Kultur | Medien
09.06.2018

RAF-Mythen: Bettina Röhl rechnet ab

Die Autorin spricht über ihr Buch, Fehler der 68er und das mediale Bild ihrer Mutter, Ulrike Meinhof.

„Die RAF hat Euch lieb.“

Diesen Satz hat Ulrike Meinhof ihren Töchtern Regine und Bettina aus dem Gefängnis geschrieben. Rund 48 Jahre danach ziert diese Aussage das neue Buch von Bettina Röhl, die sich seit Jahren als Journalistin mit der terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF) und ihrer Anführerin, ihrer Mutter Ulrike Meinhof, auseinandersetzt. Auf 612 Seiten erzählt Röhl ihre beispiellose Familiengeschichte, die eng verwoben mit dem politischen Zeitgeschehen Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre ist.

Als Kind erlebte sie die Gründung der RAF hautnah mit. Das Buch ist eine spannende, auf Fakten und Zeitzeugenaussagen beruhende Analyse zur 68er-Bewegung und eine objektive Abrechnung mit ihrer eigenen Mutter: „Ich lasse Ulrike Meinhof ihren eigenen Mythos zertrümmern“, sagt Bettina Röhl im KURIER-Gespräch.

Drei große Themenblöcke dominieren den Inhalt des Buches. Einmal geht es um den Höhepunkt der 68er-Bewegungen, „den ich ohne Märchen, Mythen und Ikonisierung beschreibe“, sagt Bettina Röhl. Denn von diesen Märchengeschichten über die RAF gäbe es ohnehin schon genug. Sie hingegen wollte wissen, was die 68er-Bewegung wollte: Was haben federführende Protagonisten damals gesagt? Welche Gesellschaft wollten sie?

„Ich rolle diese Zeit noch einmal neu für jene Menschen auf und will damit vor allem auch jüngere Leser ansprechen: Sie sollen jenseits der Märchenwelt das Phänomen der 68er-Bewegung nachempfinden können.“

Der zweite Teil ist der Entstehungsgeschichte der RAF gewidmet, die Bettina Röhl durch viele Interviewpartner, durch eigenen Erfahrungen in der Kindheit, durch Zeitzeugen und Dokumente aus dieser Zeit aufarbeitet.

Der dritte Teil ist ihrer Mutter und dem Mythos Ulrike Meinhof gewidmet. „Wenn man so will, helfe ich der Gesellschaft über den Mythos RAF, den Mythos Ulrike Meinhof und der 68er-Bewegung hinwegzukommen“, sagt Röhl.

KURIER: Was zeichnet diesen Mythos aus?

Bettina Röhl: Ein Mythos ist eine öffentliche Fehlverarbeitung. Es ist ein Gebilde, das in den Köpfen der Gesellschaft entstanden ist. Diesem Gebilde setze ich Fakten und die Realität entgegen. Ich zitiere aus bislang nicht veröffentlichten Dokumenten, lasse also auch Ulrike Meinhof selber sprechen. Man hat die Möglichkeit, sie kennenzulernen, sie verstehen zu lernen. Jeder kann sich beim Lesen ein eigenes Bild von den Jahren 1968 und 1972 machen. Ich setze der Gesellschaft also eine andere Meinhof vor als die, die sie bislang über Theaterstücke, Dokumentationen, Zeitungsartikel und Biografien kennengelernt haben.

Was war der größte Blödsinn, der jemals über Ihre Mutter behauptet wurde?

In der Gesellschaft hat sich das Bild einer „guten“ Terroristin verfestigt, also einer Frau, die aus ihrer bloßen Reinheit und Güte die Welt verbessern wollte und dann versehentlich in den RAF-Terror geriet, von anderen wie zum Beispiel Andreas Baader mitgerissen. Die Akten und Aufzeichnungen sprechen eine andere Sprache: Meinhof war in der Anfangsphase gewiss die konsequenteste antreibende Kraft der RAF. Sie war auf einer Art absolutem Revolutionstrip à la Mao Zedong. Im Gegensatz zu Andreas Baader und Gudrun Ensslin – die waren mit ihrem Kaufhausbrand, der Zerstörung der Konsumtempel bereits „zufrieden“. Meinhof gelang es, die erste Terrorbotschaft der RAF mit ihren guten Beziehungen zu Rudolf Augstein im Spiegel zu lancieren. Die Botschaft: „Natürlich kann geschossen werden!“

Woher kam eigentlich der Hass von Ulrike Meinhof auf die Bundesrepublik und die westliche Welt?

Nicht nur Meinhof, sondern die 68er wollten die Gesellschaften des Westens in ihrem popkommunistischen Revolutionsrausch wie Mao zerstören, um einen neuen Menschen zu kreieren. Ich beschreibe in meinem Buch die reale Bundesrepublik, wie sie 1968 war, als „die beste Bundesrepublik“, die es je auf deutschem Boden gab. Die 68er wuchsen in paradiesischen Zeiten auf, es gab Vollbeschäftigung, einen anhaltenden Wirtschaftsboom, unendliche Freiheiten gerade für junge Leute, hervorragende Karrierechancen. Der Rechts- und Sozialstaat funktionierte und auch die Aufarbeitung der Nazivergangenheit hatte Ende der Fünfzigerjahre, lange vor den 68ern, begonnen.

Für sie gab es also keinen Grund, zu revoltieren?

