Herbert Kloiber (71) über den Verkauf der Tele München: "als Deal zufriedenstellend, aber nicht spektakulär"

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Kultur | Medien
06/17/2019

Filmhändler Herbert Kloiber: "Ein wirklich wilder Ritt"

Der gebürtige Wiener über den Verkauf seiner Tele München, legendäre Deals, Österreichs Medienpolitik und das Engagement beim Musikverein.

Film-Händler Herbert Kloiber (71) hat im Februar dem US-Investor KKR sein Lebenswerk, die Tele München Gruppe, verkauft. Deren weitere Shopping-Tour in der deutschsprachigen Medienbranche bewertet Kloiber im KURIER-Interview, er wirft einen Blick zurück auf seine Karriere und einen Blick nach vorne auf die heimische Medienpolitik und den Wiener Musikverein, für den er sich weiter engagiert.

KURIER: US-Finanzinvestor KKR mischt gerade die deutschsprachige Medienbranche auf. Eben wurde auch noch der Einstieg beim Medien- und Digtalhaus Axel Springer bekanntgegeben. Was passiert da, was ist der Masterplan dahinter?

Herbert Kloiber: Ich meine, man sollte nicht überinterpretieren und das, wie Private-Equity-Firmen ihre Geschäfte am Köcheln halten, unter einer wahnsinnig übergeordneten Strategie sehen wollen. Es gibt einfach Branchen, die sich in einem Umbruch befinden. Dazu gehören auch der Film-Lizenz-Handel und -Produktion, werbefinanziertes Privatfernsehen und natürlich der printmediale Bereich – auch wenn Axel Springer die Herausforderungen der digitalen Welt relativ früh und offensiv angenommen hat.  Aber die Grundfesten, auf denen all deren Geschäfte über Jahrzehnte fußten, haben einige große Schrammen bekommen. Das spiegelt sich in den Aktienkursen wieder und in der Bepreisung von Akquisitionen und so etwas haben gute Private-Equity-Manager eben auf dem Radar. Ich glaube, wenn in der Folge Axel Springer von der Börse genommen werden wird und die Tele München Gruppe mit den drei, vier weiteren Erwerbungen integriert worden ist, dann wird sich aus dem Ergebnis vielleicht eine Strategie ableiten lassen. Ich glaube aber nicht, dass eine solche schon jetzt im Vordergrund der Überlegungen stand.

Der Umbruch in der Film- und Medienbranche erfolgt radikal und wahnsinnig schnell. Sind Sie froh, dass Sie Ihr Lebenswerk, die Tele München Gruppe, nun zu einem guten Abschluss gebracht haben und das jetzt nicht mehr an der Backe haben?

Ein Unternehmen, das man fast 50 Jahre betrieben hat, gibt man nicht leichtfertig aus der Hand. Es hat mich auch nie so belastet, dass es, wie man in Wien so schön sagt, zu einer Krätze geworden wäre.  Ich habe mit jetzt fast 72 Jahren aber das Gefühl gehabt, dass ich alle Chancen, die sich mir zwischen 30 und 70 geboten haben, mehr oder minder wahrgenommen habe. Dazu zählen Ausritte in die Kinowelt mit dem Erwerb und Verkauf von Cinemaxx, solche in die Fernsehwelt mit Silvio Berlusconi, Rupert Murdoch und anderen, es waren einige erfolgreiche und, mit ATV, auch weniger erfolgreiche Investments. Es stellte sich die Situation so dar wie bei einem alten Opernsänger, der auch nicht mehr versuchen sollte, „E lucevan de stelle“ zu singen, wenn er gerade vom Tenor zum Bariton mutiert ist.

Ist der Komplett-Verkauf der Tele München Gruppe an KKR mit dem Closing Ende April Ihr spektakulärster Deal?

