Lars Eidinger in Schirachs "Gott".

© ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter

Kultur
11/23/2020

Lars Eidinger zu Schirachs "Gott" im TV: Das Theater ist mein Gottesdienst

Der Berliner Schauspieler im Gespräch über Glaube, das Leben und „Gott“ von Ferdinand von Schirach.

von Marco Weise

2017 wurde Ferdinand von Schirachs "Terror – Ihr Urteil“, bei dem das Fernsehpublikum am Ende über die Schuldfrage abstimmte, mit einer ROMY für das „TV-Ereignis des Jahres“ ausgezeichnet. Nun folgt „Gott“, Schirachs neuestes Werk, das heute, Montag, um 20.15 Uhr bei ARD und SRF zu sehen ist.

Ursprünglich hätte „Gott“ auch auf ORF1 ausgestrahlt werden sollen, aber Generaldirektor Alexander Wrabetz und Programmdirektorin Kathrin Zechner haben sich nach dem Terroranschlag in Wien dagegen entschieden – ein neuer Termin steht noch nicht fest.

Thema in „Gott“ ist die Sterbehilfe: Eine deutsche Ethikkommission befasst sich mit dem Fall des 78-jährigen Richard Gärtner (Matthias Habich) und der Frage, ob ein Arzt einem Menschen ein tödliches Mittel geben darf, wenn dieser sich den Tod wünscht.

Der KURIER hat mit Lars Eidinger gesprochen, der den Strafverteidiger Biegler spielt.

KURIER: Was zeichnet Schirachs Arbeiten aus?

Lars Eidinger: Dass Fragen gestellt werden, die sich nicht einfach beantworten lassen. Das ist eine große Qualität der Schirach-Stoffe. Für mögliche Antworten braucht es Raum und Zeit. Und selbst danach ist es schwierig, sich für oder gegen etwas zu entscheiden. Daher trifft der Strafverteidiger Biegler, die Figur, die ich in „Gott“ spiele, mit folgender Aussage auch ganz gut den Kern des Problems: Er sagt nämlich in seinem Schlussplädoyer: „Jeder Mensch ist ambivalent.“ Es gibt kein Gut und kein Böse, gibt kein Richtig und kein Falsch. Wer sich mit „Gott“ beschäftigt, wird sehen, wie tiefgründig, komplex und vielschichtig es ist.

Sollte, rein rechtlich gesehen, jeder über sein Leben entscheiden können?

Hier verlangt jemand vom Staat, getötet zu werden. Also er möchte ein Mittel haben, mit dem er sein Leben beenden kann. Der entscheidende Konflikt ist, dass das die Entscheidungsträger in einen moralischen Konflikt bringt.

Wie ist grundsätzlich Ihr Umgang mit dem Sterben?

Es ist nicht ratsam, sich jeden Tag mit dem Tod zu beschäftigen. Wir alle wissen nicht, wo wir herkommen und wo wir hingehen. Es sind zwar Fragen, an denen wir uns unser Leben lang abarbeiten, aber wir werden darauf keine Antworten finden.

Können Sie nachvollziehen, dass ein gesunder Mann sterben möchte, nur weil seine Frau nicht mehr lebt?

Der Freitod ist aus der Logik der Lebenden schwer nachvollziehbar, ja paradox. Aber ähnlich wie in der Glaubensfrage obliegt es jedem selber, welche Entscheidungen man trifft und welche Konsequenzen man zieht. Es wird ja im Film die Frage gestellt: Wem gehört das Leben? Ich würde sagen: jedem selbst.

Was kommt nach dem Tod?

Ich glaube, als jemand, der nicht an Gott glaubt, dass nach dem Tod nichts kommt. Nur Stille. Und alles ist besser als Stille.

Glauben Sie an etwas?

Ich glaube an nichts. Und somit auch nicht an Gott. Ich finde es interessant, dass ich immer einen Widerstand verspüre, wenn ich das sage: Ich glaube nicht an Gott. Man ist so erzogen worden. Es wurde einem vermittelt, dass man dafür von Gott bestraft werden würde. Das ist im Grunde auch genau das, was mich an der Kirche so stört. Sie versucht die Menschen zu kontrollieren und einzuschüchtern.

In ihrem neuen Kinofilm “Schwesterlein” spielen sie Sven, der an Leukämie erkrankt und stirbt. Wie schwer fällt Ihnen der Filmtod?