Natürlich gab es damals wie immer irgendetwas zu verbessern. Es gab noch autoritäre Strukturen, aber in dieser Phase zu sagen, das sei der neue Faschismus, das war Paranoia. Das Problem waren die falschen Vorbilder, die man angebetet hat – allen voran die chinesische „Kulturrevolution“. Mit dieser Ideologie revoltierte man gerade nicht gegen alte Nazis, sondern gegen die Gartenzwerge, gegen bürgerliche Gepflogenheiten und Werte, gegen die Familie, die Zweierbeziehung und auch gegen das tägliche Zur-Arbeit-Gehen. Es sollte keine Zwänge mehr geben. High, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein. Solche Sprüche wurden damals ernst genommen.

Was war der Grundgedanke des nun vorliegenden Buches?

Ich liefere ein Geschichtsbuch über 1968, die Gründung der RAF und den Mythos um Ulrike Meinhof, der ein eigenes Politikum ist. Und ich werfe meine Familiengeschichte in die Waagschale, um diesen Teil der Geschichte verständlicher zu machen und entlang eben konkreter Menschen sichtbar zu machen. Und ich liefere die immer fehlende Analyse: Was ist ‘68 wirklich passiert, wie ist es einzuordnen? Und das mache ich auch mit vielen Originaldokumenten.

Sehen Sie aktuell Strömungen, Bewegungen, die man mit der RAF vergleichen könnte?

Nein, die sehe ich nicht. Aber der Ausläufer der RAF sind die Antifa-Bewegungen, gewaltbereite linksextreme Kräfte, die immer noch die Moral von damals gefressen haben. Man muss diese militanten Globalisierungsgegner, die G20-Gipfelstürmer und die Antifas immer noch als jüngste Formation der Roten kulturrevolutionären Garden von Mao sehen, ob die das wissen oder nicht. Sie sind mit einer falschen Moral ausgestattet, Richter zu spielen. Dabei brechen sie das Gewaltmonopol des demokratischen Rechtsstaates. Die Antifa ist immer noch eine sehr starke Kraft, weil sie Verbindungen bis in die höchsten Spitzen einiger Parteien, zum Beispiel den Linken und Grünen haben.

Sie haben nicht viel für die 68er-Bewegung übrig. Warum?

Das sehe ich cool. Ich habe viele Alt-68er-Freunde und Bekannte und gehe gern mit ihnen trinken, aber es bleibt historisch relevant, die Irrtümer zu benennen.

Welche Irrtümer wären das?

Die 68er-Bewegung heftet sich ja gerne auf die Schulter, dass sie die Demokratisierung, das Gespräch, die Debatte nach Deutschland gebracht haben, aber stattdessen hat sie dafür gesorgt, dass viele Diskussionen hysterisch und gerade nicht argumentativ geführt werden. Sie haben ihr ideologisches Schwarz-Weiß-Denken über die Gesellschaft gebracht. Ob es nun der Vietnamkrieg war oder die Atomkraft, Wiederbewaffnung, Friedensbewegungen. Bei jedem Thema stand immer von vorne herein fest, wer der Gute und wer der Böse ist. Aber so einfach ist es nicht. Für mich sind die 68er eine lustige Sekte, die sehr viele Fehler zu verantworten hat. Die Kommunen haben nicht funktioniert, waren im Nachhinein betrachtet Orte, an denen sexueller Machtmissbrauch allgegenwärtig war – siehe Otto Muehl. Wenn man sich die antiautoritäre Kindererziehung in den Schulen ansieht, muss man sie als gescheitert betrachten. Der Lärmpegel in den Klassen ist enorm, der Leistungspegel sinkt. Viele Eltern trauen sich nicht mehr, den Kindern Grenzen aufzuzeigen.

Welche Frage hätten Sie als Journalistin Ihrer Mutter Ulrike Meinhof gerne gestellt?

Ich hätte sie gefragt, was für eine Gesellschaft und welchen neuen Menschen sie sich eigentlich konkret vorgestellt hatte. Welches konstruktive Konzept hatte sie außer der Zerstörung des Systems gehabt? Ich glaube, dass sie keines hatte. Ich hätte sie auch gerne gefragt, was daran revolutionär ist, einen Polizisten oder einen Bankangestellten zu erschießen.

Welche Rolle spielte damals die Musik, die Kunst?

Die Musik war enorm wichtig. Sie hat den Protest begleitet und angeheizt. Sie wurde zu einem Medium politischer Botschaften: „House Of The Rising Sun“ von den Animals zum Beispiel, solche Musik dröhnte plötzlich aus den Jugendzimmern Deutschlands. Durch diese Songs entstand ein Wir-Gefühl, das vieles verstärkte. Diese Kulturexplosion im Westen, die nicht nur in der Musik, sondern auch in der Mode, im Film, in der Kunst und im Theater stattgefunden hat, stieß auf die primitive und mörderische „Kulturrevolution“ Mao Zedongs. Es ist fatal, dass die 68er-Generationen diesen Extremismen frönten.

Hätte es die RAF nicht gegeben, wenn Ihr Vater Ihre Mutter nicht betrogen hätte?

Oh Gott! Was für eine Frage. Nein. Der Schriftsteller Peter Rühmkorf, ein Freund meiner Eltern, sagte einmal zu Recht: Ulrike Meinhof war nicht die einzige verlassene Frau in der Menschheitsgeschichte: Man zündet, nur weil man betrogen und verlassen wird, ja nicht gleich die ganze Welt an.