Soll die Plattform zum Laufen bringen: ORF-Chefproducer Weißmann ist nun der Player-Boy des Öffentlich-Rechtlichen

© ORF

Interview
09/10/2020

"Das ist kein Wünsch-Dir-Was des ORF"

Seit Juli ist ORF-Chefproducer Roland Weißmann Projektleiter des ORF-Player. Er spricht über den Start im Sommer, Politik und ORF.at.

von Christoph Silber

Lange Zeit war der ORF-Player nicht viel mehr als ein Schlagwort für die Öffentlichkeit. Seit Juli ist der stv. Finanzdirektor und Chefproducer Roland Weißmann auch der Kopf hinter dem Zukunftsthema. Was das wird und was es damit soll, erzählt Weißman im Interview.  

Bereits 2018 hat Generaldirektor Alexander Wrabetz den Player als das "ambitionierteste Projekt" des ORF bezeichnet - und dann trat Ruhe ein, die nur hin und wieder von der Erwähnung des Players unterbrochen wurde. Gibt es ihn tatsächlich?

Diese vermeintlich faktische Feststellung ist natürlich Unsinn. Und ich bitte um Verständnis dass nicht jeder Projektschritt mittels öffentlicher Verlautbarung kundgemacht wurde. Die Entwicklung des ORF-Player ist eng verknüpft  mit einer Neuausrichtung des Unternehmens. Die Strategie ORF2025, die derzeit ausgearbeitet wird, sieht ja den Wandel des ORF vom bisherigen klassischen Fernsehunternehmen hin zu einem Plattform-Unternehmen vor. Der Grund dafür ist: Wir müssen das Publikum dort abholen, wo es ist. Ein Teil dessen, insbesondere jüngere Menschen, konsumieren vorwiegend oder ausschließlich online. Deshalb braucht es den ORF-Player und für den ist bereits einiges an Vorarbeiten geschehen und es gibt dazu noch eine ganze Menge an weiteren konkreten Ideen. Aber auch die linearen Kanäle des ORF in Radio und Fernsehen werden natürlich nicht an Bedeutung verlieren.

Wie soll diese Umsetzung des Players stattfinden?

Was ich seit meinem Antritt im Juli unter anderem gemacht habe ist, in einer Projektgruppe zusammenzuführen und neu zu strukturieren. Eine ganz wesentliche Aufgabe dabei ist zudem die interne Kommunikation über Ziele und Entwicklungsstand. Wir informieren derzeit nach innen in einer Art Info-Tour - zunächst waren es etwa 100 Führungskräfte, nun die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ORF Online und es werden weitere Abteilungen und Teilbereiche folgen. Das ist wichtig, weil der Player ein Projekt ist, wie es noch nicht viele im ORF gegeben hat.  Es werden dafür Mitarbeiter innen und Mitarbeiter aus allen, vor allem Inhalte produzierenden Teilen des ORF - von Fernsehen über Radio zu Online - zugezogen, die sich hier einbringen können und wollen. Es ist das ähnlich wie beim Medienstandort aufgesetzt.

Sonderrechte

Gibt es demnach auch für Sie die Sonderrechte, die Pius Strobl eingeräumt wurden?

Der Player ist in der Generaldirektion verortet. Die personellen Ressourcen und die Expertise des Hauses werden dem in einer gewissen Priorität zugeordnet. Es sind das mehr als 150 Kolleginnen und Kollegen, die organisatorisch zwar in ihren Bereichen bleiben, aber mit ihrem Knowhow für eine bestimmte Zeit für den Player zur Verfügung stehen. Das heißt, die Organisationsstruktur des Player ist schlank und es wird temporär Expertise aus dem ORF, aber auch, wo notwendig, von außerhalb hereingeholt. Es handelt sich hier um Redakteure, Techniker, Produktentwickler, Content-Zulieferer usw., das ist ein breites Spektrum. Wir kommen jetzt zügig voran. Das Ganze ist auf einen bestimmten Zeithorizont für die nächsten 12 bis 18 Monate hin ausgelegt, das gilt auch für mich. Das ist ambitioniert.

Was darf man sich vom Player erwarten? Andere sind deutlich weiter. Erst jüngst hat die ARD die Devise online first für Film und Serie ausgegeben.

