© KURIER/Jeff Mangione

Interview
05/11/2014

Mario Adorf: "Hatte nie was gegen Bösewichte"

Mario Adorf spielt in "Der letzte Mentsch" einen KZ-Überlebenden auf einer Reise in die Vergangenheit.

von Alexandra Seibel

Mario Adorf kann das Alter nichts anhaben. Auch mit 83 Jahren übernimmt er, der jahrzehntelang als Deutschlands beliebtester Schauspieler galt, mühelos eine Hauptrolle. In dem melancholischen Roadmovie "Der letzte Mentsch" (jetzt im Kino) spielt er einen Holocaust-Überlebenden, der sein ganzes Leben verleugnet hat, dass er Jude ist. Kurz vor seinem Tod geht er auf die Suche nach seinen verdrängten jüdischen Wurzeln. Allerdings kann er der jüdischen Gemeinde mangels Dokumente seine Herkunft nicht beweisen. Mit einer jungen Deutsch-Türkin macht er sich auf den Weg nach Ungarn, zu seinem Geburtsort.

Ein Gespräch mit Mario Adorf über das Erinnern, Mexikaner und Francis Ford Coppola.

KURIER: Sie spielen einen Mann, der beweisen muss, dass er Jude ist. Im Angesicht der Historie eine eher absurde Situation, oder?

Mario Adorf: Ja, aber es handelt sich dabei um eine Erfahrung, die aus dem jüdischen Umfeld von Regisseur Pierre-Henry Salfati stammt. Ich glaube, er wollte auch ein bisschen mit der Bürokratie abrechnen, die sich auf Regeln versteift, wo es doch um Glaubensdinge geht.

Eine junge Deutsch-Türkin begleitet Ihre Figur auf der Reise. Weiß die junge Generation noch genug über den Holocaust?

Es gab sicher eine Zeit, wo etwa beim Fernsehpublikum eine gewisse Müdigkeit eintrat und die Leute fanden, dass sie schon genug über dieses Thema wissen und es nicht mehr sehen wollen. Umgekehrt wurde in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg der Holocaust komplett tot geschwiegen. Meines Erachtens liegt die Berechtigung für "Der letzte Mentsch" darin, zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Und das geht nur, wenn man nicht vergisst, sondern sich erinnert.

Hier spielen Sie eine liebenswürdige Figur, aber Ihre Karriere haben Sie als Bösewicht in "Nachts, wenn der Teufel kam" (1957) begonnen. Die Rolle ist Ihnen lange geblieben, oder?

Eigentlich war ich da kein Bösewicht, sondern ein geisteskranker Massenmörder. Aber persönlich hatte ich nie etwas gegen Bösewichte. Gerade am Theater sind das die begehrtesten Rollen: Jeder will den Jago, den Franz Moor oder Richard III. spielen. Ich fühlte mich auch nie auf eine Rolle fest gelegt.

Sie machten ja auch einen Abstecher nach Hollywood und drehten mit Sam Peckinpah?

Ja, aber im Großen und Ganzen war Hollywood keine Option für mich. Meine erste Rolle war die eines Mexikaners, nachdem ich nicht den blonden Deutschen spielen konnte wie Curd Jürgens oder Hardy Krüger. Es dauerte nicht lange, und die zweite Rolle, die man mir anbot, war wieder die eines Mexikaners, und die dritte auch. Und so hätte das weiter gehen können. Da hab’ ich gesagt: "Das ist nicht mein Bier."

Sie waren auch mit Francis Ford Coppola für eine Rolle in "Der Pate" im Gespräch?

Ich habe Coppola in Rom kennen gelernt. Dummerweise fragte er mich, ob mir eine Rolle in "Der Pate" besonders gefiele und ich nannte Sonny Corleone. Aber der war schon mit James Caan besetzt. Da sagte ich: "Der sieht aber nicht aus wie der typische Sizilianer." Und als mich Coppola dann fragte, ob mich noch eine andere Rolle interessieren würde, sagte ich nein. Es ärgerte mich auch bei diesen Gesprächen mit US-Regisseuren immer, dass die besten Schauspieler in Italien und Frankreich gerade gut genug für die kleinen Rollen waren. Das war ein bisschen erniedrigend.

Von den Rollen her hatten Sie mit dem Älterwerden aber nie Probleme. Es gab da keinen Karriereknick, oder?

Ja, es ging immer weiter. Und es gab schon Schauspieler, die in ein Loch fielen. Ich hatte Glück. Aber ich glaube, das lag auch daran, dass ich sehr früh angefangen habe, ältere Rollen zu spielen. Ich hatte nie dieses Bild von mir selbst als gutaussehenden Mittdreißiger. Als jüngerer Schauspieler empfand ich mich nie als fertig. Ich schwärmte auch nicht für Gérard Philipe, sondern wollte eher Spencer Tracy und Jean Gabin ähnlich sein.

Gleich der erste Satz in "Der letzte Mentsch" handelt vom Tod. Denken Sie darüber nach?

Ich habe einen Bekannten, der hat sich gerade auf einem Friedhof in Rom ein Grab gekauft. So einen Gedanken habe ich noch nie gehabt. Irgendwann wird das einmal kommen, aber bis jetzt ist das für mich kein Thema.

Mario Adorf: Lange Karriere ohne Knick

Anfänge: Mario Adorf, geboren am 8. September 1930 in Zürich als Sohn einer Deutschen und eines Italieners, wirkte in über 190 internationalen Film- und Fernsehproduktionen mit. Er begann seine Karriere in den Münchner Kammerspielen. Sein Film-Durchbruch gelingt mit Robert Siodmaks Psychodrama „Nachts, wenn der Teufel kam.“

Vielfalt: Adorf spielte u.a. Bandit Santer in „Winnetou 1“, in Peckinpahs „Major Dundee“, Sergio Corbuccis „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“ oder in Billy Wilders „Fedora“. In den 70ern brillierte er in Volker Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und „Die Blechtrommel“, in Fassbinders „Lola“. Im TV spielte er u.a. in „Kir Royal“ und „Der große Bellheim.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.