© Lentos/Heimo Rosanelli

Kultur
02/01/2019

Wie Lassnig und Rainer die Avantgarde nach Österreich brachten

Eine Ausstellung im Lentos Museum Linz zeigt das Frühwerk der beiden prägenden Malerpersönlichkeiten

Es hat nie jemand gesagt, dass es einfach wäre mit dem Leben und mit der Kunst. Auf die Beziehung von Arnulf Rainer (*1929) und Maria Lassnig (1919–2014) trifft das besonders zu, und es ist nicht ohne Signifikanz, dass eine Ausstellung über die intensive gemeinsame Frühzeit der prägenden österreichischen Kunstpersönlichkeiten erst jetzt, wo Rainer 90 wird und Lassnigs 100. Geburtstags gedacht wird, zustande kommt (bis 19.5.; von 15. 6.–1. 9. im MMKK Klagenfurt).

Rainer hätte eine solche Schau gern in seinem Museum in Baden gesehen, gab er dem Fotografen Sepp Dreissinger 2015 zu Protokoll. Sie habe darauf gewartet, dass er sie einlädt, sagt Lassnigs Nachlassverwalter Peter Pakesch. Doch wenn die Schau zu Lassnigs Lebzeitenrealisiert worden wäre – hätte die Künstlerin vielleicht wieder die Hälfte der Bilder abgehängt? Der Periode zwischen 1945 und 1960, um die es hier geht, sei Lassnig „ambivalent“ gegenübergestanden, so Pakesch. Wie gesagt, alles sehr kompliziert.

Historisierung

In Linz ging nun jedenfalls die Kunsthistorikerin Brigitte Reutner mit Unterstützung der Lassnig-Stiftung kundig zu Werke (Rainer beteiligte sich selbst nicht als Leihgeber). Es bietet sich ein mikroskopischer Blick auf etwas, das als Keimzelle der österreichischen Nachkriegsavantgarde bezeichnet werden darf: Wie gefräßige Raupen nahmen Lassnig und der zehn Jahre jüngere Rainer, die nach ihrem Kennenlernen 1948 sowohl Liebhaber, Kollaborateure und Konkurrenten waren, internationale Impulse auf, verdauten sie und bewegten sich dabei auf ihre eigenen künstlerischen Stile zu. Dass der in punkto Selbstvermarktung gewandte Rainer bald seine Schmetterlingsflügel ausbreitete und in der männerdominierten Kunstszene einen Aufwind genoss, der Lassnig versagt blieb, sollte der introvertierten Künstlerin eine Kränkung zufügen, an der sie zeitlebens knabberte.

Was aber der Wettstreit der Talente in jener Zeit hervorbrachte, ist in der Schau präzise dargelegt. Den Auftakt macht Lassnigs „Grünes Selbstporträt“ von 1944, in dem sie – orientiert an Malern wie Anton Kolig – einen souveränen Umgang mit der Farbe vorexerzierte. Es folgt das Aktbild des Dichters Michael Guttenbrunner, mit dem Lassnig 1947 in Klagenfurt einen veritablen Skandal auslöste, weil der Penis des Dargestellten in einem dominanten Rot aus dem Bild herausleuchtet.

Noch heute ist kaum vorstellbar, dass Lassnigs Atelier am Klagenfurter Heiligengeistplatz in den 1940ern ein Zentrum der Avantgarde war, in dem auch Literaten gern verkehrten. Der gebürtige Niederösterreicher Rainer, der 1945 vor den russischen Besatzern nach Kärnten geflohen war, fühlte sich jedenfalls davon angezogen.

Das Territorium, das Lassnig und Rainer damals beackerten, war stark vom Surrealismus geprägt: Traumartige Wimmelbilder, die bei Rainer wie mikroskopische Amöbenkulturen („Ozean“, 1950–’51) und bei Lassnig wie Bosch-Bruegel-Szenarien aussehen („Instrument für ein Martyrium“, 1949) prägen den Stil dieser Zeit. Die gemeinsame Paris-Reise 1951 gilt als Quell großer Inspiration, aber auch Enttäuschung: Den „Surrealistenpapst“ André Breton erlebten die beiden damals nur als behäbigen, alten Herrn.

Durchblicke

Die Entwicklung in der Kunst Rainers und Lassnigs lässt sich in der Linzer Schau hervorragend abschreiten: Wiewohl beide informelle Malerei und geometrische Kompositionsstudien probierten, wird der magnetische Sog der jeweils eigenen Sprache offensichtlich. Lassnig zog es hin zur Erforschung der Farbe, die sie zur Übersetzung körperlicher Zustände nutzbar machen wollte; Rainer erprobte Wege, um die Barrieren bewussten Handelns zu umgehen und sich ans Unsagbare anzunähern.
 

Die von Nicole Six und Paul Petritsch entworfene Ausstellungsarchitektur, die weitgehend auf Stellwände verzichtet, erlaubt, den Blick zwischen einzelnen Phasen springen zu lassen und Rainers und Lassnigs Zugänge direkt zu vergleichen. Was dabei auch ins Auge springt, ist die Qualität der Bilder: Auch wenn es Werke einer Findungsphase sind, erscheinen sie nie nur epigonenhaft.

Die Schau endet 1960, als Lassnig ihre erste Schau in der Galerie St. Stephan hatte, wo Rainer längst „Stammkünstler“ war. Sie übersiedelte im November ’60 nach Paris, Rainer blieb in Österreich. Kompliziert blieb das Verhältnis bis zuletzt.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.