Der Player basiert auf einer völlig anderen Herangehensweise als es bisher im klassischen Broadcast-Denken üblich war und auf völlig neuen Logiken. Was der Player können wird, hängt in einem hohen Ausmaß auch an den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Da muss man auch zur Kenntnis nehmen, dass deutsche Öffentlich-Rechtliche mehr dürfen. Sollte es dem ORF erlaubt werden, so wird es natürlich auch bei uns online first- und damit verbunden wird es auch Online-Only-Inhalte geben als Teil einer Gesamt-Strategie. Klar ist aber auch erstens, dass das lineare Fernsehen auch in den nächsten zehn Jahren noch einen hohen Stellenwert haben wird. Das gilt im Übrigen auch für Radio und die blaue orf.at-Seite. Parallel muss aber der Player forciert werden, der auf längere Sicht der künftige Haupttreiber des ORF werden wird. Und klar ist auch zweitens, dafür braucht es in bestimmten Bereichen eine Novelle des ORF-Gesetzes. Das ist ja auch Teil des Regierungsprogramms zur Stärkung des Medienstandortes Österreich. Es hätte aber keinen Sinn gehabt, irgendein Fantasieprojekt voranzutreiben, ohne dass es für diese Überlegungen eine gesetzliche Basis gegeben hätte.

Plan B

Die Gesetzes-Novelle, so scheint es, verzögert sich und wird wohl heuer doch nicht mehr kommen. Kann der Player auch ohne Novelle starten?

Das ist Teil unserer Überlegungen. Der Player wird in einer 100 Prozent-Variante aufgestellt, sodass es im Fall einer Novelle keine Verzögerungen gibt. Es gibt aber natürlich, wie das jeder gute Manager macht, auch einen Plan B, einen Player in einer abgeschlankten Variante. Nur man muss sich an dem Punkt klar sein, was das bedeutet. Es liegen ja die entsprechenden Studien vor: Streaming ist beim jungen Publikum zu einer wichtigen Quelle für den Medienkonsum geworden. Deshalb braucht der ORF, damit er seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag und seinem Versorgungsauftrag nachkommen kann, einen entsprechenden Zugang zu dieser wachsenden Zielgruppe. Das ist also kein Wünsch-Dir-Was des ORF, sondern wir brauchen regulatorische Anpassungen, um unseren öffentlich-rechtlichen Auftrag auch in Zukunft erfüllen zu können. Andernfalls schneidet man ihn von einem Entwicklungsstrang der Zukunft ab. Es ist ja zum Beispiel mittlerweile einfach überall Usus, Content länger als nur sieben Tage abrufbar zu halten. Der ORF darf das aus gesetzlichen Gründen nicht.  Dabei wäre das ja auch im Interesse der Gebührenzahler. Mit ORF.at und der TVthek sind wir im Rahmen unserer Möglichkeiten in der digitalen Welt sehr gut aufgestellt, nun muss aber der nächste Schritt folgen.

Was werden die Österreicher als erstes beim Player zu Gesicht bekommen?

Wir planen den Start in zwei Wellen, weil das die knappen Ressourcen schont und nicht immer ein Big Bang notwendig ist. Vorausgesetzt es gibt die gesetzlichen Änderungen im Frühjahr, werden zwei Drittel des Players vor oder im Sommer 2021 fertig sein. Verzögert sich die Novelle weiter, werden alle zehn geplanten Module gleichzeitig starten. Mit Blick darauf muss man sich aber auch klar sein, das ist eine andere Welt als die TV-Welt davor. Wir sind hier nun in der Lage, sehr viel schneller auf Publikumswünsche zu reagieren - oder auch darauf, wenn etwas nicht funktioniert. Das ist auch eine Welt von Versuch und Irrtum. Dazu kommt, wenn es gesetzlich zulässig ist, dass wir anlassbezogen Angebote starten können. Ein Beispiel wäre etwa die Fußball-EM, für die zusätzlich zum Sport-Screen ein eigenes Modul denkbar wäre.

Was soll der Player an Themen-Feldern umfassen?

Die Radiothek, den Sport Screen, das Newsroom-Modul, also die Information, und das Live-Modul, also das Fernsehprogramm mit speziellen Features wie 24/7 sie werden vor dem Sommer starten können, wenn der Gesetzgeber es möglich macht. Die Film-Streaming-Plattform Flimmit, die demnächst einem Relaunch unterzogen wird, sowie die Klassik-Plattform fidelio werden parallel in den ORF-Player integriert werden. In einer zweiten Welle folgen die Module Kids, Topos mit Kultur/Wissenschaft/Religion sowie Open Space für usergenerierte Inhalte.

Nebenjob

Sie sind nach einer Ausschreibung und quasi im Nebenjob Player-Chef geworden. Man spekuliert darüber, Alexander Wrabetz wollte den Türkisen etwas Gutes tun - um sich selbst, im Hinblick auf die ORF-Wahlen 2021, etwas Gutes zu tun.