Nein. Ich glaube, unter allen Akquisitionen und Dispositionen war im Jahr 1999/2000 der Deal mit EM.TV - dem Teilverkauf der Tele München, und dem später folgenden Rückkauf - der vielleicht spektakulärste, weil das sehr unverhofft kam, für alle. Das war das ja in einer Zeit, in der manche Leute, wirtschaftlich und preislich gesehen, irgendwie zu viel geraucht hatten. EM.TV war, darf ich erinnern, damals so viel wert wie die Volkswagen AG. Und dadurch war die Tele München auch relativ gut bewertet. Dieses Geschäft jetzt, das nicht ohne Wehmut betrachtet ja auch der Abschluss meiner Tätigkeit ist, fand aber zum richtigen Zeitpunkt statt.  Für mich war erkennbar, dass spätestens in drei, vier, fünf Jahren etwas geschehen hätte müssen. Da war mir ein klarer Schnitt jetzt mit jemanden, der nicht aus der Branche ist, lieber, als ich hätte die Tele München bei RTL, ProSieben oder Springer sozusagen integrieren und dann zuschauen müssen, wie andere alles besser machen. Jetzt ist es ein Neubeginn - auch für das Unternehmen mit einer neuen, großangelegten Aufgabe und mit Fred Kogel einem sehr guten Manager an der Spitze, dem ich zutraue, tatsächlich etwas zu erreichen. Also, es ist als Deal zufriedenstellend, aber nicht spektakulär, würde ich es benoten müssen, wäre es eine glatte 2.

Gibt es in Ihrer langen Karriere so etwas wie Meisterstücke? Ich denke etwa an den Kauf der Champions League für ihren damaligen, gemeinsam mit Rupert Murdoch gehaltenen Frauen-Sender tm3, ein Deal, der alle erstaunt hat.

Ja, das war schon so etwas, dieser Kauf der Champions League tm3 für damals 1,3 Milliarden Mark und dann der Verkauf um gutes Geld - es war der 1. Mai 1999, ich weiß es noch wie heute, weil Herr (Helmut) Thoma, damals RTL-Chef und bis dahin Rechte-Inhaber, nicht gearbeitet hat, während ich nach Zürich geflogen bin und bei UEFA-Präsident Lennart Johannson, der übrigens jüngst gestorben ist, diese Rechte gekauft habe. Das war ein wirklich wilder Ritt, natürlich mit Rupert Murdoch an der Seite - aber auch den musste erst jemand bändigen und motivieren. Ja, das sorgte für Schlagzeilen, aber sozusagen emotional berührt hat mich anderes -  mit dem Fußball habe ich es bis heute nicht so und damals musste ich immer das Wort Champions League erst mal vorm Spiegel trainieren

Und was ist nun so ein emotionaler Moment gewesen?

Es war der 24. September 1978: Vladimir Horowitz und Zubin Mehta in New York, die erste Klassik-Live-Übertragung über den Atlantik, ein einzigartiges, nie mehr wiederkehrendes musikalisches Ereignis. Und der Grundstein für die Clasart …

… Ihr Klassik-Unternehmen, jetzt Teil der verkauften Tele München, das Sie gründeten, nachdem Sie 1976 bei Kirch kündigten, sich selbständig machten, heirateten …

… und mein Sohn wurde geboren… Ich bin am 11. 11. bei Kirch gegangen. Er konnte es nicht glauben und hat meine Kündigung aus dem offenen Fenster ins Restaurant vom Bayerischen Hof geworfen, wo meine Sekretärin den Brief dann irgendeiner armen Dame, die da gegessen hat, aus der Suppe geholt hat. Ich habe dann damals, kurz nach meinem 29. Geburtstag, die Firma Metronom, wie sie am Anfang hieß, gegründet. Sie wurde später zur Clasart, weil Metronom eine mir bis dahin unbekannte schwedische Plattenfirma war. Ich habe meine berufliche Selbständigkeit quasi in meiner Wohnung in München begonnen. Das waren damals schon ein paar interessante Gespräche mit den Banken über einen Kredit über 100000 - Mark wohlgemerkt. Die Sicherheiten dafür wollte mein Vater, von dem man ja immer gedacht hatte, er würde einen im Extremfall vielleicht doch unterstützen, nicht bieten - er fand das Film- und Fernsehgeschäft nicht so lustig wie seine Firma, die sich mit warmem Wasser beschäftigt hat.

Sie haben zwar die Clasart nun mitverkauft, aber die Klassik lag und liegt Ihnen immer noch am Herzen. Ist das ein Bereich, in dem Sie sich vorstellen könnten, nochmals etwas hochzuziehen? 

Also, zunächst habe ich jetzt in den nächsten eineinhalb Jahre nicht vor, mich beruflich in irgendeiner Weise zu engagieren. Wenn ich das wollte und dringend einen Film über die Kunst des Dirigierens drehen wollte, würde ich mir wahrscheinlich von KKR unter dem Dach der Clasart dafür einen Auftrag holen - meinetwegen kostengünstig. Noch ist es nicht soweit. Aber natürlich gibt es ein paar Dinge wie die Opernübertragungen aus der New Yorker Met und anderes mehr, mit denen ich mich verbunden fühle. Diese Hektik des Tagesgeschäfts fällt jedoch so langsam ab. Ich weiß jetzt nicht mehr, wier die Quoten von RTL2 sind und grade noch, dass das Pfingstwochenende für Tele5 schwach war – aber im Großen und Ganzen ist mir das jetzt wurscht und das ist auch gut so.

