Sie alles richtiggemacht haben.

Das gab es, bei ATV natürlich in einem kleineren Ausmaß, auch schon bisher. Es ist das auch so ein wenig der Zug der Zeit, Journalisten zu attackieren. Aber man muss da auch differenzieren: Ich finde es völlig in Ordnung, wenn Journalisten kritisiert werden. Es ist auch völlig in Ordnung, wenn meine Arbeit kritisiert wird, weil es Fehler gab, weil etwas nicht gut gemacht war etcetera. Journalisten sind nicht immun gegen Kritik – solange, und das ist die wichtige Einschränkung -  die Faktenbasis stimmt und gleich ist. Das halte ich im Übrigen auch für die politische Debatte für wesentlich. Denn wenn völlig unbestrittene Fakten angezweifelt werden, wird es mühsam in der politischen Debatte. Auch für Journalisten.

Was kann da Journalismus leisten?

Ich habe selbst mit Freunden die Journalismus-Tage in Wien organisiert und in diesem Zusammenhang mich mit Journalismus, mit dessen Entwicklung und auch dessen Kritikfähigkeit auseinandergesetzt, etwas, die vielleicht noch größer werden muss. Gleichzeitig geht es aber auch immer darum, besser zu werden. Wozu das journalistische Credo von Watergate-Aufdecker Carl Bernstein, den wir einmal zu Gast hatten, passt: Journalismus als „the best obtainable version of the truth“. Ein kleiner Satz, der alles erklärt. Es geht immer darum, so nah als möglich an die Wahrheit heranzukommen. Das muss das Ziel des Journalismus sein.

Sie haben bei der „ZiB2“ sieben bis zehn Minuten Interview-Zeit, in der Sie den Weg finden müssen zwischen Politsprech, Populismus und Sachinformation. Gibt es den gemeinsamen Nenner bei Fakten noch?

Es ist zugegeben schwieriger geworden, diesen Weg zu finden. Das liegt auch daran, dass sich Politik professionalisiert hat. Die politische PR hat sich in den vergangenen Jahren massiv weiterentwickelt. Interviews sind dementsprechend auch zu einem Instrument geworden, um Fakten anzuzweifeln – das gilt für alle politischen Parteien. Umso mehr ist Journalismus gefordert. Die Antwort darauf kann nur sein, sich noch besser vorzubereiten, noch kritischere Interviews zu führen und auch noch mehr Interviews zu senden. Denn je mehr politische Debatte, je mehr Streitgespräche, je mehr kritische Betrachtung von Politik es im öffentlichen Raum gibt, umso besser – deshalb finde ich eine zusätzliche ZiB2 gut und wichtig und nicht, weil ich dort zu sehen bin.  Es ist aber, weltweit, für Journalisten nicht einfach geworden – wenn man etwa an einen US-Präsidenten denkt, der leugnet, dass es so etwas wie den Klimawandel gibt. Aber dann ist es die Aufgabe der Journalisten, dem Publikum darzulegen, dass 99 Prozent der Wissenschaftler sagen, dass Klimawandel von Menschen gemacht wird – und darauf zu vertrauen, dass sich die Zuseher oder die Leser sich in der Folge ihre eigene Meinung dazu bilden können. Unsere Aufgabe ist es, alle notwendigen Informationen zu dieser Meinungsbildung zur Verfügung zu stellen.  

Sie haben einmal gesagt, im Herzen seien Sie Reporter. Wieviel Zeit bleibt dafür neben der Moderation der „ZiB2“?

Ich hoffe, dass ich weiterhin möglichst viel draußen sein kann. Ich halte das für extrem wichtig, Geschichten vor Ort, bei den Leuten, zu machen und zu drehen. Ich war da auch in der Vergangenheit immer der erste, der aufgezeigt hat. Ich habe, wie viele in diesem Land, eine Fünf-Tage-Woche – am Sonntag moderiere ich, also bleiben noch vier Tage, außer ich vertrete einen der anderen Kollegen am Schirm. Aber ich bin schon sehr zuversichtlich, dass ich noch einiges an Geschichten machen werde.

Haben Sie einen speziellen Bereich, eine Vorliebe ihre Arbeit betreffend?