So etwas kommentiere ich nicht. Wir haben beim ORF-Player ein dichtes Arbeitsprogramm aufgestellt, das wird abgearbeitet und es gibt nun erhebliche Synergien. Deshalb habe ich mich beworben und deshalb, so nehme ich an, wurde ich auch vom Generaldirektor damit zusätzlich betraut. So ist beispielsweise der Rechteeinkauf im Fernsehen ein Teil meines Jobs als Chefproducer. Für eine künftige Digital-Strategie macht es jedenfalls Sinn, wenn auch Online-Rechte hier integriert sind. Das ist ein Faktum. Was sonst noch spekuliert wird, kommentiere ich nicht.

Das ist aber auch ein Grund für die Aufregung bei orf.at. Dort soll ein zweiter Chefredakteur kommen. Man fürchtet dort parteipolitische Einflüsse und dass der vorhandene Chefredakteur zur Seite geräumt wird.

Veränderungen, das ist klar, sorgen immer für Unruhe. Das nehmen wir ernst und dem versuchen wir mit offener Kommunikation zu begegnen. Wir bauen diesen Bereich erheblich aus, soweit es gesetzliche Vorgaben erlauben. Die blaue Seite, orf.at, ist extrem erfolgreich. Deshalb wird sie ein wichtiger Teil des Players sein, aber auch eigenständig bestehen bleiben. Was wir nun zusätzlich wollen, ist künftig ein deutlich höherer Anteil an Bewegtbild. Das ist inzwischen State of the Art. Das heißt, es wird das Aufgabenportfolio erweitert, dazu kommt dann auch noch zusätzlich das Player-Informationsmodul und das alles wird von einer weiteren Chefredakteurin oder einem Chefredakteur wahrgenommen werden. Weil die Belegschaft von ORF on ohnehin schon stark ausgelastet, wird es im Zuge des Ausbaus auch mehr personelle Ressourcen geben. Das heißt, es wird der gesamte Bereich deutlich größer und deshalb wird es zwei Chefredakteure geben. Der jetzige Chefredakteur Gerhard Heidegger wird das übrigens auch bleiben. Es wird eine Geschäftsaufteilung geben und in der Chefredaktion wird man sich auch gegenseitig vertreten.

Podcasts

Zurück zum Player: Ein großes Thema sind derzeit Podcasts, wie soll das im Player integriert werden?

Das wird mit der Radiothek Teil des Sound-Moduls - soweit wir das gesetzlich dürfen. Gerade im Bereich Podcast sehen wir große Chancen, wir haben hier ganz klar das Knowhow sowohl technisch als auch inhaltlich. Das wird in Abstimmung mit den Radio-Redaktionen ein wichtiger, spannender Schwerpunkt werden. 

Eine Frage, die sich im Umgang mit online aufdrängt, ist jene, wie es bei all dem mit der Verwendung von Algorithmen und von Daten steht.

Das hängt natürlich auch alles von den gesetzlichen Vorgaben ab. Das ist auch für den Werbemarkt ein Thema und ist auch ein Thema für die Nutzer und in Bezug auf die Nutzer-Erfahrung. Wir hoffen, dass der ORF sich im Gleichklang mit den anderen Marktteilnehmern wird bewegen dürfen. Im Mittelpunkt steht aber jedenfalls das User-Interesse.  

Der ORF Player soll sehr viel können, soll auch Private und anderes integrieren bzw. teilhabenlassen. Droht das nicht ein unübersichtliches Monster zu werden?

Das wird definitiv kein unbeweglicher Riese. Wichtig ist: Der ORF muss im Netz wiedererkennbar sein und bleiben. Der ORF muss für seinen Kunden auffindbar und relevant sein. Und: Die Nutzung des ORF muss online einfach bleiben für die Userinnen und User. Das sind die Kernthemen für das Publikum und damit das Zukunftsthema für uns. Denn der ORF-Player wird bis hinein in die Strukturen konsequent von Nutzer-Seite gedacht. Es wird eine Eingangstür zu einer ganzen ORF-Welt geben, in der einfache Orientierung möglich sein wird. Wie das aufgestellt sein muss, machen uns ja die marktdominanten Unternehmen im Streamingbereich bereits vor. Das müssen wir nicht erfinden.

Und wo wird da die GIS-Tür sein?

Das ist eine Frage, die nur der Gesetzgeber beantworten kann.

Danke für das Gespräch

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