Wandelbar: Marlis Petersen als Violetta in Peter Konwitschnys „Traviata“-Inszenierung (Graz)

© APA/Werner Kmetitsch

La Traviata an der Wien
06/26/2014

"Die Oper ist kein Museum"

Sopranistin Marlis Petersen kehrt als Verdis "La Traviata" (1. Juli) ans Theater an der Wien zurück.

von Peter Jarolin

So radikal, so bezwingend, so brutal war das Schicksal der unglücklichen Edel-Kurtisane Violetta Valéry noch selten auf einer Bühne zu sehen." Und: "Marlis Petersen spielt und singt diese zum Sterben Verurteilte mit einer unfassbaren Intensität, verfügt über alle nötigen Töne, stellt diese aber ganz in den Dienst der Sache. So drastisch hat sich in der jüngeren Vergangenheit noch keine Violetta der Ewigkeit überantwortet. Grandios."

Mit diesen Worten würdigte der Autor dieser Zeilen im Jahr 2011 die Neuproduktion von Giuseppe Verdis "La Traviata" in der Regie von Peter Konwitschny am Grazer Opernhaus. Drei Jahre später ist die auch international gefeierte Inszenierung wieder zu sehen. Und zwar im Theater an der Wien in einer völlig neuen Besetzung. Nur Marlis Petersen als Violetta ist wieder mit dabei. Und die Sopranistin hofft, "dass ich es abermals so hinkriege".

Neue Altschöpfung

"Ich empfinde eine Mischung aus intensiver Freude und Respekt, denn man legt sich die Latte ja selbst sehr hoch. Aber die Arbeit mit Peter Konwitschny ist erfüllend. Er lässt sich auf jeden einzelnen Sänger ein, geht immer durch die Musik in die jeweilige Figur. Diese Produktion ist auch keine Kopie, sie ist – wenn man so will – eine neue Altschöpfung."

Hat sich für die Koloratursopranistin die Sicht auf Violetta inzwischen geändert? "Es war in Graz eine so starke Arbeit, die natürlich bleibt. Aber grundsätzlich versuche ich, an jede Rolle wie ein unbeschriebenes Blatt heranzugehen, das erst im Laufe der Proben beschrieben wird."

Das Ergebnis ist vielfältig – und oft herausragend. Ob als Aribert Reimanns fantastische "Medea" an der Wiener Staatsoper, ob als fabelhafte Elettra in Mozarts "Idomeneo" zuletzt im Theater an der Wien. Oder in allen vier Frauenrollen in "Hofmanns Erzählungen" ebenfalls an der Wien: Petersen liebt die Herausforderungen, Uraufführungen und hat keine Berührungsängste mit dem "Regietheater".

"Ich kann aber verstehen, dass es Menschen gibt, die in die Oper gehen, um sich zu entspannen, um etwas ,Schönes‘ zu sehen. Da spielt der Wunsch nach Harmonie sicher auch eine Rolle. Was das ,Regietheater‘ betrifft, macht auch unsere Branche Fehler. Wir sollten die Menschen viel mehr an neue Dinge heranführen, keine Grenzen ziehen, sondern Räume öffnen. Man erreicht wesentlich mehr, wenn man sich öffnet, wenn man dem Publikum neue Sichtweisen auch erklärt. Die Holzhammer-Methode hat noch nie geholfen. Dennoch ist die Oper kein Museum. Und ich liebe es, mit Regisseuren zu arbeiten, die etwas zu sagen haben."

Stark und verrückt

Diese Chance hat Petersen demnächst oft. "Nächste Saison singe ich wieder Alban Bergs ,Lulu‘ in zwei Neuproduktionen. An der Bayerischen Staatsoper in München mit Dirigent Kirill Petrenko und in der Regie von Dmitri Tcherniakov. An der New Yorker MET wird William Kentridge inszenieren. Es sind meine Lulus Nummer 9 und Nummer 10. Ich mag ja starke oder verrückte Frauen. Die hehren Damen wie eine Marschallin im ,Rosenkavalier‘ oder eine Gräfin im ,Figaro‘ sind nicht meine Sache. Da ist mir jede ,Figaro‘-Susanna lieber. Und eines Tages, als Spätziel meiner Karriere, möchte ich auch die Salome singen. Denn Richard Strauss ist ein Gigant."

Doppelte Premiere

Mit einem Strauss/Schumann/Rihm-Liederabend tourt Petersen auch durch die Musik-Metropolen; in Zürich wird sie Christian Josts neue Oper "Rote Laterne" aus der Taufe heben. An der Wien hat sie nächste Saison eine Doppelpremiere. In Christof Loys Deutung von Bellinis "La Straniera" ist an einem Abend Edita Gruberova zu erleben, am nächsten Abend dann Marlis Petersen. "Auch wenn es ein und dieselbe Inszenierung ist, werden das zwei sehr unterschiedliche Premieren." Nachsatz: "Ich freue mich, denn ich verehre Edita Gruberova sehr und betrete ja allmählich immer mehr Gruberovas ureigenstes Repertoire."

Soll heißen: Petersen wird sich verstärkt dem Belcanto widmen. "Dabei sind Bellini, Donizetti oder Rossini bis jetzt fast spurlos an mir vorübergegangen. Aber viele Menschen sagen mir: Du musst jetzt Belcanto singen." Also wird 2017/’18 ein Belcanto-Jahr. Donizettis "Maria Stuarda" etwa kommt.

Das bedeutet aber nicht, dass sich Petersen von der zeitgenössischen Oper abwendet. "Das könnte ich nicht. Dafür bin ich viel zu neugierig. 2016 werde ich im Theater an der Wien bei einer Uraufführung dabei sein. Und das wird sehr aufregend."

INFOS:www.marlis-petersen.de

"La Traviata" an der Wien

Produktion
Inszenierung: Peter Konwitschny. Ausstattung: Johannes Leiacker. Licht: Joachim Klein. Dirigentin: Sian Edwards. Orchester: ORF Radio-Symphonieorchester. Chor: Arnold Schoenberg Chor. Es singen u. a.: Marlis Petersen (Violetta Valéry), Arturo Chacón-Cruz (Alfredo), Roberto Frontali (Giorgio Germont).

Termine
1., 3., 6., 9. und 11. Juli. Beginn: jeweils 19.30 Uhr.

www.theater-wien.at

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.