50 Jahre Satel Film stehen für eine Vielzahl von hochkarätigen Produktionen: Von "Schüler Gerber", "Radetzkymasch" und "Krambambuli" über "Kottan" und "Wiener Blut" bis "Freud

© Montage,OrF/Satel Film (4),Satel Film (2)

Interview
09/20/2021

50 Jahre Satel Film: "Geschichten, die die Menschen berühren"

Gründer Michael Wolkenstein und Geschäftsführer Heinrich Ambrosch über Erfolge, Hürden und Herausforderungen bei Kino, Fernsehen, Streaming

von Christoph Silber

Von „Kottan“ und „38“ bis „Freud“ und „SOKO Donau“: Ein Gespräch mit Michael Wolkenstein und  Heinrich Ambrosch über die Satel Film, das Jubiläum und die Branchen-Zukunft.

50 Jahre Satel, das umfasst quasi die Zeitspanne vom Schwarzweiß-Fernsehen bis Streaming?

Michael Wolkenstein: Als wir 1971 die Satel gegründet haben, gab es bereits Farbfernsehen. Die Schwarzweiß-Ära habe ich zuvor erlebt mit meiner Sascha-Ufa-Werbefilm.  Als der Umstieg kam, war das Gejammer in der Branche und bis hinauf in den ORF groß, wie schwierig das wohl werden würde, als wäre es damit aufzuhalten - und alles ist gut gegangen.

Jammern gehört zum Geschäft?

Wolkenstein: Da ist viel Jammerei dabei, vor allem die vorauseilende (lacht).

Herr Ambrosch, wie ist Ihr Blick auf das Jubiläum?

Heinrich Ambrosch: Ich leite die Satel Film inzwischen auch schon seit 15 Jahren. Ich habe hier eine sehr gut aufgestellte Firma übernehmen dürfen, vor deren kreativen Schaffen ich sehr großen Respekt hatte und habe: „Der Schüler Gerber“, die „Kottan“-Reihe, die „Geschichten aus dem Wienerwald“ oder auch „Piefke Saga“, da sind Produktionen, die mich selbst kulturell geprägt haben. Eine solche Firma aus dem Boden zu stampfen, war und ist eine große Leistung - klar, damals gab’s kein Corona, andererseits gab es auch keine Filmförderung. Was jedenfalls damals wie heute gleich ist: Jeder Film, jede Serie ist ein Wagnis.

Wolkenstein: Ich hatte es vielleicht ein bisschen einfacher als andere, denn ich hatte mir die richtigen Partner gesucht. Das war die PolyGram von Philips und Siemens, damals eine wirkliche Größe des Geschäfts, und deren gemeinsame mit Studio Hamburg gegründete Tochter, die PolyTel. Mit dabei war auch die CA, damals eine große Bank. Nicht begeistert war allerdings zu Beginn der ORF.

Der 1940 geborene Wiener ist eine Größe der heimischen und deutschen Filmbranche und übt bis heute internationale Funktionen aus. U. a. ist der  Jurist im Vorstand des Weltverbandes der Filmproduzenten.  Wolkenstein war  geschäftsführender Gesellschafter der Satel-Gruppe von 1971 bis zum Verkauf an die Bavaria 2006/2007. Er ist Präsident des Filmfestivals Kitzbühel. Auszeichnungen (u. a.): Oscar-Nominierung („38“), Romy, Goldene Kamera, Grimme-Preis

Wie das?

Wolkenstein: Vier, fünf Firmen hatten damals quasi das Liefer-Monopol als reine Auftragsproduzenten des ORF. Aber die Satel arbeitete anders: Wir entwickelten selbst Geschichten, Stoffe, machten die Vorfinanzierung, produzierten und haben dann Lizenzen oder den Kauf der Produktionen angeboten. Natürlich stand dann „Co-Produktion“ drauf, das sah für die Sendeanstalten besser aus.

Das Prinzip ist bis heute so?

