© Maria Lassnig Stiftung

Kultur
09/05/2019

Maria Lassnig zum 100er: Eine Überraschung, die nicht endet

Die Jubiläumsschau der Albertina fokussiert auf die Malerei der 2014 verstorbenen Künstlerin.

Am Sonntag, den 8. September, jährt sich Maria Lassnigs Geburtstag zum 100. Mal – und theoretisch könnte sich auch bei großen Bewunderern der Künstlerin schon längst Ermüdung einstellen.

Eben erst wurde das Frühwerk in Linz und Klagenfurt beleuchtet. Bis 15. 9. ist in München noch die Doppelschau mit Martin Kippenberger zu sehen. Teil-Retrospektiven und Galerieausstellungen tourten zuletzt, befeuert von der umtriebigen Nachlass-Stiftung, um die Welt.

Weil die Albertina erst 2017 Lassnigs Arbeiten auf Papier gezeigt hatte, entschloss sich die Institution, aus der Jubiläumsschau, die zuletzt im Amsterdamer Stedelijk Museum gastierte, „nur“ den Malereiteil zu übernehmen und zu ergänzen.

Wer nun aber eine pflichtschuldige „Lassnig Light“- Retrospektive erwartet, liegt falsch: Es ist eine dichte, große Schau mit überraschenden, teils noch kaum gesehenen Werken. Ermüdung stellt sich allenfalls aufgrund der emotionalen Intensität dessen ein, was die Künstlerin in rund 70 aktiven Jahren auf die Leinwände bannte.

Zeit-Ort-Stil-Kapseln

Kuratorin Antonia Hoerschelmann arrangierte – anders als ihre Amsterdamer Kollegen – eine chronologische Präsentation. So ergibt sich in der Basteihalle des Museums eine Abfolge von Räumen, die einerseits Lassnigs stilistische Phasen und andererseits ihre wechselnden Aufenthaltsorte nachzeichnen.

Der frühe Sehnsuchtsort Paris markiert dabei den eigentlichen Anfang des Rundgangs: 1951 besuchte Lassnig erstmals die Stadt, 1960 übersiedelte sie in die Metropole, die nicht mehr so wirklich der Nabel der Kunstwelt war. Lassnig, die trendige Kunstströmungen vom Surrealismus bis zur geometrischen Abstraktion zuvor quasi im Schnelldurchlauf durchprobiert hatte, mauerte in den Pariser Jahren aber das Fundament ihrer so genannten „Körperbewusstseinsmalerei“: Mit abstrakt-gestischen Pinselstrichen, dann mit scharf konturierten, mitunter cartoonhaften Figuren versuchte sie, ihren Befindlichkeiten Form zu geben.

In Zellophan verpackt

Wie anders wirken dagegen die Bilder, die Lassnig nach ihrer Übersiedlung nach New York 1968 schuf! Dass das Albertina-Publikum diese spätere Phase zuerst sieht, weil der New-York-Saal auf dem Weg zu den kleinformatigeren Pariser Arbeiten durchwandert werden muss, ist zwar etwas verwirrend, der Bruch ist aber so oder so nicht zu übersehen.

In den USA fand sich Lassnig unverstanden und wendete sich einem realistischen Malstil zu. Telefone, Äpfel oder Gesichter in Zellophanfolie verpackt zu malen, war einerseits wohl eine malerische Herausforderung, brachte zugleich aber ihre Themen – das Gefühl physischer Einengung, die Unmöglichkeit echter Kommunikation – auf einem anderen Weg zum Vorschein. Das „Amerikanische Stillleben mit Telefon“ (1971/’72) ist ein wiederentdecktes Glanzstück jener Zeit – vor der Schau lag es lange eingerollt in einem Lager, wie Hoerschelmann erzählt.

An diesem Punkt ließe sich noch vermuten, dass sich Lassnigs Stil je nach Arbeitsort veränderte und sich in klar definierte Epochen einteilen lässt. So einfach ist es nicht, zumal die Künstlerin neben Malerei, Zeichnung und Skulptur auch Trickfilm-Kunst produzierte und ihre „Körperbewusstseinsbilder“ unterschiedlich vorantrieb.

In den Sälen, die der Entwicklung Lassnigs ab der Übersiedlung nach Wien 1980 gewidmet sind, wird der Stil-Pluralismus auch zunehmend offensichtlich.

Malerische Freiheit

In handwerklicher Hinsicht hatte Lassnig nichts mehr zu beweisen. Ihr Strich wurde offener, ihre Gabe, individuellen Ausdruck mit erzählerischen Elementen zu verknüpfen, kannte kein Halten. Science-Fiction, Fernsehen und Sport floss dabei ebenso ein wie die Empathie mit Tieren und – siehe da – Politik: Hier überrascht die Schau mit einigen ungewohnt expliziten Werken wie dem Bild „1938“, das 1988 entstand und eine Szenerie mit straßenwaschenden Juden und hetzender Meute zeigt. Deutlich wird auch das Werk „55 Millionen Tote“ (2000), das den 2. Weltkrieg anspricht.

Doch auch wenn man glaubt, aus vielen Bildern so etwas wie ein Vokabular destilliert zu haben, bleibt am Ende das Rätselhafte bestehen. Denn Lassnigs Malerei ist ebensowenig nur Darstellung und Erzählung, wie sie illustrierte Biografie, malerisches Experiment oder Dialog mit der Kunstgeschichte ist. Es ist vielmehr die Vielfalt der Dimensionen, die auch bei dieser Ausstellung das Gefühl vermittelt, etwas ganz Neues zu entdecken.

INFO

Die Schau "Maria Lassnig - Ways of Being" ist von 6.9. bis 1.12. 2019 in der Albertina zu sehen. Rund um den Geburtstag am 8.9. gibt es zahlreiche Veranstaltungen in Wien, Villach und Klagenfurt. Infos auf www.marialassnig.org