© J. Bauer

Kultur Medien
01/06/2019

Joachim Bauer: Journalismus statt Zynismus und Stimmungsmache!

Der Psychiater und Autor Bauer über den „Fall Relotius“: Mehr als das Fehlverhalten eines Einzelnen.

Ende 2018 wurde ein junger Journalist des Magazins Spiegel entlarvt, der seine Reportagen mit erfundenen Personen und Geschichten angereichert hatte. Vieles spricht dafür, dass Claas Relotius mit seinen Untaten lediglich auf die Spitze getrieben hatte, was der Arbeitsweise seines journalistischen Umfeldes entsprach. Daher sollte der Fall Anlass sein, grundsätzlich über Qualität im Journalismus nachzudenken.

Journalisten, die mit einem selbstkritischen Nachdenken begonnen haben, ließen ein internationales Netzwerk, „Solutions Journalism Network“ genannt, entstehen, dem in den USA die Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin Tina Rosenberg und der Sozialforscher und Buchautor David Bornstein angehören. Ihnen und ihren Kollegen geht es an vorderster Stelle um ein Nachdenken über einen zynischen, von impliziter Verachtung gegenüber dem Politikbetrieb getragenen Journalismus.

Die Wahrnehmung

Realität ist für den Menschen immer das, was er auf eine bestimmte Art und Weise wahrnimmt. Daher erzeugen Medien Realität. Dass die Welt etwas ist, das wir uns konstruieren, haben vor Jahrzehnten bereits William und Dorothy Thomas erkannt. Wenn ich der Überzeugung bin, dass Menschen, die in Verantwortung stehen, grundsätzlich pflichtvergessen handeln und korrupt sind, werde ich überall Unfähige und Korrupte sehen und Gutes nicht beachten.

Wenn ich andrerseits der – fraglos als naiv zu bezeichnenden – Meinung bin, der Mensch sei grundsätzlich gut, werde ich gegenüber dem vielen Bösen dieser Welt blind sein. Weil Menschen die Welt durch die Augen des Anderen – und Medienkonsumenten sie durch die Augen des Journalismus – sehen, werden massenhaft amplifizierte Darstellungen selbst dann geglaubt, wenn ihnen eine faktisch gegenteilige Evidenz entgegensteht. Journalistische Darstellungen bilden vor allem dann, wenn sich ein Medienorgan nicht um Sachlichkeit und Nüchternheit bemüht, keine objektive Realität ab. Journalistische Darstellungen, die auf das Erzeugen von Stimmungen zielen, sind in hohem Maße „ansteckend“. Ansteckend sind vor allem Angst oder Hass.

Die Folgen

Was richten zynische und abwertende Darstellungen an, mit denen unsere westlichen Demokratien in manchen Medien, vor allem aber in sozialen Netzwerken beschrieben werden? Was folgt aus der auf Entwürdigung zielenden Art und Weise, mit der politische Akteure beschrieben werden? Wie wirkt das auf Menschen, die mit dem täglichen Sich-Abmühen-Müssen, mit ihrer Arbeit, mit der Sorge um den Arbeitsplatz oder um Wohnraum, mit der Sorge um Kinder und um pflegebedürftige Angehörige befasst sind?

Die Conditio Humana ist nicht durch den Journalismus verschuldet. Sie tritt mit ihm aber in eine Wechselwirkung. Journalismus kann den Grundtatsachen des Lebens eine apokalyptische oder eine die Chancen aufzeigende Note hinzufügen. Aus Sicht des Gehirns besonders anziehend ist die Apokalypse, ein Umstand, der evolutionäre Gründe hat: Seit zig Millionen Jahren war es überlebenswichtig, Gefahren zu erkennen. Wer Gefahren an die Wand malt, kann sich der Aufmerksamkeit des Publikums und hoher Einschalt- oder Klickquoten sicher sein.

Die Spaltung

Die Folge von zynischem Journalismus ist eine Spaltung der Welt in Schuldige und Opfer, eine Spaltung in „böse“ Politiker auf der einen und „Wir“, die Guten, auf der anderen Seite.

Eine als Geschichte ständigen Versagens erzählte Tagespolitik, eine als Abfolge von lächerlichen oder gar pathologischen Charakteren erzählte Darstellung ihrer Akteure erzeugt ein Gefühl, das Martin Seligman als „gelernte Hilflosigkeit“ beschrieben hat. Die derzeit in vielen Medien, vor allem aber in den sozialen Netzwerken stattfindende Stimmungsmache hat Wut und Aggression zur Folge. Vor diesem Hintergrund sollte das Fehlverhalten des Claas Relotius auch zum Nachdenken über Macht und Machtmissbrauch im Journalismus animieren.

Wegen der Verrücktheiten, die sich der noch sehr junge Journalist geleistet hat, geht die Welt nicht unter. Was unsere Welt aber gefährden kann, ist ein unsachlicher, zynischer, systematisch auf die Verächtlichmachung unserer Demokratien und der in ihnen handelnden Akteure zielender Journalismus.

Wir brauchen einen kritischen Journalismus, der uns deutlich macht, woran unser System verbessert werden muss, und der aufdeckt, wo unsere politischen Akteure Fehler machen, der aber nicht so weit geht, dass Menschen unsere durch unsere Vorfahren hart erkämpfte demokratische Ordnung nicht mehr wertschätzen und sich stattdessen nach selbst ernannten populistischen Rettern sehnen.

Prof. Dr. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychiater und Sachbuch-Autor („Prinzip Menschlichkeit“, „Schmerzgrenze“, Selbststeuerung“). Er lebt und arbeitet in Berlin. www.psychotherapie-prof-bauer.de

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