Lohner wollte nie der Liebling sein

Helmuth Lohner
Foto: KURIER/Christandl Jürgen

Helmuth Lohner spielt gleich zwei Hauptrollen auf der Theaterbühne. Der Liebling der Josefstadt im KURIER-Interview.

Helmuth Lohner ist zum Glück wieder einmal wortbrüchig geworden: Mehrmals hat er seinen Rückzug von der Theaterbühne angekündigt, trotzdem spielt der ehemalige Josefstadt-Direktor jetzt zwei Hauptrollen: "John Gabriel Borkman" von Ibsen – und ab Donnerstag  den James Tyrone in "Eines langen Tages Reise in die Nacht" von Eugene O’Neill.

KURIER: "Borkman" ist ein Erfolg bei Kritik und Publikum. Sind Sie zufrieden?
Helmuth Lohner: So etwas! Das würde in die Nähe von Eigenlob kommen, und das werden Sie von mir nie hören.

Sie sind zu bescheiden!
Das hat mit Bescheidenheit nichts zu tun, ich will da gar nichts wissen. Über Kartenverkäufe muss die Direktion sprechen, aber nicht ich. Aber wir haben ein gutes Fundament.

Wie weit sind die Proben für "Eines langen Tages Reise in die Nacht"?
Ja, am Donnerstag soll  eine Premiere stattfinden... Was mich betrifft, ist noch viel zu tun. Das ist  ein rein biografisches Werk, der Autor hat ja auch darauf bestanden, das Stück 25 Jahre nach seinem Tod nicht aufführen zu lassen – und seine Witwe hat sich entschlossen, sich nicht daran zu halten. O’Neills Vater war übrigens ein erfolgreicher Schauspieler, der sein Leben lang gespielt hat, allein mehr als 3000 Mal den Grafen von Monte Christo. Er ist durch ganz Amerika gereist, die Kinder sind mehr oder weniger am Broadway aufgewachsen, was damals eine eher spelunkenhafte Gegend war. Aber es gelingt, das Stück nach heute zu bringen.

 

Helmuth Lohner Foto: KURIER/Christandl Jürgen

Das Thema Sucht ist immer aktuell.
Es ist fast so ein Dante’sches Inferno, das da stattfindet. Die Mutter tief in der Sucht, die zwei Söhne und der Mann dem Alkohol zugetan. Es geht aber nebenbei um den ausgezeichneten Stückeschreiber und Dichter O’Neill, der seine Biografie hier hinterlassen hat – nicht in Form von Tagebüchern, sondern in Form eines Stücks.

Sie spielen O’Neills Vater. Er ist ein Geiziger.
Ja, aber bestimmt durch die Verhältnisse, aus denen er gekommen ist, aus der bittersten Armut in Irland. So etwas kann einen fast krankhaften Geiz erzeugen. Nicht die ganz normale Sparsamkeit, die wohl in uns allen steckt.

Kennen Sie solche Geizigen?
Ja. Einen ganz berühmten Mann zum Beispiel, den Hans Moser. Ich möchte nicht zu viel erzählen, aber der Hans Moser kam aus sehr dürftigen Verhältnissen – und war sein ganzes Leben so. Aber nicht bewusst oder aus Bösartigkeit. Abgesehen davon, das er einer der größten  Schauspieler war, die es je gab.

Er ist angeblich immer mit der Straßenbahn ins Theater gefahren.
Er wäre nie auf die Idee gekommen, sich ein Taxi zu leisten.  Abgesehen vom großen Hans Moser kennen wir doch alle solche Menschen. Es ist ... eine Krankheit will ich nicht sagen. Der Alkohol ist eine Krankheit, jede Sucht. Auch die Eifersucht ist eine Krankheit (lacht).

Es heißt, Sie suchen lange bei der Rollengestaltung.
Furchtbar lang. Und ich werde immer sehr spät fündig, wenn ich überhaupt etwas finde.

Sie sind schon wieder  bescheiden.
Nein, das hat nichts mit Bescheidenheit zu tun. Das ist meine  Einstellung, die begleitet mich durchs Leben. Ich mach keine Schublade auf und hol was raus!  Um ein Beispiel zu geben: Ich hatte einmal sehr große Schwierigkeiten mit dem Regisseur Fritz Kortner. Bis ich mir das Herz genommen habe und ihn gefragt habe,was denn so furchtbar ist. Da hat er gesagt, es ist ganz einfach,  Sie bieten mir ununterbrochen Dinge an, mit denen Sie in  anderen Rollen schon Erfolg hatten. Das ist ein Lehrsatz für mein Leben geworden: Man darf sich nicht selber kopieren.