Nicht egal ist Ihnen der Wiener Musikverein. Auch dort stehen Weichenstellungen bevor.

Meine 12 Jahre im Direktorium und die, glaube ich, fünf Jahre im Präsidium waren unglaublich anregende Jahre. Es war immer wie ein Ausflug von meiner oft schwer fassbaren Fernseh-, Film- und Medienwelt in eine sehr geschlossene, sehr präzise und fokussierte Welt. Jetzt ist 2020 mit 150 Jahre Musikverein nicht nur ein Jubiläumsjahr, sondern es gibt einen großen Schnitt nach der Ära von Thomas Angyan, dem wir alle zu großem Dank verpflichtet sind.

Was sind Ihre Erwartungen?

Der Musikverein, eigentlich ja schon fast 210 Jahre alt, muss langsam und behutsam in die neue Welt übergeführt werden. Dafür muss einiges geschehen und sich ändern und das wird, meine ich, Stephan Pauly sehr gut bewerkstelligen.

Gibt es da Punkte, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Dazu zählt etwa die Öffnung des Hauses mit dem natürlich langsam älter werdenden und schwindenden Abonnenten hin zu einer dynamischeren Publikumsschicht. Ich weiß und sehe das, weil ich auch das Cleveland Orchester unterstütze und was dort für unglaublich erfolgreiche Projekte stattfinden, um ganz neue Generationen in den Konzertsaal zu bringen und ihnen auch durch sehr speziell zugeschnittene Programme einfach die Lustdaran näher zu bringen. Da ist sehr, sehr viel zu tun. Natürlich muss auch das Kammermusikalische bewegt, das Archiv gefördert und digitalisiert werden. Nicht zuletzt glaube ich, dass ein Weg gefunden werden muss, einer übergreifenden Form des Kunstgenusses aus darstellender Kunst und Klassik, um auch damit neue Publikumsschichten anzusprechen.

Zuletzt noch zur österreichischen Medienpolitik, über die Sie sich lange genug geärgert haben. Die macht jetzt kurz mal Pause. Wenn Sie als nunmehr neutraler Beobachter einen Blick darauf werfen?

So von der Seitenout-Linie kann ich nur sagen: Was hat die Medienpolitik in den letzten 20 Jahren am besten gemacht? Pause. Es gab zu keinem Zeitpunkt so etwas wie eine proaktive Medienpolitik in diesem Land. Man hat im besten Fall erduldet, was nicht zu verhindern war. Dazu zählt die Einführung des privaten Fernsehens Anfang dieses Jahrtausends und mit 25 Jahren Verspätung. Der ORF ist und bleibt ein Bollwerk, weil die Politik ihn einfach hätscheln und päppeln muss, weil sie ihn braucht. Daran wird sich nichts Grundlegendes in den nächsten 10 Jahren ändern. Es wird aber auch für den ORF schwierig, weil natürlich das Geld nicht in den Himmel wachsen wird.

Da ist und bleibt die Gebührenfrage ein Dauerbrenner.

Die Umstellung auf eine Steuerfinanzierung ist nicht die Katastrophe, die beschrieben wird, wenn die Politik damit einigermaßen verantwortungsvoll umgeht. Realistisch betrachtet braucht der ORF 700 bis 800 Millionen. Andernfalls droht er ohnedies wieder mit der Schließung des Orchesters, aber das kennen wir auch schon seit Gerd Bachers Zeiten - die Weichteile des ORF werden stets zur Disposition gestellt, wenn die Finanzierung knapp wird. Im Großen und Ganzen ist in Österreich das Pflänzchen Privatfernsehen in bescheidener Form am Weg und da glaube ich, da habe ich ein kleines Quäntchen mit dazu beigetragen. Lieber wäre mir gewesen, Privatfernsehen hätte heute einen Marktanteil von 30 Prozent, aber im Werbemarkt ist es ja immerhin so.

Würden Sie auch heute noch sagen, dass ATV Ihr „größter Fehler“ war?

Dazu müsste ich auch noch alle anderen Fehler Revue passieren lassen und das möchte ich an diesem schönen Tag nicht machen.

Danke für das Gespräch