© ORF/Regine Schöttl

TV-Tagebuch
12/05/2020

Gabalier: Weihnachten auf der HNO-Ambulanz

"A Volks-Rock'n'Roll-Christmas", das Protokoll: Auf der Jagd nach den flüchtigen Melodien.

von Guido Tartarotti

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Das Vorprogramm für Andreas Gabalier auf ORF2 hieß "Winter in Österreich": Die Ex-Skistars Hans Knauss und Anna Veith präsentierten ein relativ plumpes Werbevideo für die heimische Wintersportindustrie. Und zeigten dabei ein Land, das offenbar aus der Zeit gefallen ist: Skibrillenaufsetzen in Zeitlupe, Skifahrer in Zeitlupe, Skispringer in Zeitlupe, Langläufer in Zeitlupe, Rodler in Zeitlupe, Eisläufer in Zeitlupe, Pferde in Zeitlupe, Esel in Zeitlupe, Wildschweine in Zeitlupe, nochmal Skibrillenaufsetzen in Zeitlupe.

Ein weiteres Mal Skibrillenaufsetzen in Zeitlupe, Skischuhschnallenfestziehen in Zeitlupe, fallende Ski in Zeitlupe, noch mal Skischuhschnallenfestziehen in Zeitlupe, eine Gondel in Zeitlupe, Tourengehen in Zeitlupe, eine Lawine in Zeitlupe, ein Ferngucker in Zeitlupe, Tiefschneefahren in Zeitlupe, noch ein Ferngucker in Zeitlupe.

Wehendes Schilf in Zeitlupe, wehende Blumen in Zeitlupe, Vögel in Zeitlupe, eine Schneefräse in Zeitlupe, ein Mensch, der sich in Zeitlupe nach links dreht, Wolken ... in Zeitraffer. (Das war fast zu hektisch.)

Einen Satz zum Nachdenken gab es auch: "Wenn die Ist-Situation da ist, muss ich sofort wissen, was ist zu tun." Das ist ... beruhigend.

Das Beste an Hans Knauss ist übrigens: Er singt netterweise nicht.

Raunzing Home For Christmas

Danach bekommt der Bildschirm eine Schneeflöckchenumrandung, Andreas Gabalier entsteigt einem gelben Auto, spaziert in ein Hotel - und geht dort nicht etwa essen oder schlafen, sondern schlachtet das herrliche Weihnachtslied "Driving Home For Christmas" (im Original vom wunderbaren Chris Rea) ab, "yeah".

Gabalier singt übrigens nicht, sondern raunzt, schluchzt und haucht um die Töne herum wie ein neugieriges Kind ums Weihnachtspackerl. Es hört sich weniger nach Musik an als nach einem Fall für die HNO-Ambulanz. Sechs Backgroundsängerinnen schwanken dazu im Takt und schauen drein, als hätten sie Verstopfung. Die ganze Unternehmung überschreitet ständig illegal die Grenzen zur Selbstparodie, und zwar von beiden Seiten.

Es folgt ein eigenes Lied mit einem seltsamen Zittern im Text: "Bla-ha-hattln" - "Hei-heimelige" - "Lei-hei-heit". Und er reimt "Verlangen nach Herzlichkeit" auf "die Liab und die Geborgenheit". Kann man machen, wenn man will, die Worte wehren sich ja nicht.

Bei "Swing Low, Sweet Chariot" beweist er mit sicherer Hand und zitternden Stimmbands, dass er Gospel auch nicht kann, er irrt durch die kaum noch zu erahnende Melodie und streichelt dabei zärtlich seinen Mikro-Ständer. Die schwankenden Damen dürfen dann die Reste des Liedes zusammenkehren.

Eieiei

Im Anschluss beginnen die Damen zu schnippen, Gabalier schmachtet "Haim dreamin' of a white christmas...", und wir sind endgültig im unfreiwilligen Kabarett: Diese grob satirisch übertriebene Darbietung - die Damen singen "Schubidiwau" - kann unmöglich ernst gemeint sein. "Eieiei'm dreamin'" röhrt er dann tatsächlich, und lässt dazu die Augenbrauen tanzen.