Wahlen und Wahlrecht sind mein Leib-Thema. Das beginnt bei Fragen im Zusammenhang mit Partei-Austritten von Mandataren bis hin zu Mitgliedschaften in einem Klub einer Parlamentspartei. Das ist einfach ein Steckenpferd. Wir haben aber in der ZiB2 keine Ressorts, jeder hat jedoch spezielle berufliche Neigungen und Fähigkeiten. Und wenn man am Sonntag auf Sendung geht, trifft sich das mit meiner Wahl-Neigung ja ganz gut.

Apropos Sonntag und journalistisches Hochamt – es gibt da auch noch den Gott-Vater der „ZiB2“, Armin Wolf. Neben ihn ein eigenes journalistisches Profil zu entwickeln, stell ich mir nicht einfach vor.

Ich fühle mich in der Redaktion sehr gut angenommen, habe mit Armin Wolf und Lou Lorenz-Dittlbacher schon viel zusammengearbeitet und schätze beide sehr. Ich wüsste nicht, wo es hier ein Problem geben könnte.

@MartinThuer ist seit langem ein aktiver Bestandteil der österreichischen Social-Media-Welt, speziell von Twitter. Das ist in der ORF-Debatte ein Dauerbrenner, was wer wo macht oder mitteilt und wieweit das mit dem Status des ORF-Mitarbeiters vereinbar ist.

Ich versuche mich dort genauso zu verhalten wie sonst auch auf Sendung: fakten- und datenorientiert. Ja, Twitter ist ein politischer Raum, es streiten dort Menschen miteinander und es findet dort auch viel Unsinn statt. Das gilt ebenso für das echte Leben und auch für den sonstigen politischen Diskurs. Auf der anderen Seite gibt es auf Twitter sehr viele, wahnsinnig gescheite Menschen, die sehr viel Ahnung in ihren Bereichen haben und sehr interessanten Input liefern. Ich würde das nicht missen wollen. Man muss ja nicht an jedem Schaukampf auf Twitter teilnehmen. Das habe ich in der Vergangenheit nicht getan und werde das auch in Zukunft nicht machen. Ich übernehme gerne Verantwortung für meine Tweets.

Twitter ist ein Marktplatz der Meinungen.

Ich bin zu Diskussionen bereit, aber nicht, um meine politische Überzeugung kundzutun. Ich streite dort über Fakten. Ich bin aber nicht meinungsfrei, weil ich als Journalist beispielsweise will, dass die öffentliche Verwaltung transparenter werden muss. Als die Stadt Innsbruck sich entschieden hat, dass man Wahldaten nicht veröffentlicht und Wahlergebnisse unter Amtsgeheimnis stellt, habe ich mit einiger Sicherheit meine Meinung dazu geäußert, nämlich, dass ich das nicht okay finde. Das halte ich für einen Journalisten auch für legitim. Aber das ist keine parteipolitische Meinung.

Als Anchor einer „ZiB2“ stehen Sie jetzt auch auf Twitter & Co noch mehr unter Beobachtung, da wird in den Partei-Sekretariaten jedes Like registriert.

Ich bin da schon auch der Meinung, dass wir Journalisten angesichts des Medienwandels nicht zu ängstlich werden dürfen. Wenn wir versuchen, jeden Tag unsere Geschichten so gut wie möglich und mit so vielen Fakten wie möglich zu machen, dann spielt der Rest keine Rolle mehr. Ich finde diese Debatte ehrlich gesagt etwas absurd. Meine Arbeit wird hoffentlich danach beurteilt, wie gut oder auch wie schlecht die Interviews von mir geführt wurden.

Sie geben mit der „ZiB2“ zu einem Gutteil den privaten Menschen Martin Thür preis. Als ORF-Anchor kann man früher oder später schwer normal einkaufen gehen oder in einem Lokal ein Bier trinken, ohne dass das in den sozialen Medien gepostet wird.

Möglich. Gleichzeitig ist dieser Job so wahnsinnig toll, das ist ein Traumjob, der beste Job, den ich mir vorstellen kann. Es ist für mich kein Szenario denkbar, in dem ich diesen Job nicht großartig finden könnte. Und was da vielleicht an Negativem sein könnte, nehme ich in Kauf dafür.

Zur Person Martin Thür