Kultur
24.10.2018

Man bringe den Witz rein: Häupl bei "Willkommen Österreich"

Der Wiener Ex-Bürgermeister war zum ersten Mal bei Stermann und Grissemann zu Gast. Es war der erwartet denkwürdige Auftritt.

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends*

Der ORF spricht vom „größten Applaus der Sendungsgeschichte, gemessen an der nach oben offenen Prohaska-Skala“. Es waren gezählte 95 Sekunden, in denen sogar die einleitende Wein-Einschenkszene im Johlen des Publikums unterging. Die Frage „Bier oder Wein“ konnten sich Dirk Stermann und Christoph Grissemann diesmal ja sparen. Zu Gast bei "Willkommen Österreich" war der Wiener Ex-Bürgermeister Michael Häupl, und er bekam einen ordentlichen Spritzwein eingeschenkt.

Dabei hatte Grissemann zu Beginn der Sendung noch gesagt: "Es ist immer gefährlich, wenn Politiker kommen." Er werde seine Sympathie für Häupl verbergen, "weil ich ein ausgewogener ORF-Moderator bin". Und: "Nein, ich werde nicht vor ihm auf die Knie fallen." Genau das tat Grissemann aber beim Auftritt Häupls, und es wäre unheimlich peinlich gewesen, hätte er nicht davor satirisch darauf Bezug genommen.

Seit zwölf Jahren heiße es in den Redaktionssitzungen "Man bringe den Witz rein", sagt Grissemann. 24 Jahre lang habe es bei Häupl als Bürgermeister geheißen: "Man bringe den Spritzwein". So heißt auch ein neu erschienenes Zitate-Büchlein (im  Ueberreuter Verlag, illustriert von Michael Pammesberger), das als Grund für die Einladung angegeben wurde.

Legendäre Einzeiler

Häupl wurde den Vorschusslorbeeren mehr als gerecht und brachte am Dienstagabend als g'rader Michl tatsächlich viel Witz rein. Dem Zitate-Buch fügte er in der Sendung noch ein paar seiner legendären Einzeiler hinzu. Zum Beispiel: "Man muss (in Wien, Anm.) erst sterben, damit man dann aufg’hängt wird .... ich mein‘, als Bild natürlich."

Was man zu Beginn über sein Leben nach der Politik erfuhr: "Dem Michael Häupl geht’s ausgezeichnet", er beschäftige sich jetzt mit Wissenschaftsorganisation und kümmere sich um den Garten seiner Frau. Man glaubt es ihm, so tiefenentspannt, wie er da im Studio sitzt. Außerdem treffe er nun ausschließlich jene Leute, die er gerne treffe. Häupl: "Dass ich die Leute, die ich nicht gern mag, nicht treffe, ist ein Vorteil."

Dazu gehört offenbar auch der Wiener FPÖ-Politiker Johann Gudenus. Im Gespräch mit dem Hobby-Meeresbiologen Häupl vergleicht Grissemann Gudenus mit einer Qualle: "Gefährlich und es tut weh, wenn man anstreift.“ Häupl trocken: "Der Vergleich mit der Qualle scheint mir stimmig." Obwohl: "Schiach" sei dieser ja nicht.

Über den "tollen Job" Wiener Bürgermeister sagt er: "I hab‘ was g‘scheit‘s g‘lernt und bin es trotzdem geworden."

G’scheit gelernt hat Häupl bekanntlich die Biologie. Über sein besonderes Steckenpferd, die Meeresbiologie, sagt er: "Das ist für einen Binneneuropäer ein bissl ein brotloser Beruf."

Was ihn an der Politik fasziniert hat? "Du entscheidest am Vormittag was und wenn du um fünfe in deinem Stammwirtshaus deinen Spritzer trinkst, musst du dich rechtfertigen." Das Volk habe in einer parlamentarischen Demokratie immer recht. Sager wie "Mei Wien is ned deppad", mit dem er nach der Nationalratswahl das gute Wiener SPÖ-Teilergebnis hervorhob, würde er nur im Positiven verwenden.

Grissemann machte dann einen ziemlich gewitzten Schwenk zur aktuellen Innenpolitik: "Sie haben angekündigt, nicht als Balkonmuppet die aktuelle Tagespolitik zu kommentieren. Aber Rendi-Wagner tut es auch nicht, hat man das Gefühl."

Häupl antwortet mit Charme: "Ich schlage vor, Sie laden einmal Frau Doktor Rendi-Wagner ein. Sie ist mindestens so lustig wie ich. Ihr müsst es nur entdecken."

Gleich danach legt Häupl aber wieder einiges an Lustigkeit vor.

Grissemann: "Für mich sind Sie eher der Badewannen-Typ."

Häupl: "Wirklich? Ach so, weil ich in der Badewanne viel weniger Wasser verbrauch‘, ich versteh‘ Sie!"

Stermann fragt, ob er sich nach der Gartenarbeit am Abend bei der "ZiB" über den Zustand der SPÖ ärgern müsse, oder ob er dann gar weinen müsse.

