Liebe ist ein Hospital: drei Wanjas, eine Natascha und eine Nelly

© Volkstheater / Nikolaus Ostermann

Kritik
09/16/2021

Leergefressen vom Hunger: Erniedrigte und Angeschmierte im Volkstheater

Sascha Hawemann dramatisierte verkopft Dostojewski – nur etwas für Connaisseure der Dekonstruktion

von Thomas Trenkler

Vor fünf Jahren ließ die damalige Volkstheaterdirektorin Anna Badora „Romeo und Julia“ spielen – mit drei Julias und drei Romeos, was beim Publikum – abgesehen von den wenigen Connaisseuren der Dekonstruktion – leichte Verstörung hervorrief.

Nachfolger Kay Voges tat es ihr gleich: Am Mittwoch hatte eine „Dramatisierung“ von Fjodor M. Dostojewskis Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ Premiere – mit drei Wanjas. Und weil zwei der drei Schauspieler ohne großartige Verwandlung auch andere Figuren verkörpern, kennt man sich, wenn man nicht wie ein Haftlmacher aufpasst, lange Zeit nicht aus.

Vielleicht wollte Sascha Hawemann die Facetten des gedemütigten Schriftstellers herausarbeiten, der, im Krankenhaus liegend, das letzte Jahr rekapituliert. Der Künstler, der Liebhaber und das Lulu zum Beispiel. Vielleicht auch nicht. Zumal der Regisseur kein gesteigertes Interesse verspürt, die im eiskalten St. Petersburg spielende Geschichte verständlich und in einem Zug nachzuerzählen.

Übertriebenes Treiben

Mithin ist die verkopfte Produktion nur etwas für Connaisseure der Dekonstruktion: Sie trage, so die Presseinfo, „sichtbar eine Theater-Grundvereinbarung im Herzen, die dem Beiwohnen eines Spielvorgangs auf der Bühne besonderen Zauber zu verleihen vermag: Menschen zuzusehen, die gleichzeitig Erschaffer*in ihrer Figur und Figur sind, allwissend und eingeschränkt-wissend zugleich“.

Auf einer abstrakt gehaltenen Spielfläche mit weißen Plastikplanen – Peter Weibel sang einmal „Liebe ist ein Hospital“ – und Lichtinstallationen in Form kyrillischer Buchstaben von Wolf Gutjahr lässt Hawemann sein bundesdeutsches Ensemble (mit dem Österreichisch sprechenden Samouil Stoyanow als Exoten) herumhopsen und hecheln und zittern. Der Schnee rieselt leise dazu. Und der Musiker Xell. macht das übertriebene Treiben erträglich, denn er untermalt es am Klavier oder an der E-Gitarre.

Diversität, Diversität!

Allmählich dräut einem, warum es trotz einer Spieldauer von 2 Stunden 35 Minuten keine Pause gibt. Weil manche das Weite suchen würden. Was aber schade wäre. Denn im letzten Drittel gibt es gelungene Szenen. Andreas Beck imponiert als selbstgefälliger Fürst Walkowski mit einem prächtigen Monolog, den man echt nicht mit Gegenwartsschlagworten wie Klimaerwärmung und Diversität hätte auffetten müssen. Der Stoyanov-Wanja jammert über vergiftete Flüsse, die verkrachte Wanja-Existenz des Uwe Schmieder frisst mit der Hand aus der Konservendose. Frank Genser hingegen, der dritte Stanislaus, bleibt auch als Aljoscha blass. Aber alle schmieren sich mit Farbe an.

Unter den Frauen (Friederike Tiefenbacher als Natascha, Evi Kehrstephan als Katja) berührt besonders Lavinia Nowak. Deren Waisenkind beklagt ihr Schicksal als Lolita-Prostituierte: „Der Hunger hat mich leergefressen.“ Diese Nelly träumt viel von „Bongbongs“. Genser lässt auf sie daher glitzernde Confetti-Schnitzel herabregnen. Als Wanja? Als Aljoscha? Oder als Bühnenarbeiter?

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