Ambrosch: Wir haben im Grunde so weitergemacht. Was allen Produzenten in Österreich sehr weitergeholfen hat, war der Fernsehfonds Austria, der 2004 geschaffen wurde. Seine Förder-Richtlinien haben es ermöglicht, einen Rechte-Stock bei Co-Produktionen aufzubauen. Dazu zählt etwa auch „SOKO Donau“. Als Auftragsproduzent ist man hingegen dem Konkurrenzdruck noch viel stärker ausgesetzt.

Wolkenstein: Wenn man selbst Geschichten entwickelt, hat man auch den Kontakt zu den Autoren und Kreativen. Das ist wichtig. Ich habe stets den Satz von MGM-Gründer Louis B. Mayer hochgehalten: Das wichtigste am Film ist das Buch, das Buch, das Buch. Es geht ums Geschichtenerzählen. Aus einem schlechten Buch kann kein guter Film werden. 

Wer die Rechte an Filmen oder Serien hat, der kann sie auswerten und verdienen.

Wolkenstein: Deshalb haben wir gemeinsam mit Veit Heiduschka (Wega Film) schon früh auf unsere Beteiligung gepocht – das hat dann zur Gründung der Verwertungsgesellschaft geführt.  Wir haben damals nichts ausgelassen, um uns unbeliebt zu machen.

Der 1966 geborene Wiener studierte Architektur, absolvierte den Lehrgang für Werbung und Verkauf an der WU Wien, studierte an der New York Film Academy und arbeitete zunächst beim ORF als sendungsverantwortlicher Redakteur im Bereich Film und Serie. Seit Jänner 2007 ist Heinrich Ambrosch geschäftsführender Gesellschafter der Satel Film und wurde  mehrfach, u. a. mit der ROMY – etwa für die Serie „Freud“, „Die Toten von Salzburg“ – ausgezeichnet  

Grenzen verschwimmen

Zur Zukunft: Die ist für Kinos wegen Corona ungewiss und am TV-Markt gibt’s neue Player. Was heißt das für Euch?

Ambrosch: Ich halte das Kino für die Filmschaffenden wie fürs Publikum für sehr wichtig. Wir als Satel haben aber mit dem „Kottan“-Kinofilm 2010 dieses Kapitel weitgehend geschlossen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass sich Kino jedenfalls in Österreich wirklich lohnt. Auf der anderen Seite ist im Fernsehmarkt etwas sehr Spannendes, fast Revolutionäres entstanden: Streaming-Plattformen. Wir haben mit „Freud“ ja auch die erste Co-Produktion von ORF und Netflix machen dürfen und das weltweit mit einigem Erfolg.

Wolkenstein: Ich bin weiterhin im Weltverband der Filmproduzenten (FIAPF) tätig. Wir haben da jetzt die seltsame Situation, dass Netflix als erster Streamer der Motion Picture Association of America (MPAA) beigetreten ist, in der die großen Hollywood-Studios organisiert sind. Netflix hat klargemacht, dass man sich im Kino-Geschäft engagieren will. Auch wir glauben an die Zukunft des Kinos - es wird aber auch zu etwas werden, dass das Pferd treibt, also für Promotion sorgt. Wobei natürlich das Erlebnis auf der großen Leinwand mit nichts vergleichbar ist. Aber die Sehgewohnheiten verändern sich - nicht nur durch die Corona-Pandemie. Jedenfalls, für die Satel und für mich damals waren die Kinofilme die Visitenkarte nach außen.

Und heute?

Ambrosch: Das Geschäftsmodell hinter Streaming hat die Produktionen wieder deutlich anspruchsvoller werden lassen. Es ist nun nicht mehr notwendig, zu einer bestimmten Uhrzeit möglichst viele Zuseher gleichzeitig zu erreichen, wie es beim linearen Fernsehen bisher der Fall ist. Das führte nämlich selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen zu einer gewissen Verflachung. Die Plattformen haben nun auch das Denken bei den Sendern verändert. Natürlich können auch Öffentlich-Rechtliche nicht auf Quote verzichten, aber inzwischen sehen auch die Sender anspruchsvolle Produktionen wieder verstärkt als Aushängeschilder. Das ist eine wichtige Entwicklung.