Häupl: "Eher weine ich über den Zustand der Republik. Weil es allemal wichtiger ist, was eine Regierung macht, als das, was eine Opposition macht."

Stermann bohrt nach: "Aber ärgern Sie sich nicht?" Über die SPÖ, meint er.

"Aber klar ärger‘ ich mich, natürlich", sagt Häupl extratrocken – großer Lacher im Publikum.

Aber das allein sei noch kein Kriterium, "ich ärgere mich auch, wenn ich zu einem Austria-Spiel geh‘."

Grissemann: "Da können Sie noch froh sein, dass Sie kein Rapid-Anhänger sind …"

Häupl: "No, da bin i sehr froh."

Billa oder Spar?

Ob er im Stadion ständig angesprochen und an den Haaren gezupft werde? "Dann darf ich auch ned Einkaufen gehen, zum Billa oder zum Spar“, sagt Häupl. Ob er tatsächlich selber einkaufen gehe. „Selbstverständlich, aber zum Spar, weil der ist bei mir im Haus." Abermals großer Lacher.

Was man noch erfährt: Häupl mag keine Käsekrainer ("Die Eitrige mag‘ ich natürlich nicht"). Leider keine ernsthafte Nachfrage, warum das denn so ist.

Ob Häupl vom ewigen Wiederholen des Spritzwein-Zitats schon genervt sei, will Grissemann wissen, "so viel saufen Sie ja auch wieder nicht." Häupl bestätigt das, er könne es steuern und schenke "nicht so viel Wein ein wie Sie".

"Jetzt wird die Nase aber sehr lang, Herr Ex-Bürgermeister", sagt Grissemann. "Ich trink‘ ihn auch mit’m Mund, den Spritzwein, und nicht mit der Nas’n", sagt Häupl.

Der Dienstagmittag-Sager

Natürlich wird auch der berühmte Kalauer über die Lehrerarbeitszeit Thema: "Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig", sagte Häupl im April 2015. Solche Sachen seien nicht vorbereitet, sie würden ihm spontan einfallen. Ob er den Inhalt je zurückgenommen habe? Nein, er habe lediglich präzisiert, "auf wen es gemünzt war" (die Lehrergewerkschaft, Anm.).

Ob er von der Lehrergewerkschaft Ärger bekommen habe, fragt Grissemann.

"Nur ungefähr 24 Stunden", sagt Häupl.

Jetzt kann er sich vor Lachen selbst nicht mehr halten. Fast eine halbe Minute Zwischenapplaus.

Die Präsidentenfrage

Grissemann bringt ein weiteres Beispiel aus dem Zitatebuch: "Ich habe nicht die Absicht, Bürgermeister von Wien zu werden." (Häupl, 1993)

Grissemann nützt das Zitat für eine abermals g‘feanzte Überleitung: "Sie würden die Wahl haushoch gewinnen, warum stellen Sie sich nicht auf für die Bundespräsidentenwahl?"

"Er wird es nicht tun", sagt ER von sich in der dritten Person.

"Weil’s dem Erwin Pröll versprochen war?" – Stermann landet seine erste Killerpointe.

Pröll habe vielleicht viel mehr daran gedacht, sagt Häupl, er selber nie. "Was soll man denn, wenn man so lange Bürgermeister von Wien war, mit einem Amt wie dem Bundespräsidenten?"

Eigentlich eine Spitzenpointe, wenn man den Spruch nicht zu ernst nimmt.

Grissemann bricht das Lachen ab und schlägt Häupl ("Ich wünsche Ihnen ein langes Leben") als Grabspruch vor: "Einen guten Roten erkennt man am Alter."

Häupl: "Der is' scho einmal ned schlecht."

Und der Spritzwein?

Grissemann hat noch eine Frage. Ob Häupl im Pyjama oder nackt schlafe? Stermann: "Lass‘ den Mann in Ruhe!"

Grissemann: "Aber das kann man doch fragen. Ich schlafe zum Beispiel nackt."

"Wirklich? Das wollt‘ ich aber gar nicht wissen", sagt Häupl und ist die Frage somit gekonnt wieder los geworden.

Wann er denn aufstehe und zu Bett gehe?

Häupl: "Ich hasse das Aufstehen. Ich bin ein ausgeprägter Abendmensch." Sein ganzes Bürgermeisterleben lang habe er er um sechs aufstehen müssen, weil sein Frau Ärztin sei. Aus Solidarität stehe er dann mit auf, es könne aber auch sein, dass er sich noch einmal hinlege, "das hängt davon ab, wie lang der Vortag war."

"Und wie lange ist der Vortag in der Regel", fragt Grissemann, "gehen Sie viel aus?"

"Früher. Jetzt geht’s. Vielleicht drei, vier Mal in der Woche …"

Noch einmal großer Lacher zum Abschluss. Jubel. Und der Spritzwein? Den ließ Häupl unberührt stehen.

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