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Kultur Medien
04/03/2021

Corinna Milborn: "Gebe den sozialen Medien die Schuld"

Corinna Milborn im Gespräch über Verschwörungsmythen und das Fundament der Demokratie

von Philipp Wilhelmer

Sie ist die richtige Gesprächspartnerin zur richtigen Zeit. Ein Spaziergang mit Corinna Milborn führt über Stock und Stein und durch die Untiefen des digitalen Lebens, wo Verschwörungsmythen entstehen und Putschfantasien blühen. Milborn hat im Silicon Valley recherchiert, wie die Techkonzerne unsere Aufmerksamkeit kapern und zu welchen Problemen das führt. Der KURIER traf die Puls4-Infodirektorin zum Gespräch auf den Steinhofgründen. Sie ist für eine ROMY in der Kategorie „Information“ nominiert.

Wie balancieren Puls4 und der 24-Stunden-Infosender Puls24 die verschiedenen Haltungen, die etwa zur Corona-Pandemie kursieren? „Wir bilden das gesamte Spektrum politischer Meinungen ab. Aber was die Fakten betrifft, halten wir uns an den Stand der Wissenschaft“, sagt die Journalistin. „Man kann verschiedenste Dinge aufgrund von Fakten beschließen wollen – das kann von Durchseuchung bis zu Lockdown gehen.“ Worüber man aber nicht mehr diskutiere, seien Dinge wie die Wirksamkeit von Masken im Pandemiegeschehen. „Wenn wir als Redaktion, die das genau verfolgt, draufgekommen sind, dass das der Stand der Wissenschaft ist, gehen wir nicht auf einen Status davor zurück.“

Explosive Mischung

Die wachsende Zahl von Corona-Leugnern, die im Internet in teils sehr abstruse Fahrwasser geraten, beobachtet Milborn mit Sorge: „Leute, die Schulmedizin ablehnen gab es immer. Aber Corona ergibt eine sehr explosive Mischung, weil das Thema von extremen Rechten besetzt wird. Die finden da einen Pool von Leuten vor, die teilweise noch nie etwas mit ihnen zu tun hatten. So können sie sie vereinnahmen.“

Ein wichtiger Faktor sei die grassierende Unsicherheit von Teilen der Bevölkerung, die von einem Lockdown in den nächsten taumelt. Damit einher gehen steigende Bildschirmzeiten: „Die Menschen landen oft innerhalb weniger Wochen in einer komplett anderen Realität und beschreiben das auch so.“ Hauptverantwortlich dafür seien Youtube und Facebook, sagt Milborn. „Das Problem ist aber nicht nur, dass die Inhalte da sind – das Internet ist schließlich groß und da steht viel Blödsinn, den keiner liest – sondern: Die künstliche Intelligenz steuert, was einem serviert wird.“ Die berühmten Algorithmen leisten ihren Beitrag dazu, die Menschen auf digitaler Fast-Food-Diät zu halten: „Google – Besitzer von Youtube – ist eine Megamaschine, die die ganze Zeit beobachtet, wo deine Aufmerksamkeit ist. Wenn einen irgendwas aufregt und man ein paar Sekunden länger dran bleibt, bekommt man mehr von diesen Inhalten. Da kommt dann mehr und mehr und mehr, radikaler und radikaler.“

Die Systeme knüpfen dort an, wo wir fast automatisch reagieren: „Wut ist ein starkes Gefühl, das einfach gut klickt.“ Nichts ahnend tappen wir von Algorithmen gesteuert kollektiv in eine Empörungsfalle, warnt die Journalistin. „Man kann sich gegen Gefühle und Empörung nicht wehren, sie sind schneller und unmittelbarer als Gedanken. Google/Youtube und Facebook nützen das mit ihren Datensammlungen und Algorithmen, um Menschen dranzuhalten. Das führt dazu, dass die absurdesten Theorien viral gehen.“

Große Folgen

Das Phänomen hat Folgen, die zugleich privat wie politisch große Probleme schaffen: „Ich kenne viele Familien, wo es viele Leute auf diese Seite gezogen hat und man kein Gespräch mehr findet.“ Auf Demos in Wien sähe man plötzlich Menschen mit Trump-Fahnen. Milborn: „Unsere Art von Demokratie ist nicht so alt. Sie hängt sehr stark von der Existenz von Massenmedien ab, die einen gemeinsamen Wissenstand herstellen und eine Plattform bieten, auf der man Ideen austauschen kann. Ich frage mich: Wie funktioniert Demokratie, wenn jede Seite in ihrer eigenen Welt lebt und es keinen gemeinsamen Boden mehr gibt?“

Dies sei einer der Gründe, warum man im Jahr 2019 den Infosender Puls24 gegründet habe. „Da gibt es den ganzen Tag Debatten mit beiden Seiten. Wir versuchen den ganzen Tag zwei Aspekte eines Problems zu zeigen. Inhaltlich fruchtet es. „Ich finde, schon allein die Konfrontation mit einer anderen Meinung hat einen Wert. Dann hat man sie zumindest gehört.“

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