Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries, re.) tanzt wieder durch das Berlin der 1920er-Jahre – hier an der Seite von Vera (Caro Cult).

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Kultur Medien
01/21/2020

Die dritte Staffel von "Babylon Berlin": Auf die Party folgt der Crash

Die Reise durchs aufregende, dem Untergang geweihte Berlin der Zwanzigerjahre geht weiter. Zwölf neue Episoden von "Babylon Berlin" starten am Freitag auf Sky. Die Serienmacher Henk Handloegten, Tom Tykwer und Achim von Borries im Interview.

von Marco Weise

Die Serie „Babylon Berlin“ startet am Freitag via Abosender Sky in die dritte Staffel. Diesmal geht es weniger opulent und orgiastisch zur Sache – es wird nicht mehr so ausgelassen gefeiert, sondern eher leise getänzelt. Dafür wird das Tempo gedrosselt und den Figuren rund um Kommissar (Volker Bruch) und Kriminalassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) mehr Raum zum Atmen, mehr Platz zur persönlichen Entfaltung gelassen.

Der KURIER hat mit den Serienmachern Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries (Buch und Regie) gesprochen.

KURIER: Babylon Berlin“ bezieht sich auf die Bestseller-Romane von Volker Kutscher. Wie sehr haben Sie sich von der Vorlage entfernt?

Achim von Borries: Die Drehbücher unterscheiden sich sehr stark von den Romanen. Es sind zwei Universen. Volker Kutschers Bücher legen den Fokus auf die Kriminalgeschichte. Wir wollen hingegen seit Staffel eins ein Panorama aus unterschiedlichen Bereichen aus dem Berlin der 1920er-Jahre erzählen und haben uns deshalb auch erlaubt, den Kosmos der Romane zu erweitern. Volker Kutscher gibt uns zum Glück große Freiheiten und lässt uns machen.

Wie sieht die Arbeitsaufteilung von Ihnen dreien aus?

Achim von Borries: Wir machen alles gemeinsam. Wir drehen hintereinander, diesmal habe ich angefangen, danach hat Henk weitergemacht und Tom hat dann zum Schluss übernommen. Wir teilen uns die Dreharbeiten untereinander auf. Geschnitten wird dann aber zusammen. Wir achten darauf, dass es trotz der unterschiedlichen Regisseure eine visuelle und stilistische Kohärenz zwischen den Folgen gibt.

Henk Handloegten: Wir teilen uns aber nicht die Episoden, sondern die Drehorte untereinander auf. Dadurch entsteht vielleicht auch eine gewisse Lebendigkeit, weil ja jeder einen etwas anderen Zugang wählt.

Sorgt das auch für persönlichen Differenzen?

Tom Tykwer: Klar fliegen im Schneideraum auch die Fetzen. Es ist nicht immer einfach, weil man ja auch immer der Kritik der anderen ausgesetzt ist. Aber jeder hat Schwächen, und die gilt es auszugleichen. Dabei ist kein Platz für Befindlichkeiten.

Achim von Borries: Auch bei der Drehbuchbearbeitung korrigieren und verbessern wir uns gegenseitig. Das machen wir, ohne den anderen um Erlaubnis zu fragen.

Was können die Zuseher von der dritten Staffel erwarten?
Achim von Borries:
Es werden in der neuen Staffel auch wieder neue Figuren in den Mittelpunkt gerückt. Meistens sind das Randfiguren, die vielleicht nur einen Kurzauftritt in den ersten beiden Staffeln hatten. Zum Beispiel die Nachbarin von Charlotte Ritter, Frau Cziczewicz, die kommt ein einziges Mal kurz vor. Aber da Rike Eckermann diese Szene so toll gespielt hat, dachten wir uns, dass wir der Figur etwas ausführlicher folgen sollten. Das ist auch das Großartige an einer Serienproduktion: Man kann sich auf Kleinigkeiten konzentrieren.

Tom Tykwer: Die dritte Staffel hat ein anderes Tempo. Es gibt weniger Spektakel, dafür konzentrieren wir uns mehr auf die Figuren. Der Vorteil ist, dass wir nun in die Tiefe gehen können, weil wir die Figuren bereits eingeführt haben, der Zuseher die Protagonisten bereits kennt.

