© Philipp Wilhelmer

Krimi
11/07/2021

Malteser-Morden: Ein Krimi vor dem Hintergrund des Jahres 2015

Klaus Stimeder hat sich mit seinem Buch „Malta Transfer“ an die Grenzen bewegt: Ein Krimi vor dem Hintergrund des Jahres 2015

von Philipp Wilhelmer

Das Jahr 2015 nahm schon viel früher seinen Ausgang: Die Bürgerkriege in Syrien und Libyen 2011, die stets anwachsende Karawane der Armut aus anderen afrikanischen Ländern. An den Rändern Europas spürte und spürt man das besonders. Malta ist einer dieser Vorposten der EU, die aufgrund ihrer geografischen Lage besonders schnell mitbekommen, wenn sich eine große Menge Menschen unter oft lebensgefährlichen Bedingungen auf den Weg macht, um den Kontinent zu erreichen.

Erstling

Hier spielt der Krimi-Erstling von Klaus Stimeder, der nach seiner Karriere als Journalist (er gründete unter anderem das Monatsmagazin Datum) und Buchautor („Hier ist Berlin“) als Migrationsforscher arbeitet. Aktuell studiert er dazu an der Universität Oxford. Für „Malta Transfer“ verlegte er seinen Standort temporär auf die Mittelmeerinsel und schrieb unter seinem Autorennamen JM Stim einen Kriminalroman, der 2015 noch einmal spürbar macht, wenn auch aus einer neuen Perspektive. Jener, die man hierzulande nur aus Schlagzeilen kennt.

Aus dem Wasser gezogen

Am Beginn des Buches steht der Mord an einem jungen Mann aus gutem Haus, der mit mehreren Messerstichen verwundet tot aus dem Wasser gezogen wird. Die Ex-Journalistin Melita, die sich als eine Art Privatdetektivin für einen maltesischen Anwalt verdingt, macht sich in dessen Auftrag auf die Spurensuche.

Sie stößt schnell an jenen Ort, an dem sich die Armut und Hoffnungslosigkeit der Neuangekommenen ballt: Das Viertel der Bootsflüchtlinge. Dass viele am Weg hierher ihr Leben verloren, bringt wenigen Profit und einigen späte Rache.

Am Weg zur Lösung des Falles werden viele Zigaretten geraucht, die maltesische Hauptstadt Straße für Straße beschrieben und lokales Bier gekippt, bis der Fall gelöst ist.

Leben auf der Kante – auch im Hinblick auf das Genre: Für einen Krimi ein äußerst komplexes Setting voller Weltpolitik und sozialer Fragen.

Blick auf den Rand

„Malta liegt an der Peripherie des Kontinents. Meiner Erfahrung nach lernt man von dem, was sich an den Rändern abspielt, oft mehr, als wenn man den Blick aufs Zentrum richtet“, sagt Stimeder zum KURIER. „Bei allen Eigenheiten – und von denen gibt es viele – ist das Land ein europäischer Mikrokosmos, in dem sich die kleinen wie die großen Weltprobleme spiegeln. Allen voran das Migrationsthema.“

Die A4 bei Parndorf

Stichwort 2015: In einer Szene kommt der grauenvolle Tod von 71 Geschleppten in einem Lieferwagen auf der A4 bei Parndorf vor. Wie sind die Vorkommnisse in Malta mit jenen auf der Ostautobahn im Burgenland verknüpft? „Nur indirekt. Den Laster mit den erstickten Flüchtlingen habe ich im Buch nur deshalb erwähnt, weil die Story vor dem Hintergrund der großen Flüchtlingsbewegungen 2015 spielt“, sagt Stimeder.

Europa hat wenig gelernt

Er glaubt nicht, dass sich das Thema Migration lokal mit Grenzzäunen und -mauern lösen lässt. Und was hat Europa aus der Flüchtlingskrise gelernt? „Wenig. Das liegt einerseits an der in Sachen Migrationspolitik viel zu strukturkonservativen EU, andererseits an einzelnen Staaten“, sagt der Autor. „Kreative Lösungen gäbe es zuhauf, aber solange man einerseits in überholten Denkmustern verharrt und andererseits die Politik von Ländern wie Polen und Ungarn toleriert – die traditionell die ersten beim Handaufhalten für Wirtschafts- und Agrarsubventionen sind und die Union als Selbstbedienungsladen sehen, in dem sie nur Rechte, aber keine Pflichten haben –, wird sich daran nichts ändern. Die Wahrheit ist, dass viele europäische Politiker auch gar kein Interesse daran haben, dass das Thema Migration aus den Schlagzeilen verschwindet, weil es ihnen Stimmen bringt.“

"Keine Spur von Chaos"

Aktuell macht die Machtergreifung der Taliban und die in Europa Sorgen. Stimeder rechnet nicht damit, dass sich die Ereignisse von 2015 an dieser Stelle wiederholen, wie er sagt. „Davon abgesehen, dass die Bilder vom Kabul Airport irreführend waren – wie ihnen jeder Kenner des Landes bestätigen wird, war es zu dem Zeitpunkt, an dem sie aufgenommen wurden, nicht nur im Rest des Landes, sondern sogar in Kabul selbst ruhig, keine Spur von Chaos – gibt es diesbezüglich keinen Automatismus.“ Und: „Die überwältigende Mehrheit der Länder, die gestern wie heute den Löwenanteil von Migranten und Flüchtlingen tragen, liegen nicht in Europa.“

Malta beschreibt er in dem Buch als hin- und hergerissene Insel: Die Nähe zu Libyen, die in guten Zeiten für Luxustouristen aus dem Land sorgten, die Zugehörigkeit zu Europa, der Einfluss der Briten, die allgegenwärtige Polarisierung in der Gesellschaft: Hier wimmelt es vor Kanten.

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