Angelika Niedetzky, Josef Ellers, Claudia Kainberger (wadelbeißend), Doris Hindinger (Hosenrolle), Florian Carove (liegend), Charlotte Krenz und Roman Blumenschein (v. li. n. re.)

 

© Ingo Pertramer

Kultur
07/08/2019

"Maß für Maß" in Haag: Slapstick im Wilden Westen

Alexander Pschill und Kaja Dymnicki haben aus Shakespeares Tragödie "Maß für Maß" eine luftig-lockere und heiter-spritzige Komödie gemacht.

Zwischen Neusiedler- und Bodensee wird Sommertheater gespielt. Jede Gemeinde mit einer (halbwegs) herzeigbaren Freiluftbühne und einem kulturinteressierten Bürgermeister bietet Unterhaltung. Der Adel fährt nach Salzburg, der Rest in die Provinz. Die Gelsen sind überall. Auch in Haag. Das kleine schmucke Städtchen im niederösterreichischen Mostviertel hat sich in der jüngsten Sommertheater-Geschichte als beliebte Anlaufstelle etabliert. Seit 2000 wird hier vor toller Kulisse mit viel Leidenschaft und Engagement unterhalten. Dieses Jahr setzt man erneut auf William Shakespeare. So wollte es der Intendant Christian Dolezal, der „Maß für Maß“, ein Lehrstück über die Verführungskraft der Macht, von Alexander Pschill und Kaja Dymnicki neu deuten ließ. Das verheiratete Regie-Duo machte aus der Tragödie eine luftig-lockere, sommerlich-spritzige Komödie, die am Mittwochabend Premiere hatte.

 

Angelegt ist das Update des gut 400 Jahre alten Stücks im Wilden Westen. Genauer gesagt in einem von Prostitution, Glücksspiel, Alkohol, Drogen, Lug und Betrug verseuchten Dorf namens Wien. Der Bürgermeister (Florian Carove), der längst die Kontrolle über die Gemeinde verloren hat, haut den Hut drauf und installiert Angelo (großartig verkörpert von Christian Dolezal) eine Spaßbremse vor dem Herrn als seinen Stellvertreter – bis auf Widerruf. Der Bürgermeister taucht aber nur kurz ab und kehrt als aufgekratzter Latino, der mit Zorro-Maske das Geschehen aus dem Hinterhalt betrachtet, wieder. Angelo, im ersten Rausch der neuen Macht, will Zucht und Ordnung wiederherstellen und verordnet Hibiskustee anstatt Schnaps und Haschisch. Erlaubt sei hingegen noch das Lesen von unkritischen Medien oder das Sammeln von Briefmarken.

Das ist aber erst der Anfang. Als der von Neurosen geplagte, machthungrige Psychopath und Kontrollfreak davon erfährt, dass der Dorfcasanova Claudio (Roman Blumenschein), Ehemann der wortgewandten Revolverheldin Isabella (energievoll gespielt von Charlotte Krenz), die Schwägerin (Claudia Kainberger) außerehelich geschwängert hat, will er ein Exempel statuieren: Claudio muss an den Galgen. Retten kann ihn nur noch Isabella, wenn sie mit Angelo, der ihr mit Haut und Haar verfallen ist, eine Nacht verbringt. Sie lässt sich nicht erpressen, also vergewaltigen und droht mit der Öffentlichkeit. Aber auch dagegen hat er ein Argument: zu viel Macht.

Nun stecken alle mehr oder weniger in der Zwickmühle. Da beides (Beischlaf mit Angelo und die Hinrichtung ihres Claudios) kein Thema für Isabella ist, muss ein anderer Plan her, der mit den restlichen Dorfbewohnern ausgetüftelt wird: Lucio (Josef Ellers), Pompejus, ein Strizzi mit buddhistischem Blutdruck (großartig wie zackig gespielt von Doris Hindinger), Ellbogen (Boris Popovic) und Puff-Betreiberin Madame Angelique Brunsback-Futschnigg (Angelika Niedetzky). 

Das Stück hat starke Frauenrollen, stimmige Musik (Stefan Laskovic, Stefan Galler) und ein ausbaufähiges Bühnenbild zu bieten. Es gibt Schenkelklopfer und Klamauk, der mit einer Prise Gesellschaftskritik gewürzt wird: Es geht vorrangig um den starken Mann, der aufräumt, aber schon bald auf Grund seiner eigenen Doppelmoral und Korruption scheitert. Das kommt einem hierzulande nicht unbekannt vor.

Der zweieinhalb (!) Stunden dauernde Theaterabend "frei nach Shakespeare" hat neben Slapstick, Musical-Gesangseinlagen und Kasperliaden also auch durchaus nachdenkliche Töne und politisch Aktuelles zu bieten. Aber nur, wenn man genau hinhört. Denn im Vordergrund steht leichte Unterhaltung und Humor, der, wie Shakespeare einst sagte, eines der besten Kleidungsstücke ist, die man in Gesellschaft tragen kann. Vor allem beim Sommertheater.

Beginn aller Vorstellungen: 20.15 Uhr

Termine:
5., 6., 11., 12., 13., 18., 19., 20., 24., 25., 26., 27. Juli;
1., 2., 3., 8., 9., 10. August