Wie schafft man den Mix aus Anspruch und Quote? In der Satel-Geschichte findet sich ja beides mit Produktionen von „Kassbach“ bis „Schlosshotel Orth“?

Wolkenstein: Alles dreht sich darum, Geschichten zu erzählen und das in den verschiedensten Genres. Wir haben immer versucht, ein möglichst breites Spektrum abzudecken, auch um einen finanziellen Ausgleich zu erreichen. Denn das eine geht ohne das andere nicht. Nur aus dem Produktionsvolumen heraus, ist vieles erst möglich geworden.

Satel Film
Vom vormaligen Sascha-Ufa-Gesellschafter Michael Wolkenstein wurde 1971 die Satel Film gegründet. 1976 expandierte sie nach Deutschland, 1980 nach England. 2006 verkaufte Wolkenstein an die Bavaria. Seit 2007 ist Heinrich Ambrosch geschäftsführender Gesellschafter

Produktionen
Legendäre Satel-Produktionen sind Maximilian Schells „Geschichten aus dem Wienerwald“, Peter Patzaks „Kassbach“ oder „38“ von Wolfgang Glück. Als Kult gelten die Serien „Piefke Saga“ und „Kottan“, publikumsstark sind heute die „SOKO Donau“, „Die Toten von Salzburg“ und „Freud“

 

Das heißt auch, das hier einigermaßen viel Liebhaberei dabei sein muss?

Wolkenstein: Ohne Liebhaberei funktioniert dieses Geschäft nicht.

Ambrosch: Filme-Machen ist eben etwas anderes als etwa die Auto-Produktion. In unserer Branche ist es nicht möglich, ein Erfolgsprodukt in einer beliebigen Zahl zu reproduzieren. Um in der Sprache zu bleiben: Wir hanteln uns von Prototyp zu Prototyp. Wenn wir eine Produktion wie „SOKO Donau“ quasi analog zur Auto-Industrie sehen würden, dann wären sehr schnell die Zuseher weg. Auch in einer langlaufenden Serie müssen die Geschichten stimmen, muss es vorangehen. Das macht unser Geschäft schwierig.

Wolkenstein: Man kann den Erfolg nicht multiplizieren und einer Fertigungsstraße gleich Drehbücher entstehen lassen und umsetzen. Man muss tatsächlich die Geschichten, das Erzählen lieben. Man muss sich aber auch damit beschäftigen, was das Publikum interessiert.

Zugpferd Geschichte

Es gibt programmlich immer wieder spannende Phänomene wie etwa derzeit der Run auf Kaiser Elisabeth – von der RTLplus/ORF-Produktion über heimisches Kino bis hin zu Netlix und auch international wurden und werden Projekte aufgesetzt. Wie kommt so eine Ballung zustande?

Ambrosch: „Sisi“-Filme hat es immer gegeben. Der Ausgangspunkt der Überlegung ist aber ein anderer, nämlich, wie muss eine große Erzählung ausschauen, damit sie das Publikum heute interessiert und welche spannenden Aspekte gibt es. „Sisi“ ist ein großes Thema in Deutschland und darauf hofft nun RTLplus im Wettrennen um Abonnenten. Die RTL-Ausstrahlung danach soll wiederum dazu führen, dass bei einer zweiten Staffel, die hoffentlich produziert wird, Free-TV-Zuseher idealerweise zu Abonnenten werden, weil sie nicht warten wollen. Am Puls der Zeit zu sein, einen Vorsprung haben, das macht hier die Anziehungskraft aus.  Das ist auch der Grund, warum wir uns beispielsweise wieder „Mozart“ zuwenden, und zwar nicht im Kino, sondern als Highend-Serie. Es ist ein großer Stoff. Über die Plattformen gibt es jetzt auch die Möglichkeit, deutschsprachig gedrehte Inhalte zeitgleich und weltweit zu präsentieren. Früher wäre das unmöglich gewesen, unser „Mozart“ hätte in Englisch produziert werden müssen.

