© Marcel Urlaub/Volkstheater

Kritik
09/04/2021

"Die Politiker" im Volkstheater: Schnauf, schnauf!

Es ist kompliziert: Was für eine irre Beziehung führen wir mit den Politikern. Die Eröffnungspremiere spürt dieser nach.

von Georg Leyrer

Von allen Orten, an denen man in unser aller Beziehungsgeflecht leben kann, leben die Politiker am irrsten.

Sie sagen, wenn man mal hinhört, die absurdesten Politikersätze, wir schaffen das, Balkanroute geschlossen, die nächsten zwei Wochen werden entscheidend sein. Und rufen mit diesen absurden Sätzen absurde emotionale Aufladung hervor. Welch irritierender Gewitterschwall an Meinung, der aus jedem herausplatzt, mit dem man – immer ein Fehler! – über die Politiker redet.

Aber auch umgekehrt: Wir halsen den Politikern die unmenschlichsten Begehren auf: Sie sollen alles richten. Und, wenn geht, auch unsere Mama statt uns anrufen.

Tun sie das nicht, geraten wir ins Schreien.

Autor Wolfram Lotz hat dieser absurden Gefühlsbeziehung, die wir an den unwirtlichsten Orten im eigenen Inneren mit den Politikern führen, ein Theatergedicht gewidmet: „Die Politiker“. Das wurde, weil es gar so schön zur Zeit passt, bereits mehrfach auf die Bühne gebracht. Die Politiker werden darin mal emotional fast zu Tode geherzt, mal mit dem Verhaltensforscherblick auf Armeslänge weggehalten.

Schnauf, schnauf

Sie wirken dann wie eine besonders wirre Sorte Unterwasserfisch. An anderer Stelle wie ein Lustobjekt, wie Papaersatz oder eine Geistesstörung („Adolf Hitler Adolf Hitler Adolf Hitler“ wird einmal geschrien), über die wir nicht drüberkommen.

Ihre Absurdität wird Alltag, ihr Alltag absurd: „Die Politiker gehen die Treppe hinauf, schnauf, schnauf“.

Kay Voges nun, bisher wegen Corona und Renovierung größtflächig exilierter neuer Chef des Volkstheaters, weiht mit „Die Politiker“ seine erste ganze (hoffentlich!) Saison im Haupthaus ein. Der Schauwert ist hoch: Schick und kühl dreht sich die Bühne und holt jene Schauspieler für ihre Passagen nach vorne, die nicht ohnehin via Kamera auf Leinwände projiziert werden.

Michelangelos David hat einen Fernseher unter den Arm geklemmt (es gibt insgesamt mehr Bildschirme, als man sich nach eineinhalb Jahren zweidimensionaler Fernsehkultur wünschen würde). Die Konturen des Bühnengestells blitzen synchron mit knackigen Synthiebass-Einwürfen.

Das Ensemble ist erst – es geht ja um die Polis – mit weißem Toga-Haftem bekleidet, dann im retromodernen Schottenkaro; es malt sich an, ruft – wie ein Echo einer zuvor am Volkstheater vorbeigezogenen Demo – „Politiker!“ im Slogan-Tonfall, es trägt Pobacken im Gesicht.

Es ist hell und oft laut. Man hält sich, das hatte man fast vergessen, im Theater bei deftigem E-Gitarren-Geschrummel die Ohren zu.

Kichern, dann Abgang

Der Schauspielerabend – 13 Darsteller stehen auf der Bühne – dreht sich von Deklamieren zu Beklagen, von Schreien zu Dialogisieren. Das Gesprochene hat tollen Rhythmus und oft jene Art von Verschobenheit, die Räume aufmacht, in denen man sonst Unerkanntes kapiert.

Es ist auch witzig, selbstbezüglich, manchmal hohl (aber, nunja, es geht halt um Politik). Ein famoser Monolog zählt auf, wer aus dem popmedialpolitischen Komplex wen auf sehr pornöse Art begattet. Kichern, aber auch Abgänge aus dem Publikum. An anderer Stelle geht es um Katzen, um Netflix und Bratkartoffeln. All das halt, was uns heute so beschäftigt.

Im Drehen, im Schauen gibt es durchaus Leerläufe, Überspanntheiten, immer wieder Erhellendes. Man darf sich fragen, ob man in der Beziehung zu den Politikern eigentlich noch dicht ist. „Die Politiker schlafen auf dem Bauch, und da schlafe ich auch“, bleibt im Ohr.

Das Ganze ist, auch, letztlich ein weiterer Beitrag zur Frage, was das Volkstheater denn überhaupt so soll. Voges’ Inszenierung ist postdramatisches Ensembletheater mit Anziehungskraft für ab den Nullerjahren sozialisiertes Publikum. Irgendwie hat man in Erinnerung, dass genau da eine Bruchstelle im Volkstheaterpublikum aufgegangen ist; „die Politiker“ wird diese nicht schließen.

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