Kultur
05.12.2011

"Maß für Maß": Moral ist gut, aber aus

Kritik: Gert Voss ist das Ereignis in Thomas Ostermeiers schlauer, nüchterner Shakespeare-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen.

Moral ist gut, aber aus. Darum geht es in William Shakespeares "Komödie", dem gallenbitteren "Maß für Maß". Der Mensch ist kein moralisches Tier. Moral ist abhängig von Machtverhältnissen. Von der Frage, ob man sich Moral leisten kann. Und auch von der Frage, wonach einem der Sinn, oder etwas anderes, steht.

Shakespeare tut sich und seiner Fantasie in diesem Text keinerlei Zwang mehr an. Das Stück bietet dem Zuschauer nirgends sicheren Boden an. Hier ist alles empörend. Vielleicht formulierte Shakespeare seine Kritik am Treiben der Mächtigen deshalb so verrückt, damit er das Stück überhaupt spielen konnte. Hofnarretei rutscht durch die Zensur.
Die Handlung ist voller aberwitziger Bocksprünge: Der Herzog hat strenge Sittengesetze erlassen, hält sich aber selber nicht daran. Also gönnt er sich einen Abenteuerurlaub als verkleideter Mönch unterm einfachen Volk und überträgt die Macht dem bleichen Tugendterroristen Angelo.

Der verurteilt einen jungen Mann wegen voreheliche Geschlechtsverkehrs zum Tode. Als dessen Schwester, eine Novizin, bei ihm vorstellig wird, schlägt er ihr vor: Sex im Austausch gegen das Leben des Bruders. Mittels einer Intrige wird Angelo eine andere Frau untergeschoben.

Am Ende taucht der Herzog wieder auf, verurteilt, begnadigt und zwangsverheiratet, wie es ihm in den Kram passt - und gönnt sich die keusche Novizin als Ehefrau. Bösartiger, zynischer, unfroher kann ein Happy End nicht sein.

Manchmal fast zu cool

Thomas Ostermeier erzählt diese irrsinnige Geschichte - die Neuübersetzung von Marius von Mayenburg ist brillant - sachlich und konzentriert. Die Gags - etwa eine Anspielung auf kirchlichen Kindesmissbrauch - sind präzise gesetzt und lenken nie ab.

Im Gegensatz zu Karin Beiers Interpretation im Burgtheater 2007 hat sich Ostermeier für die Rüpelszenen nicht interessiert. Das gemeine Volk ist nur durch eine Figur (stark: Stefan Stern) bzw. zarte Rennaissance-Lieder vertreten. Ostermeier erzählt das Stück als Tragödie der Unmöglichkeit von Moral: Auch Isabella (gefällig: Jenny König) handelt unmoralisch, wenn sie die Keuschheit wichtiger nimmt als das Leben des Bruders (nah an der Karikatur: Bernardo Arias Porras).

Die Aufführung im Einheitsbühnenbild von Jan Pappelbaum (ein gekachelter Raum ist Thronsaal, Todeszelle und Schlachthaus zugleich) sieht aus wie Regietheater, ist es aber nicht. Zwar werden hier ständig mit dem Hochdruckreiniger Wände und Menschen abgekärchert, zwar wird an einem Schwein herumgesäbelt, aber die Aufführung nimmt sich selbst ernst. Sie ist nur manchmal fast zu cool. Warum Lars Eidinger den Angelo, diese grandios unlogische Shakespeare-Figur, wie schockgefroren spielen muss, bleibt unklar.

Voss: Großartig trotz Hosenpanne

Ereignis der Aufführung ist erwartungsgemäß Gert Voss als Herzog: Er bietet eine grandios präzise Studie eines Machtmenschen, der mit Menschen spielt, als wären sie Meerschweinchen. Auch eine im Schritt geplatzte Bühnenhose konnte ihn nicht bremsen.
Bravos, Jubel. Wann kauft sich Voss eine Hose und geht essen?

KURIER-Wertung: **** von *****

Fazit: Ein magisch spielender Gert Voss

Stück
Shakespeare schlägt die Komödie in Trümmer.

Inszenierung
Gescheit, konzentriert, manchmal zu cool.

Spiel
Voss (mit zerrissener Hose) könnte auch ohne Hose spielen, man würde trotzdem eine Hose sehen. Magisch! Die anderen tun ihr Bestes.

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