Kultur | Medien
26.11.2018

"Der letzte Tango in Paris": Regisseur Bernardo Bertolucci ist tot

Laut Medienberichten mit 77 Jahren gestorben. Der Oscarpreisträger war seit mehreren Jahren krank

Es war im Jahr 1972, als Bernardo Bertolucci die internationale Filmwelt auf den Kopf stellte. Die Premiere seines Erotik-Aufregers „Der letzte Tango in Paris“  hinterließ sein Publikum angeblich in Schockstarre. Die legendäre Filmkritikerin  des  The New Yorker, Pauline Kael, schrieb  über den damals 32-jährigen Regisseur die mittlerweile berühmten Sätze:  „Bertolucci und Brando haben das Gesicht einer gesamten Kunstform verändert. Wer konnte damit rechnen?“

Pasolini und  Jean-Luc Godard wurden zu wichtigen Einflussquellen von Bertoluccis Anfängen als marxistischer Filmemacher.  Zwar  arbeitete er auch  als   Drehbuchautor und schrieb an  Sergio Leones Spaghetti-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit. Doch spätestens seit seinem brillanten Drama „Vor der Revolution“ (1964), das von einem wohlhabenden, marxistischen Studenten und dessen Verhältnis zu seiner Tante handelt,   zählt Bertolucci neben Antonioni, Fellini und Pasolini  zu den Schlüsselfiguren des italienischen New Wave der 60er-Jahre. Er war es   auch, der (als einziger)  mit einem Monumentalepos wie „Der letzte Kaiser“ den Sprung ins große Hollywood-Geschäft schaffte, erstmals an Originalschauplätzen in Peking drehen durfte und dafür neun Oscars gewann.

Der Konformist

Trotzdem entstanden gerade in den  frühen 70er-Jahren, in denen  Bertolucci auch eine  Psychoanalyse begann,   Schlüsselwerke seiner lan-gen Karriere.  Die Verfilmung von Alberto Moravias Roman  „Der Konformist“ unter dem deutschen Titel „Der große Irrtum“  (1970)  gilt vielen bis heute als Meilenstein. Jean-Louis Trintignant spielt darin einen Opportunisten, der seine Homosexualität unterdrückt und zum faschistischen Mitläufer wird.  

Skandal-Tango 

„Der letzte Tango von Paris“  zeigte Maria Schneider und Marlon Brando in einer unmöblierten Wohnung bei   expliziten Sexszenen und putschte Bertolucci, dem damals Haft angedroht wurde,   zum Skandalregisseur. Der internationale Ruhm war seinem Regisseur jedenfalls sicher und ermöglichte ihm die Verwirklichung seines  klassenkämpferischen,  fünfstündigen Geschichtsepos „1900“ (1976), das mit dem Tod von Giuseppe Verdi beginnt und mit Stars wie Robert De Niro, Burt Lancaster, und Gérard Depardieu  auftrumpft.  „1900“   geriet  zum  spektakulären Misserfolg, den Bertolucci  mit dem Gefühl, das einem alle Knochen im Leib gebrochen wurden, verglich.

#metoo-Nachspiel

Übrigens hatte auch „Der letzte Tango von Paris“  im Zuge der #MeToo-Debatte ein  Nachspiel. Dem Regisseur und Brando  wurde ein grober Missbrauch ihres Machtverhältnisses gegenüber der erst 19-jährigen Maria Schneider vorgeworfen.  So gab Bertolucci später  zu, dass er und Brando es verabsäumt hatten, Maria Schneider im Vorfeld über die Details der berühmten „Butter“-Szene zu informieren.

Dreh mit Spacey geplant

Nach einer missglückten Bandscheibenoperation im Jahr 2003  saß Bernardo Bertolucci  über ein Jahrzehnt im Rollstuhl, den er scherzhaft seinen „elektrischen Stuhl“ nannte. 2014 drehte er einen Kurzfilm, um gegen den Mangel an  Barrierefreiheit in Rom zu protestieren.

Auch hatte   er angekündigt, mit dem nach Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs in Hollywood in Ungnade gefallenen Kevin Spacey arbeiten zu wollen. Dazu kam es nicht mehr:  Bertolucci ist  nun  77-jährig nach langer Krankheit in Rom gestorben.