Das ist auch eine Kulturänderung, die durch die Streaming-Plattformen angeschoben wurde?

Wolkenstein: Zu meiner Zeit war ein deutschsprachiger Film, egal ob Kino oder Fernsehen, wahnsinnig schwer außerhalb des Sprach-Raumes zu vertreiben. Das war mit hohen Kosten etwa für den regionalen Vertrieb, die Film-Kopien, das Marketing verbunden und das für jedes einzelne Land. Da musste man als Produzent erst jemanden finden, der bereit war, Hundert Tausende zu investieren in der Hoffnung, das Geld irgendwann wieder zurückzuverdienen. Das heißt, die Plattformen forcieren nun die Internationalisierung des Geschäfts und der Inhalte.

Und was ist die Kehrseite der Medaille?

Wolkenstein: Es birgt das die Gefahr, dass lokale Eigenheiten, die Individualität verloren geht und man im Mainstream landet. Mit den US-Produktionen hat man sich über Jahrzehnte weltweit ein Publikum herangezogen, das nicht erkennt, wie mies manches gespielt ist, wie mies manche Geschichten erzählt sind – glücklicherweise gibt es aber immer wieder welche, die zum Niederknien sind, allerdings nicht im Mainstream.

Ambrosch: In den USA hatte das Marketing immer einen großen Stellenwert, weil Filme so viele unterschiedliche kulturelle Gruppen gleichzeitig erreichen mussten. Dafür musste man den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Aber es ist toll, dass wir als Produzenten heute das so tun können, wie wir es tun. Auf der anderen Seite sehe auch ich da Gefahren: Denn wer kann sich so viel Individualität und Internationalität leisten? Das sind natürlich Amazon, Netflix et cetera. Die Gefahr ist, dass wir zwar deutschsprachige Inhalte machen, aber die Rechte daran an große amerikanische Anbieter – vielleicht auch bald chinesische – gehen. Über kurz oder lang werden wir so die Hoheit über unsere Produktionen, also die Eigentümerschaft, verlieren.

Wolkenstein: Als Produzent wird man da wieder zum Zulieferer, ganz so, wie es sich in meinen Anfangszeiten die TV-Anstalten gewünscht haben. Das funktioniert dann nach dem Prinzip: Wer zahlt, schafft an. Man lebt vielleicht gut davon, aber die Kreativität geht verloren oder wird jedenfalls nivelliert.

Programm
Erst kürzlich auf ServusTV und beim ZDF zu sehen war die Satel-Produktion „Im Netz der Camorra“. Andreas Prochaskas starbesetzter Event-Zweiteiler mit Tobias Moretti als Südtiroler Winzer, den die Vergangenheit einholt,  konnte Kritik und Publikum überzeugen.

Soeben für das Streaming-Portal TVnow/RTLplus abgedreht wurde von der Satel die Highend-Serie „Sisi“ .

In Entwicklung
Als Entwicklung  angekündigt ist „Mozart“.  Martin Ambrosch schreibt die sechsteilige Serie: „Der Fokus liegt vor allem auf der politischen Figur, die Mozart war.“ Es bringt „Mozart“ auch den  seltenen Fall der  Zusammenarbeit mit seinem Bruder, Satel-Geschäftsführer Heinrich Ambrosch.

Satel-Produzentin Bettina Kuhn entwickelt indes  „Vienna Game“. Die Geschichte  rund um den Wiener Kongress schreiben Stefan Brunner („Freud“) und Star-Regisseurin  Barbara Eder („Barbarians“).  

Muss es diese Entwicklung nehmen?

