© ZDF und Sascha Baumann/Sascha Baumann/ZDF

Kultur Medien
10/23/2019

Gottschalk irrt: Auch Pop ab 2000 eignet sich (leider) für Nostalgieshows

Kommentar: Der Moderator glaubt, dass heutige Musik keinen Stoff für künftige Retro-Shows hergibt. Leider falsch.

von Georg Leyrer

Kim Wilde. Chris Norman. Nick Kershaw. Peter Schilling. Thomas Anders. Marc Almond. Wer bei diesen Namen in verzückte Erinnerung verfällt, der hat einen guten Samstag vor sich: Da gibt es nämlich um 20.15 Uhr beim ZDF eine dieserart besetzte „Hommage an ein unvergessliches Jahrzehnt“.

Das sind, klar, die 80er Jahre, die derzeit in Hollywood (ein Remake jagt das andere), beim Streaming-Fernsehen („Stranger Things“) und natürlich auch in der Musikwelt als Goldesel, äh, gemolken werden, so ausgiebig das geht.

Denn wer damals Kind war, hat mittlerweile genug Haushaltseinkommen angesammelt, um es in Erinnerungsmomente mit Nostalgieaufschlag zu investieren.

Wie damals

Kein Wunder also, dass Moderator Thomas Gottschalk – auch ein Produkt dieses Jahrzehnts – vieles von dem, was damals in den deutschen und österreichischen Hitparaden auf und ab gespielt wurde, um sich versammelt. Die Musik von damals, sagt er im Promo-Vorfeld zur Show, „funktioniert ja heute immer noch.“ Wie wahr.

Dermaßen bewegt, sitzt Gottschalk aber im nächsten Atemzug der Mutter aller Kulturirrtümer auf: „Ich bin überzeugt“, sagt er, „dass man 2050 keine solche Sendung über die Nullerjahre machen wird oder über das, was 2019 musikalisch unterwegs war. Ich glaube auch nicht, dass Ariana Grande dann noch in irgendeiner Show auftritt.“

Ein wunderbarer Sager, um einzuhaken. Denn Musikverklärung, egal welches Jahrzehnt sie betrifft, ist in der Hauptsache ein statistisches Problem, dem man leicht aufsitzt, dem man aber auch leicht abhelfen kann.

Im Rückblick kollabiert nämlich die Liebe zur Musik eines Jahrzehnts schnell unter dem Druck des Chartsalltags. Ein paar Handvoll erinnerungswürdiger Songs stehen vielen, vielen, vielen anderen gegenüber.

Das Verhältnis von Herausragendem zu Meterware war einst wie heute das selbe. Nur hört man die Meterware von heute andauernd, deren Vorgänger schon gnädig der Vergessenheit übergeben wurden.

Zur Erinnerung: 1988 war der erfolgreichste Song von Milli Vanilli, die sich dann als Fake-Band herausstellten, 1989 von, nun ja, David Hasselhoff. Platz 9 im Jahr 1987: „Guten Morgen, liebe Sorgen“.

 

Dass die Nuancen der Nullerjahre an jenen vorbeigegangen sind, die sich schon früher aus dem aktuellen Popgeschehen ausgeklinkt haben, ist nicht verwunderlich. Dabei war das Jahrzehnt überaus ergiebig: „Kid A“ von Radiohead, „Back To Black“ von Amy Winhouse, das schwarze Album oder auch „Blueprint“ von Jay Z , die White Stripes und vieles von Kanye West stehen künstlerisch ordentlich gut da.

Für die spätere Nostalgie eignen sich auch die Nullerjahrewerke von U2, Coldplay, Justin Timberlake, Norah Jones, Alicia Keys, James Blunt.

Und so weiter.

Popmusik funktioniert über die emotionale Aufladung, die man ihr mitgibt – und genau so, wie die nunmehrigen Samstagabendfernschauer lädt die nächste, die übernächste Generation ihre Musik mit diesem Leben auf.

Und wird dereinst genauso gerührt auf selbiges und selbige zurückblicken (wohl aber, dem Medienwandel ist’s verdankt, nicht bei einer Samstagabendshow im öffentlich-rechtlichen TV).

Eins noch: Wer damals dabei war, weiß: Nun hervorgeholte Acts wie Thomas Anders (Modern Talking!) oder auch Kim Wilde wären in den 1980ern froh gewesen, wenn sie jemand so ernst genommen hätte, wie heute Ariana Grande ernst genommen wird.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.