© Charles Yunck/Axel Springer

Kultur Medien
02/10/2020

Die Bild will Fernsehen machen: Dem Volk aufs Maul geschaut

Deutschland größtes Boulevardblatt soll zur Live-TV-Marke werden, was ist davon zu erwarten?

von Sandra Lumetsberger

Sie heißen Nils, Annette, Tobias, Christel und sind Polizist, Model, Chauffeur und Rentnerin – um ein paar jener Menschen zu nennen, die wie in einer Schulklasse im Hamburger Maritimen Museum vor Julian Reichelt sitzen, Chefredakteur der größten deutschen Boulevardzeitung Bild. Diese Menschen wären „ein Querschnitt der Bevölkerung“, erklärt er den Zusehern im Web. „Hier spricht das Volk“ heißt die Talkshow, die kürzlich online lief.

Moderator Reichelt lässt da etwa per Handzeichen abstimmen: Wer hat Angst vor dem Coronavirus? Wer glaubt, die Regierung informiere nicht genug? Und, weils gerade passt: Wäre CDU-Minister Jens Spahn ein guter Kanzler? Danach verläuft die Debatte zwischen Rente, Armut, Klima, Sicherheit.Einmal im Monat soll dieser Talk kommen. Und könnte ein Vorbote dessen sein, was auf das Publikum zukommt: Der Axel-Springer-Verlag will sein Massenblatt zur TV-Marke machen. Man wolle das Leben so zeigen, wie es die Menschen erleben – nicht so "weichgespült" wie bei den Öffentlich-Rechtlichen, kündigte Bild-Chef Reichelt im Spiegel-Interview an.

Gegen ARD, ZDF & Co

Diese Attacke auf ARD, ZDF & Co ist nicht neu: Die Bild und öffentlich-rechtliche Sender, das war noch nie Freundschaft. Woran das liegt, weiß Medienwissenschaftler Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin. Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen hat beim Verlag lange Tradition, passt auch "in die populistische Perspektive" der Bild, sagt er.

Zuletzt passiert, als die "Tagesschau" (ARD) aus Versehen ein manipuliertes Video des Abschusses der ukrainischen Passagiermaschine im Iran zeigte. Laut ARD sei der Beitrag auf Grundlage von Material des US-Senders CBS erstellt worden.

Die Bild brachte die Geschichte groß und zeigte die Original-Aufnahmen. Das passt zu ihrer Erzählung, wonach die Sender über manche Dinge nicht berichten würden. Das schwierige Verhältnis hat laut Trebbe noch einen anderen Grund. 2006 wollte der Verlag ins Fernsehgeschäft einsteigen und sich bei ProSiebenSat.1 beteiligen, dadurch ergab sich ein Konkurrenzverhältnis.

Auflage sinkt

Dass man es erneut versucht, ist aus medienökonomischer Sicht verständlich, sagt Trebbe. "Die Bild ist zwar noch immer ein Leitmedium unter Meinungsmachern, wird häufig zitiert. Aber die Auflage hat sich in den letzten zehn Jahren von drei auf 1,5 Millionen halbiert. Der Verlag hat verstanden, dass die Zeit der am Kiosk verkauften Zeitungen zu Ende geht."

Bereits 2013 verkaufte man die Regionalzeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost), Programm- und Frauenzeitschriften an die Funke-Mediengruppe. Vor kurzem stieg ein US-Investor beim Axel-Springer-Verlag ein. Das bedeute Einsparungen bei Personal und Konzern. Dafür sollen wiederum mehr als 100 Millionen Euro in den nächsten Jahren in die Live-Video-Strategie fließen.

Was die Umsetzung betrifft, ließ Reichelt via Spiegel wissen: Man würde, wenn nötig, zehn Leute losschicken, "die innerhalb von 24 Stunden vor Ort und sendefähig sind". Auf Dauer wird man eine Sendelizenz brauchen, bisherige Formate wie "Bild-Sport-Talk" sind als zulassungspflichtiger Rundfunk eingestuft.

Was sich der Medienexperte inhaltlich von einem "Bild-Sender" erwartet: Ähnliches wie im Blatt: Stars, Sternchen, Sex, Crime. Auf dem Fernsehmarkt würde man damit eine Lücke schließen, bei den konventionellen Sendern gibt es zwar Boulevardmagazine, aber eher im halbstündlichen Angebot. "Wenn so eine Marke wie die Bild da reingeht, wäre das für diese Zielgruppen sicher interessant."

Geschichte

Im Nachkriegs-Hamburg gründeten 1946 Axel Springer und sein Vater den Axel-Springer-Verlag, die ersten Publikationen: Bild, Hör zu, Hamburger Abendblatt. Später kaufte man Welt und Welt am Sonntag dazu.

Politik

1959 reiste der konservative Springer nach Moskau, warb für die Deutsche Einheit – ohne Erfolg. Später bekämpften seine Blätter die Studentenbewegung und umgekehrt. Springer starb 1985, seine fünfte Frau Friede übernahm die Leitung des Konzerns.

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