Paulus Manker zeigt seine Inszenierung der "Letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus in Wien: "Wir stellen auch nummerierte Sitze fürs Publikum zur Verfügung und stellen uns auch darauf ein, mit Schutzmasken oder Gasmasken zu spielen."

© Sebastian Kreuzberger

Kultur
06/20/2020

Mankers Erregung über eine „willkürliche Verordnung“ des Magistrats

Trenkler Tratsch. Das Jugendamt sorgt sich um Kids: „Die letzten Tage der Menschheit“ könne zu „emotionaler Überforderung“ führen

von Thomas Trenkler

Bumsti! Da war wohl jemandem beim Magistrat ziemlich fad in der Corona-Zeit. Anders kann man sich die absurden Vorgänge nicht erklären.

Und das kam so: Paulus Manker will heuer wieder seine überaus geglückte Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus zur Aufführung bringen. Nicht mehr in Wr. Neustadt, sondern in der alten Remise der Badner Bahn in Meidling. Das Vorhaben verlangt natürlich eine Genehmigung durch die MA36, zuständig für Veranstaltungen.

Bevor diese aber eine Antwort gab, fragte man bei der MA11, dem Amt für Jugend und Familie, nach, ob es eine „etwaige Erfordernis einer Altersbeschränkung“ gebe.

Mankers Produktion dürfte dort unbekannt gewesen sein, also surfte man im Internet. Der Fachbereich „Psychologischer Dienst und Inklusion“ kam zum Schluss: „Die Dichte der Handlung (75 Szenen) und die Dauer der Aufführung (6,5 Stunden, 18.00 – 0.30 Uhr) stellen eine enorme Anforderung an Ausdauer, Konzentration und kognitiver Verarbeitungsfähigkeit dar. Für Kinder und Jugendliche bis 12 Jahren kann die Dichte und Länge, in Kombination mit der Wirkmächtigkeit zu einer Überreizung im Bereich der Sinneswahrnehmung und emotionalen Überforderung (wie Angst oder Verstörung) führen.“ Es werde daher „aus entwicklungspsychologischer Sicht“ eine Altersbeschränkung für Kinder ab 12 Jahren empfohlen.

Die MA11 übermittelte der MA36 die Stellungnahme am 9. April. Aber erst am 19. Mai informierte man Manker über die Altersbeschränkung, auf die „deutlich sichtbar hinzuweisen“ sei, samt seitenlangen Erläuterungen.

Das Mail brachte Manker in Rage. Er verlangte die Aufhebung der „völlig willkürlichen Verordnung“ und wollte wissen: „Wer ist es, der überhaupt auf die Idee kommt, das berühmteste Antikriegsstück der Literaturgeschichte als für junge Menschen ungeeignet anzusehen, während an anderen Orten Sex, Crime, Krieg und Gewalt unbehelligt und ohne Einschränkung gezeigt werden können?“

„Hier geht es ums Prinzipielle!“

Ihr Tratschpartner hat noch bei keiner Aufführung der „Letzten Tage“ (weder vor 20 Jahren im Südbahnhotel, noch 2014 bei den Salzburger Festspielen), ein Kind ausmachen können. Und auch Manker weiß, dass diese nicht in seine Vorstellung kommen. Daher könnte er sich ja fügen? Nein. Denn: „Hier geht es ums Prinzipielle!“

Der Impresario wollte also wissen, ob auch den anderen Häusern in Wien, die den Szenenreigen darbrachten, darunter die Burg und das Volkstheater, eine Altersbeschränkung verordnet wurde. Die MA36 reagierte zunächst nicht – und dann, nachdem Manker eine Antwort urgiert hatte, am 18. Juni ausweichend: Man könne „aus Gründen des Datenschutzes und der Amtsverschwiegenheit keine Auskünfte geben“.

Der Theatermacher dürfte daraufhin Blutdrucksenker gebraucht haben. Denn nirgendwo gab es eine solche Altersbeschränkung. Dass man vielleicht übers Ziel geschossen hat, dürfte der MA36 mittlerweile klar sein: „Wir haben die Möglichkeit, die Beurteilung des Erfordernisses einer Altersbeschränkung (…) auf einen späteren Zeitpunkt, wenn die Inszenierung feststeht, zu verschieben. (…) Wir können Ihnen auch anbieten, dass sich die MA11 die Inszenierung vor Ort ansieht und danach eine Beurteilung (...) abgibt.“

Es wäre interessant zu erfahren, wie viele Arbeitsstunden bis zu dieser Erkenntnis draufgingen. Doch das Wichtigste: „Die letzen Tage“ werden gespielt! Ab 18. August viermal die Woche, coronabedingt mit nur 100 Zuschauern pro Aufführung.

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