Ambrosch: Jedenfalls ist es ein großes Thema. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir in einem Zeitalter der Regulierung leben, die auch für diese großen Anbieter gilt. Die Politik ist inzwischen in der Lage zu erfassen, was Google, Amazon und Co da tun und machen. Ich glaube außerdem, dass bei den Großen durch Widerstand die Bereitschaft zu Kompromissen wächst. Andernfalls verlieren sie früher oder später die Möglichkeit, auf diesem Markt zu agieren. Sie werden über die Zeit hinweg die Phasen der „Trauer“ ob des Verlustes ihrer absoluten Macht durchmachen, um dann festzustellen, dass es ein Leben danach gibt, das ebenfalls ein gutes ist. Das ist ein Lebenszyklus, den andere große internationale Konzerne wie etwa Microsoft schon hinter sich haben.

Wolkenstein: Es gibt da noch einen Aspekt, der mir wichtig ist und der so gern in Europa in den Mund genommen, aber nicht ausreichend gelebt und befördert wird: kulturelle Vielfalt und kulturelle Identität. Wir sind in Europa so stolz auf unsere kulturellen Unterschiede, wir sollten aber auch so agieren. 

Ambrosch: Von dieser Identität in einer Art zu erzählen, dass sie sich dem Publikum erschließt, ist Teil dieser Leidenschaft am Geschichtenerzählen, die die Satel seit jeher treibt. 

Sehr viel geht auch über Sprache und auch da gibt es eine gewisse Nivellierung. Ob man eine österreichische Produktion oder eine deutsche sieht, ist mitunter nicht mehr hörbar.

Wolkenstein: Dass es auch anders geht, hat schon der damalige ORF-Intendant Wolf In der Maur mit „Das Dorf an der Grenze“ gezeigt, das für Deutschland untertitelt wurde. Das sorgte allerdings für einen gewaltigen Wirbel.

Ambrosch: Das wurde mit Menschen aus einem einzigen Dorf besetzt. Das war extrem, aber konsequent.

Wolkenstein: Auch bei den ersten „Kottan“-Folgen war man sich sicher, dass sie in Deutschland nicht funktionieren. Das Gegenteil war der Fall. Bei der „Piefke Saga“ war das komischerweise gar kein Thema mehr, das lag aber auch am erste Lizenznehmer in Deutschland, dem NDR. Dort hatten die Verantwortlichen das richtige Gespür dafür.

Oscar-Hindernis Waldheim

Haben Sie eigentlich Lieblingsproduktionen der Satel?

Wolkenstein: Es ist im Grunde immer die, die man gerade macht - und bei manchen denkt man sich danach, hätte ich es doch besser gelassen. Aber die will ich hier nicht nennen. Wichtig sind sicher die Kinofilme der Satel wie „Schüler Gerber“, „Geschichten aus dem Wienerwald“ und „38“ - das war ja 1987 die erste echte Oscar-Nominierung für einen österreichischen Film. Regie geführt hat Wolfgang Glück.

Warum wurde es nichts?

Wolkenstein: Damals standen in Los Angeles alle Wetten darauf, dass „38“ gewinnt -  und dann kam die Waldheim-Geschichte hoch. Es kamen damals auch Mitglieder der Academy auf mich zu, um zu erklären, dass sie jetzt nicht mehr für den Film stimmen könnten. Ich meine bis heute, man hätte aus Protest genau das Gegenteil tun sollen, denn das war ja der Inhalt des Films – ich habe mir dort den Mund fusselig geredet. Aber genützt hat es nichts und im Nachhinein brauch‘ ich auch keine Erklärungen und Entschuldigungen mehr.

Und bei den Fernsehproduktionen?

Wolkenstein: Ans Herz gewachsen sind mir Sachen wie „Die fünfte Jahreszeit“ oder natürlich „Kottan“. Lachen Sie mich nicht aus, auch „Schlosshotel Orth“ habe ich gern und ernsthaft gemacht, die Serie ging ja dann auch über 10 Jahre. Die Nachfolge-Serie in der Zusammenarbeit mit dem ZDF war ja dann die „SOKO Donau“, die sich unter Heinrich Ambrosch toll entwickelt hat. Abgeschossen wurde „Schlosshotel Orth“ übrigens eigentlich in Österreich. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Ambrosch: Die „SOKO Donau“ ist fast so etwas wie zum Rückgrat unserer Firma geworden. Es ist das Fundament für die längste Beziehung zum TV-Publikum, die wir als Satel jemals hatten. Aktuell laufen die Dreharbeiten für die bereits 17. Staffel. So eine Produktion wächst einem ans Herz. Stolz bin ich natürlich auf die ORF-Netflix-Serie „Freud“ und worauf ich mich jetzt schon freue, weil das Feedback auf die Ankündigung so toll ist, ist „Mozart“.