Helmuth Lohner Foto: KURIER/Christandl Jürgen

Was macht einen großen Regisseur aus?
Ich denke, dass man große Regisseure gar nicht bemerkt – nur in der Qualität ihrer Schauspieler. Das ist auch im Film so. Nehmen Sie  "E.T." von Stephen Spielberg. Natürlich, da gibt es viel Zauberei und Technik. Aber! Das Tolle ist die Qualität von den Kindern,  wie die mit dieser Puppe spielen. Das zeigt mir, das muss ein großer Regisseur sein.

Sie gehen gerne ins Kino?
Ja. Ich gehe immer ins Kino meiner Jugend, ins Burgkino. Ich habe ein Abonnement für zehn Vorstellungen im Burgkino bekommen – das war eines meiner schönsten Weihnachtsgeschenke.

Wie fühlen Sie sich heute in der Josefstadt? Sie haben das Haus lange geleitet.
Ich war sehr dafür, dass Herbert Föttinger mein Nachfolger wird. Er hat  viel Arbeit auf sich genommen und macht  einen sehr guten Spielplan.

Sie kündigen immer wieder Ihren Abschied an – würden Sie es aushalten, nicht zu spielen?
Aber natürlich! Ich war 23 Sommer in Salzburg, und dann habe ich gesagt: So, jetzt ist Schluss. Ich bin mir selber langweilig geworden, jeden Sommer nach Salzburg zu fahren. Ich kam mir schon vor, wie ein Requisit. Und da habe ich beschlossen, ich schaue mir die Welt an. Der beste Fotograf kann nicht den Himalaya fotografieren, oder die Pyramiden. Das ist ein Foto, aber man hat keinen Eindruck, wie es wirklich ausschaut. Ich wollte einfach sehen, wer da noch auf diesem Staubkorn drauf ist, auf dem wir uns alle befinden.

Waren Sie auf dem Himalaya?
Nein, aber ich war in Tibet und habe den Kailash umrundet.  Das alles wollte ich sehen! Persepolis, den Jemen, letztes Jahr habe ich mir gegönnt, auf Kap Hoorn spazieren zu gehen.

Viele Regisseure und Schauspieler erwähnen Ihre Rollengestaltungen ausdrücklich als beispielgebend. Bedeutet Ihnen das etwas?
Nein, das ist vorbei. Es ist eine neue Generation da, die dafür zu sorgen hat, das das Theater weiter besteht. Und es gibt ja nichts, was man nicht besser machen kann! So, wie sich in der Wissenschaft täglich alles verändert. Der letzte Satz wird immer durchgestrichen, und dann wird ein neuer Satz hingeschrieben.

Helmuth Lohner Foto: KURIER/Christandl Jürgen

Es heißt, das Theater sei in Gefahr, auszusterben.
Das Theater wird tot gesagt seit der Antike. Ich mache mir da keine Sorgen. Abgesehen von diesem saublöden Vorschlag, dass man die Hälfte der Theater und Museen zusperren soll. Ich bin ein Museums-Freak, wenn ich wo hinkomme, führt mich der erste  Weg ins Museum. Ich kenne kein Museum, das man zusperren darf, auch nicht die kleinen, privaten.

In Sparzeiten sind eben auch die Kulturbudgets in Gefahr.
Das merkwürdige ist, dass Politiker die Tendenz haben, bei der Kultur mit dem Sparen zu beginnen. Dabei ist die Kultur in einem Gesamtbudget doch ein minimaler Posten.  Was soll in Österreich geschlossen werden? Auch die Landestheater haben alle eine wichtigen Auftrag und werden gut angenommen!

Was würden Sie denn gern noch spielen?
Das weiß ich doch nicht! Ich hab doch wirklich alles gespielt. Vielleicht ergibt es sich, dass ich noch den einen oder anderen guten Film machen kann. Das Filmen hat mit meiner Position als Direktor der Josefstadt aufgehört, weil ich keine Zeit mehr hatte

Sie sind ein zurückhaltender, fast scheuer Mensch. Fühlen Sie sich auf der Bühne geschützt?
Ja, die vierte Wand (die gedachte Grenze zwischen Publikum und Bühne; Anm.) ist da. Aber so einfach ist es nicht, auf die Bühne zu gehen. Eine gewisse Angst war immer da: Kann man das, was man sich vorgenommen hat, auch übermitteln?

Sie sind ein Publikumsliebling, habe diesen Begriff aber immer abgelehnt.
Ich wollte nie der Liebling sein. Das geht doch nicht! Liebling .... Nein! Das geht gar nicht in meinen Kopf.

Mehr zum Thema

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?