Henk Handloegten: Da wir immer neue Bereiche aus dieser Zeit einbauen, verbringen wir auch viel Zeit mit Recherchearbeiten. Diesmal haben wir uns etwa mit Okkultismus beschäftigt. Das ist damals auch im Kriminalbereich aufgetaucht: Es gab ernsthaft Interesse daran, Kriminaltelepathie in die Polizeiarbeit zu implementieren. Der Ursprung für diese Strömung kam übriges aus Wien – von einem Mann mit dem klingenden Namen Ubald Tartaruga, das war ein Polizeijurist und Parapsychologe.

Babylon Berlin“ ist mitverantwortlich für den Hype um die „Goldenen Zwanziger“. Warum ist die Ära so interessant?

Tom Tykwer: Die Zwischenkriegszeit ist eine untererzählte Epoche. Viele Menschen wissen sehr wenig bis gar nichts darüber. Das liegt auch daran, dass Sie im Geschichtsunterricht vernachlässigt wurde und wird. Man braucht ja nur in eine Bibliothek gehen: Da finden sich viele Regale voller Bücher über den Nationalsozialismus und nur eine kleine Abteilung über die Zwanzigerjahre. Auch in der Welt des Filmes und der Dokumentationen gab es dazu bislang wenig Material. Das wird nun mehr, weil man erkannt hat, wie spannend, zukunftsorientiert, vielfältig und international Berlin in dieser Ära war.

Henk Handloegten: Die Stadt war voll mit herausragenden Köpfen im Bereich der Kunst, Kultur, Wissenschaft und Medizin. Viele davon haben mit dem Umbruch Berlin verlassen.

Achim von Borries: Es ist unglaublich, was sich in den 1920er-Jahren in Berlin alles ereignet hat. Zu dieser Zeit wurden von Ernst Gennat die kriminalpolizeilichen Methoden revolutioniert. So etwas wie eine Spurensicherung gab es davor nicht. Bis dahin war es nicht ungewöhnlich, dass die als erstes am Tatort eintreffende Personen einmal sauber gemacht und die Leiche drapiert hat, damit alles würdevoll aussieht.

Es war aber auch die Pionierzeit der Frauenbewegung.

Henk Handloegten: Ja, die Emanzipation der Frau war in den 1920er-Jahren im vollen Gange. Und nach dem Zweiten Weltkrieg war davon nichts mehr übrig. Man hätte nach dem Nationalsozialismus die Möglichkeit gehabt, dort anzuschließen, wo man vor der Machtübernahme Hitlers aufgehört hat. Die Emanzipation ging irgendwo im Krieg verloren. Die zerstörerische Kraft des Nationalsozialismus war enorm.

Neue Folgen

Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“  beginnt rund fünf Wochen vor dem vernichtenden Börsencrash am 24. Oktober 1929, der als „Schwarzer Donnerstag“ in die Weltgeschichte eingegangen ist. Berlin ist eine Metropole in Aufruhr: Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt – alles befindet sich in radikalem Wandel. Spekulation und Inflation zehren bereits an den Grundfesten der immer noch jungen Weimarer Republik. Wachsende Armut und Arbeitslosigkeit stehen in starkem Kontrast zu Exzess und Luxus des Nachtlebens und der nach wie vor überbordenden kreativen Energie der Stadt. In der aufgeheizten Stimmung wird in den berühmten Babelsberger Filmstudios ein Film mit Leinwandstar Betty Winter gedreht. Doch ein herabfallender Scheinwerfer beendet das Leben der Schauspielerin. Es war Mord, wie Hauptkommissar Gereon Rath (Volker Bruch)  und Kommissarsanwärterin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) herausfinden.

Bis in die Nebenrollen gut  besetzt, wurden die ersten beiden Staffeln von  „Babylon Berlin“ weltweit ausgezeichnet – u. a. mit einer Romy. Ab  24. Jänner ist die neue Staffel exklusiv auf Sky 1 in Doppelfolgen (ab 20.15) zu sehen und kann über Sky X gestreamt werden. Die zwölf neuen Folgen werden im Herbst dieses Jahres auch im Free-TV zu sehen sein. Neben der ARD wird auch der ORF die dritte Staffel zeigen. Der genaue Ausstrahlungstermin wurde jedoch noch nicht  bekannt gegeben.