Generationen prägen

Das hat alles, was es für einen Hochkaräter braucht.

Schön daran ist für mich, dass ich da einmal mit meinem Bruder als Drehbuch-Autor arbeiten kann und wir Regisseur Andreas Prochaska schon jetzt für „Mozart“ gewinnen konnten. Und dann gibt es da noch eine Komponente: Ich wurde von Produktionen wie „Schüler Gerber“ geprägt, und ich hoffe auf eine nächste Generation, die es dann von „Freud“ und „Mozart“ sein wird. Ich hätte ja Torberg in der Schule lesen sollen, habe ich „natürlich“ nicht – den Film „Der Schüler Gerber“ hab‘ ich mir aber doch angeschaut. 

Wolkenstein: Ich habe als „Melzer oder Die Tiefe der Jahre“ auch die „Strudlhofstiege“ produziert, glaubst Du, die hat davor irgendwer tatsächlich gelesen? (lacht)

Historisches scheint weiterhin das Publikum vor den Schirm zu locken. Gibt es da überhaupt noch unbeackerte Felder?

Wolkenstein: Über das Ende der Monarchie, von Kitsch bis Nicht-Kitsch, wurde viel gemacht. Relativ wenig Rolle gespielt hat bisher – abgesehen von Dokus – die Zwischenkriegszeit. Da muss es irre Geschichten geben, wenn ich nur an den Zusammenbruch der Bodencreditanstalt denke und die Machenschaften in dem Zusammenhang. Geschichten, die in der Hitler-Zeit angesiedelt sind, sind relativ viele produziert worden. Bei der Nachkriegszeit denkt man an die Heimatfilme, die man gar nicht belächeln muss, weil sie für die Leute damals wichtig und das auch spannende Jahre waren. Und dann gäbe noch die Zeit, in der Österreich entstand - aber das ginge nur mit Ritter-Filmen und ich bekreuzige mich jetzt schon, wenn ich an die Kosten dafür denke.

Ambrosch: Bei historischen Stoffen kann man heute etwas freier in der Interpretation sein, als es früher der Fall war. Das war bereits bei „Freud“ so. Spannend als Thema finde ich die Rolle der Frau, aber eben nicht bloß als Leidensweg, sondern viel mehr Schritte zur Selbstermächtigung, in welcher Zeit das auch immer spielt. Auch das Thema Minderheiten ist etwas, worauf der Film noch nicht so hingeblickt hat.

Wolkenstein: Einen solchen Stoff haben wir zum Beispiel gemeinsam mit France 2 gemacht - „Marie Bonaparte“, eine halbdokumentarische Biografie über die Urgroßnichte Napoleons, mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle. Marie Bonaparte war eine sehr schillernde Figur, eine Frau, die an Frigidität litt und eine interessante Beziehung zu Sigmund Freud hatte, ihn nach London geholt und damit gerettet hat. Das sollte eigentlich ein Kinofilm werden, in Österreich war man allerdings nicht förderwillig, man fand hier, das hätte zu wenig mit dem Land zu tun.

Ambrosch: Liegen die Rechte bei uns?

Wolkenstein: Für Deutschland und Österreich. Die Umsetzung war schließlich nur möglich durch Christine Gouze-Rénal, der Schwägerin von Francois Mitterand, die dafür die weiteren Rechte bekommen hat. Der ORF hat damals zu wenig für die Lizenzen bezahlt.

Die Nachfrage des Publikums nach Bewegtbild ist ungebrochen. Wohin geht der Weg für Produzenten? Was ist zu tun?