Dann sagt er: "Als großer Elvis- und Dean-Martin-Fan war es mir ein Anliegen, mit meinen unterschiedlichen Stimmfarben zu spielen". Und man fragt sich unwillkürlich: Bitte womit? Danach kommt eine Elvis-Parodie, mit der man auf besseren Schulskikurs-Bunten-Abenden durchaus Platz 3 erreichen könnte.

 

 

INTERVIEW: ANDREAS GABALIER

Gabalier hat jetzt übrigens das Mascherl seines Smokings geöffnet, vermutlich um Wildheit und Unangepasstheit zu signalisieren. Man muss Verständnis haben für die Jugend von heute, sie will halt auch einmal ausgelassen sein!

Der Baum und die Hüfte

Jetzt versucht er sich am Rock. Bei "It's Christmas Time" fahndet er ein ganzes Lied lang nach dem auf der Flucht befindlichen Groove, bekommt ihn aber nicht zu fassen. Bei "Rocking Around The Christmas Tree" ergeht es Sänger und Lied nicht anders, die schwankenden Damen hopsen jetzt sehr fröhlich durch die Gegend, während Gabalier erfolgreich versucht, die Hüftlockerheit eines Christbaums zu unterbieten. "Da staubt's den Schnee von den Dächern", kommentiert er zufrieden. Naja, zumindest den Zucker vom Vanillekipferl.

Bei "Here Comes Santa Claus" erleidet unsere Fernsehrunde einen spontanen Lachkrampf. "Das kann er unmöglich ernst meinen", sagt jemand. Gabalier irrt durch das Lied wie ein verwirrtes Rentier durch den staubigen Schnee.

Wham! im Feuerwehrzelt

Was ist schlimmer als das Lied "Last Christmas"? "Last Christmas" von Andreas Gabalier. In Tateinheit mit Gregor Meyle, der bereitwillig Beihilfe zur Sachbeschädigung leistet (und dem Gabalier gegenüber den Behörden mit den Worten "Es war seine Idee" die Schuld zuschiebt) verlegt er George Michael in ein Feuerwehrfestzelt nach drei Uhr früh.

Nun muss "Run Rudolph Run" dran glauben. Gabalier singt konsequent in einer anderen Tonart, als die Band spielt. Wobei: Singt er überhaupt in einer Tonart? Und er hat Glück, dass Chuck Berry, Schöpfer dieses großartigen Liedes und bekanntlich recht humorlos, nicht mehr lebt, sonst würde er ihn mit seiner Gitarre verdreschen.

Gabalier schmeißt jetzt einen Sessel um. Das muss dieser jugendliche Vandalismus sein, von dem alle reden.

Jetzt wird "Es wird scho glei dumpa" angekündigt, eines der schönsten Weihnachtslieder überhaupt. Aber auch jetzt kennt Gabalier keine Gnade, die Melodie wird in Grund und Boden gebrummt. Absurderweise setzt er dazu einen verführerischen Schlafzimmerblick auf.

 

Nun steht Gabalier an einem Steg und erzählt von seiner Jugend.

Elektroboot

"Ich hab Elektroboote vermietet." Schade, dass er damit aufgehört hat - das ist so ein schöner und nützlicher Beruf. (Meine Fernsehrunde wäre bereit, ein Elektroboot zu kaufen, um ihm einen Wiedereinstieg zu ermöglichen.)

Es folgt ein Kärntner Heimatlied, und nein, auch das kann er nicht. Er krächzt und röhrt und schreit, bis das zarte Lied angstvoll davonläuft. "Hör die Ruhr!" singt er (was Medizinisches?) und "a Vogerl im Rohr" (Weihnachtsgans?).

"Winter Wonderland" ist dann wieder ungelenke, kurzatmige Parodie, es klingt, als wolle er sich über ein Lied lustig machen, das zu gut für ihn ist.

Dann ist es fast aus, Gabalier wünscht uns "ein braves Christkinderl", die schwankenden Damen machen "uh-hu-hu", und er flüstert sich tonlos durch "Stille Nacht".

Fazit: Eine sehr faire Show. Alle, die sich jede Weihnachten Sorgen machen, dass sie nicht gut genug singen können, sind jetzt beruhigt.

Und nächstes Jahr dann bitte: Hans Knauss ans Mikro.

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