Kultur
29.09.2017

Marco Wanda: "Erfahrener Depressionist"

Der Sänger und Songwriter spricht über das neue Album und das "sechste Bandmitglied", den Tod.

"Niente" heißt das Freitag erscheinende dritte Album von Wanda. Thematisch kreist es um die Kindheit, darum, dass man "in den Ruinen seiner Vergangenheit rumsitzt". Musikalisch klingt es düsterer als die Vorgänger. Das verleugnet Sänger und Songwriter Marco Wanda zwar im KURIER-Interview. Nicht aber, dass die Zeit nach den ausgedehnten Tourneen wie das Runterkommen nach einem "Magic-Mushroom-Trip" gewesen ist.

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Marco Wanda: ... als Exponat einer Ausstellung über Pop-Musik – das ist so absurd.

Warum absurd? Sie haben die Szene mitgeprägt, dann ist das doch berechtigt, oder nicht?

Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, ich habe das, was mit dieser Band in den letzten Jahren passiert ist, immer noch nicht verstanden. Ich bin in der Reflexion darüber kein Stück weiter. Ich weiß, dass es nicht absurd ist, Platten zu machen und mit Menschen gemeinsam zu singen. Aber im Museum zu hängen, das ist absurd.

"Niente" klingt sehr nachdenklich. Liegt das daran, dass nach diesem High der Tour, als Sie wieder alleine in Wien waren und diese Songs schrieben, ein emotionaler Einbruch kam?

Ich bin schon immer sehr traurig, wenn eine Tour aufhört. Das ist schon so, wie wenn man aus einem Magic-Mushroom-Trip aufwacht. Es ist ein rauschartiger Zustand, auf Tour zu sein und jeden Abend diese Musik zu spielen. Aber nach drei oder vier Tagen in Wien finde ich wieder in dieses Leben zurück. Ich würde also nicht sagen, dass es ein Einbruch war. Denn es geht ja immer weiter. Ich hatte auch gar keinen Urlaub, ich bin viel zu rastlos für Urlaub. Und in Wien sind dann der nächste Text, der nächste Song, die nächste Akkordfolge der Kick.

Woher kommt dann die Melancholie in "Niente"?

So bin ich halt. Und so war ich vorher schon, es geht bei mir immer auf und ab. Ich bin ein erfahrener Depressionist und habe meine Mittel dagegen. Ich denke, mit dem Album vertiefen wir etwas, das immer da war. Wir haben nur viele von den düsteren Songs, die wir vorher geschrieben hatten, bei "Amore" und "Bussi" ausgelassen.

Welche Mittel haben Sie gegen Depressionen?

Mein Vater sagt immer: "Haben wir diese Woche schon ein Glas Rotwein getrunken und uns gut gefühlt? Sind wir stolz auf das Erreichte gewesen?" So unterstützt er mich. Und meine eigenen Mittel sind: Die Beatles hören und "Columbo" schauen. Dieser langsame, charmante Inspektor ist ein köstliches Antidepressivum. Dabei kann man gut entschleunigen. Und ich finde mich in ihm so ein bisschen wieder – in dieser Art, sich immer ein bisschen dümmer zu geben, als er ist.

Mit dem Song "Columbo" hatten Sie wieder einen Hit, nachdem "0043", die erste Single aus "Niente", als "nicht Wanda" geschmäht wurde, weil Sie dabei so hoch singen. Hat Sie diese Reaktion gekränkt?

Das berührt mich gar nicht. Ich finde, "0043" ist eines der besten Lieder, die ich je geschrieben habe, und bedeutet mir sehr viel. Es hat einen tollen Vibe und ich mag das mit der hohen Stimme. Es war auch echt spannend, das zu machen und einmal ganz anders zu klingen.

Ist es bei so einem massiven Hype um einen bestimmten Sound unausweichlich, dass das Publikum eine Weiterentwicklung nicht akzeptieren kann?