Ambrosch: Es gibt derzeit eine gewisse Tendenz bei Sendern und Plattformen nach etwas leichteren bzw. weniger düsteren Geschichten. Das kann natürlich sehr schnell wieder vorbei sein, je nachdem, wie sich die Corona-Lage ändert. Für uns als Satel, aber auch darüber hinaus für die Branche, ist es wichtig, Stoffe zu entwickeln, die ein größeres Publikum ansprechen, vielleicht sogar solche, die über den deutschsprachigen Markt hinaus funktionieren können. Dazu braucht es aber neben den entsprechenden Stoffen dann auch noch die richtigen Partner. 

Welchen Stellenwert können in diesem Gefüge Öffentlich-Rechtliche noch einnehmen?

Ambrosch: Die Gefahr, dass Plattformen die Eigentümerschaft an Produktionen übernehmen und Produzenten zu Dienstleistern werden, ist, wie angesprochen, evident. Dann bleibt im Grunde nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Partner. Das steht aber wiederum unter dem Druck der Politik, die die Möglichkeiten für höhere Einnahmen aus Gebühren oder auch aus Werbung limitiert bzw. sogar reduziert. Die jüngsten Diskussionen in Deutschland über die Gebührenerhöhung zeigten das ja erneut. Tatsächlich wäre aber eine Entwicklung in die Gegenrichtung wichtig, um auch lokale und nationale Inhalte weiterhin auf einem entsprechenden Niveau und zu fairen Konditionen machen zu können. Uns Produzenten bleibt in dieser Situation nur, ein Portfolio an Projekten aufzubauen, von denen möglichst viele möglichst gut funktionieren.

Wolkenstein: Das wichtigste ist nach wie vor, Geschichten zu finden, die die Menschen interessieren, die sie berühren, in die sie eintauchen können. Das muss gar nicht nur reine Unterhaltung sein.

Wasser und Champagner

Und beim Kino?

Wolkenstein: Da kommt es noch viel mehr auf die Stoffe an. Wie und wie lange die Rückkehr der Kinos funktionieren wird, ist ja nicht absehbar. Ich glaube außerdem, dass sich die Kino-Produktion weiter fragmentieren wird in lokale Produktionen bzw. für den deutschsprachigen Raum und einige wenige, die darüber hinausgehen. Als Problem sehe ich, das fast alle Kinoproduktionen sehr hoch von Förderungen abhängig sind.

Wieso?

Wolkenstein: Leider Gottes werden die Stoffe nun oft dorthin entwickelt, wo sie die beste Förderung abholen können. Das geht auf Kosten der Qualität. Auch die österreichische Lösung, jetzt die Fördermittel zu gendern, halte ich in dem Zusammenhang nicht für zu Ende gedacht. Ich denke, man muss sich insgesamt von den Schemata lösen. Zum Beispiel sollte man die Bücher anonym bewerten. Das wäre konsequent. Mir ist es völlig egal, von wem ein Drehbuch ist – gut muss es sein. Denn, wie gesagt, aus einem schlechten Buch, kann man keinen guten Film machen.

Zum Abschluss eine nahe liegende Frage, zu der ich nicht fündig geworden bin: Warum der Name Satel?

Wolkenstein: Der ist nach paar Achterl beim Heurigen Feuerwehr-Wagner entstanden. Ich war vorher geschäftsführender Gesellschafter bei der Sascha-Ufa und dann war da noch die PolyTel als Partner. Und das Nachdenken darüber, wie wir die neue Firma nennen könnten, ging mit dem Namen Satel aus. Das hat also nichts mit Satellit oder Television zu tun, sondern ist eine Ableitung aus den Firmennamen. Die Entscheidung, die Firma schließlich zu gründen, ist übrigens am Rande der Filmfestspiele in Cannes gefallen – beinahe im Wasser stehend.

Ambrosch: Die Füße im Wasser, die Nase im Champagner.

Wolkenstein: Da ich einer bin, der nie Alkohol getrunken hat, stimmt’s nicht ganz, aber es passt.

Danke für das Gespräch.

 

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