© Christian Husar

Kritik
08/04/2020

Lehárs "Blaue Mazur" in Baden: Corona-Operette mit viel Schmähfaktor

Es wird in Baden gespielt. Mit allen Abstrichen auf sehr hohem Niveau.

von Peter Jarolin

Kann denn das funktionieren? Eine selten gespielte Operette so ganz ohne Chor, ohne Ballett, ohne Massenszenen? Die Bühne Baden hat das Experiment gewagt und damit wohl für eine Premiere gesorgt: Mit einer Neuadaption von Franz Lehárs vor 100 Jahren uraufgeführtem Stück „Die blaue Mazur“ hat Intendant Michael Lakner die erste Corona-Operette auf die Bühne der Sommerarena (bis 5. September ) gebracht.

Soll heißen: Auch in Baden werden alle Sicherheitsvorkehrungen penibel eingehalten, statt 600 möglicher Besucher sind 200 Zuseher zugelassen. Man spielt pausenlos, Einlass und auch Abgang des Publikums sind teils musikalisch geregelt. Die Musiker sind – zwecks Abstand – auch in den Logen platziert.

Babyelefant

Und sogar der längst berühmte Babyelefant kommt in Baden vor. Dank Oliver Baier, der in Michael Lakners Corona-Version den Conférencier gibt, sprich Oliver Baier ist und viele (selbst geschriebene) Wuchteln schieben darf. Ein Kunstgriff, der in Lakners Fassung perfekt aufgeht, der auch über die eine oder andere (fast logische) Schwachstelle dieser Bearbeitung hinwegtäuscht. Ein Ballett gibt es nicht, „weil die Bühne Baden nicht so viele Babyelefanten hat“, erklärt Baier. Oder: „Den Job hab i kriagt, weil der Wagner-Trenkwitz war zu teuer“, so der Meister der Gag-Zeremonie, der von Ibiza bis zum „Ding der Woche“ alles aufs Korn nimmt und in diverse kleinere Rollen schlüpft.

Kalauer

Womit wir endgültig bei Lehár wären. Intendant Lakner (auch Regie) hat die eigentlich in Polen spielende Geschichte – es geht um Herz, Schmerz, amouröse Irrungen und Wirrungen und um ein Happy-End für zwei Paare – ins jüdische Wiener Milieu gegen Anfang des 20. Jahrhunderts verlegt. Das erlaubt viele (mehr oder weniger gute) jiddische Kalauer. Eine ebenso dazu erfundene, allzu tuntige, dafür aber liebevoll gezeichnete Männer-WG erschließt sich nur bedingt.

Auch egal. Denn die musikalische (Sparflammen-)Seite stimmt. So ist das Orchester der Bühne Baden unter der Leitung von Franz-Josef Breznik den Melodien Lehárs ein guter Anwalt. Vom „kleinen Medaillon“ bis „Tanzt der Pole die Mazur“ – Ohrwurmqualität ist hier angesagt.

Paarlauf

Vor allem dank der exzellenten Besetzung. So beeindrucken Clemens Kerschbaumer und die überaus koloraturensichere Sieglinde Feldhofer als „erstes Paar“, so dürfen Ricardo Frenzel Baudisch und Martha Hirschmann als ideales Buffo-Paar auch für vokale Liebe und Hiebe sorgen. In der Tunten-WG sind mit Thomas Zisterer, Thomas Weinhappel sowie Philippe Spiegel Stimmen zu hören, die sich auch größere Aufgaben verdient hätten. Das übrige Ensemble fügt sich gut ein.

Lohnt sich also eine Fahrt nach Baden? Ja! Sicher: „Die blaue Mazur“ ist nicht Lehárs bestes Werk, und die Umsetzung leidet zwangsweise ein wenig unter Corona. Aber: Es wird in Baden gespielt. Mit allen Abstrichen auf sehr hohem Niveau.

Peter Jarolin

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