Das weiß ich gar nicht. Ich glaube, es ist ein Naturgesetz der Medien, dass man kritisch betrachtet wird. Das ist okay, denn das ist ihre Aufgabe. Und wenn den Leuten dieses Lied nicht gefällt, gefällt ihnen das nächste. Oder auch nicht – es spielt keine Rolle mehr. Anders als am Anfang, als wir 500 Stück Erstauflage von einer Platte hatten. Da haben wir gezittert, dass jede einzelne Einheit weggeht. Aber mit Vierfach-Platin ist man entspannt.

Ein eher untypischer Wanda-Song ist "Ein letztes Wienerlied", in dem Sie Blues und Wienerlied verschmelzen.

Der Text ist von Kurt Robitschek, der das in den 40er-Jahren für Hermann Leopoldi geschrieben hat, der im KZ war, dann Gott sei Dank fliehen konnte und nach Amerika gegangen ist. Dieser Text hat ihn nie erreicht. Und es war mir eine Ehre, statt Hermann Leopoldi dieses Lied zu Ende zu komponieren und zu singen.

In "0043" sprechen Sie über die "traurig schöne" Kindheit. Was war an Ihrer Kindheit traurig? Und was schön?

In dem Song soll es nicht um mich gehen. Wenn ich früher gelesen habe, wie John Lennon darüber redet, dass er "Strawberry Fields" gerne ganz anders aufgenommen hätte, hat mich das geärgert und verwirrt. Das will ich als Fan nicht wissen. Deshalb halte ich nichts davon, meine Lieder zu erklären.

Können Sie trotzdem – für alle nicht Italienischsprachigen – sagen, worüber Sie in "Lascia mi fare" singen?

Der Refrain kann entweder heißen: Die Liebe lässt mich nichts tun. Oder: Die Liebe lässt mich alles tun. Diese Zweideutigkeit ist aber unbewusst. Ich habe das in Triest geschrieben und dann einem Triester Dichter vorgelesen, mit dem ich gesoffen habe. Der sagte: "Marco, das ist so falsch, überhaupt nicht italienisch, aber brillant, weil es so viel bedeuten kann!" Dem hat das total getaugt. Dann habe ich es noch einer Kellnerin vorgelesen. Die sagte: "Das bedeutet nichts, das ist Scheiße!"

Der Tod spielt in vielen Songs wieder eine große Rolle. Wieso beschäftigen Sie sich im Alter von 30 Jahren so intensiv damit?

Der Tod ist das sechste Bandmitglied, hab ich so das Gefühl. Er ist immer da, man kann ihn nicht verleugnen. Also warum nicht darüber schreiben? Wenn man versucht, die Geschichte eines exemplarischen Lebens zu erzählen, muss er vorkommen.

Wer ist die Person hinter diesem exemplarischen Leben?

Eine Figur, die sicher Anteile von mir hat. Aber auch Anteile von Menschen, die ich kenne, die ich liebe. Dazu kommen schemenhafte Annahmen von anderen Menschen und Figuren. Und all das läuft zu einer Erzählstimme zusammen, von der ich aber nicht weiß, ob ich das bin. Das ist eher mein Unterbewusstsein.

Früher wurden viele Ihrer Texte von Literatur beeinflusst ...

Das war aber bei "Niente" nicht mehr so. Ich habe in letzter Zeit nur Biografien gelesen. Auch eine von John Lennon. Die Beatles sind ein endloses Studium für mich. Man kann so viel von ihnen lernen – auch von dem, was sie falsch gemacht haben.

Was haben sie falsch gemacht?

Sich zerstritten und aufgehört, einander zu lieben. Uns passiert das nicht. Uns hat die Tour nur noch mehr zusammengeschweißt, weil wir ja nur uns haben, wenn wir durch die Länder ziehen. Wir sind aber auch sehr wachsam und reden sofort darüber, wenn sich ein Problem einschleicht. Zum Glück sehen wir uns das gegenseitig an, das können wir nicht voreinander verstecken.

Info

Wanda gehen 2018 wieder auf Österreich-Tournee:

7. 4. Wien/Stadthalle

14. 4. Innsbruck/Dogana

18. & 19. 5. Graz/Kasematten

Karten gibt es unter: www.oeticket.com