Für Schauspieler ist der Tod immer etwas Besonderes. Denn er ist nicht darstellbar. Man kann auch gar nicht authentisch sterben, denn in diesen Zustand kann man sich nicht hineinversetzen.

Können Sie nachvollziehen, dass der kerngesunde Mann in “Gott” sterben möchte, nur weil seine Frau nicht mehr lebt?

Der Freitod ist aus der Logik der Lebenden schwer nachvollziehbar, ja paradox. Aber ähnlich wie in der Glaubensfrage obliegt es jedem selber, welche Entscheidungen man trifft und welche Konsequenzen man zieht. Es wird ja im Film die Frage gestellt: Wem gehört das Leben? Ich würde sagen: jedem selbst. 

Wie bei anderen Schirach Stücken ist auch bei “Gott” das Setting einfach. Es gibt einen Gerichtssaal, in dem sich alles abspielt. Ist diese szenische Leere für Schauspieler eher herausfordernd oder langweilig?

Wirklich schwierig war nur, den Text zu lernen und ihn mit Leben zu füllen. Als Vorbereitung bin ich ins Landgericht gegangen, um mir anzusehen, wie Strafverteidiger so sind, wie sie redden, agieren, damit ich nicht auf das erstbeste Klischee reinfalle. Ich bin aber kein Verfechter von Authentizität. Ich finde es überhaupt nicht erstrebenswert, wenn im Film die Wirklichkeit abgebildet wird. Die Fiktion bietet einem da mehr Möglichkeiten und viel mehr Freiheit, die man als Schauspieler auch nutzen sollte.

Ihre Kollegin Nina Hoss sagte anlässlich der Premiere Ihres neuen gemeinsamen Films „Schwesterlein“, dass Sie in jeder Szene alles geben, auch wenn sie nicht gespielt sind. Wie kann man sich das vorstellen?

Ich mache den Beruf, weil es mir um das spielerische Moment geht und darum, eine Intimität zwischen Menschen herzustellen. Und miteinander zu spielen, ist wahnsinnig intim – es hat eine Schönheit. Und je mehr ich von mir gebe, desto mehr erlebe ich. Es ist reiner Selbstzweck und hat nichts Verschwenderisches oder Uneigennütziges, sondern ich mache das, weil ich mich da am meisten spüre – in der Euphorie und auch in der Verausgabung. Je mehr ich aus mir rausgehe, desto mehr komme ich bei mir an.

Ist das eine Art Sucht?

Sucht oder Rausch ist etwas, wo man ein Übermaß an Leben aufsaugen will. Ja, wenn man so will, bin ich danach süchtig, also nach dem Leben. Ich will quasi das Gegenteil von dem, was Herr Gärtner in „Gott“ will, nämlich so viel Leben wie möglich erleben.

Aktuell lässt das Coronavirus nur sehr eingeschränkt das Leben leben. Wie geht es Ihnen damit?

Ich trage viele Maßnahmen der Regierung voll und ganz mit, auch wenn sie schmerzhaft oder gar existenzbedrohend sind. Aber die Tatsache, dass Kirchen offenbleiben und Theater geschlossen werden, kann ich nicht nachvollziehen. Ich verstehe, dass für viele Leute der Glaube existenziell wichtig ist, etwas, das sie am Leben hält und insofern sogar Systemrelevanteres ist. Aber das, was für andere der Gottesdienst ist, ist für mich das Theater.

Ihr Chef Thomas Ostermeier hat eine Winterpause fürs Theater vorgeschlagen. Stimmen Sie ihm zu?

Das habe ich noch gar nicht gehört. Ist vielleicht sogar vernünftig. Obwohl ich das Theater sehr vermisse, wäre das für mich nicht so tragisch. Ich bin privilegiert. Den ich kann Filme drehen. Heuer waren es trotz Corona vier oder fünf Filme. Insofern würde ich eine Winterpause verkraften. Wirklich problematisch ist es aber für die Produzenten der beiden Filme “Schwesterlein” und “Persischstunden”, die eigentlich gerade im Kino laufen sollten. Für die beiden Filmemacherinnen von “Schwesterlein”, Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, ist das eine Katastrophe. Sie haben fünf Jahre daran gearbeitet und dann ist nach vier Tagen im Kino Schluss. Das ist extrem bitter.

Wie sind die Fotos im Fotobuch “Autistic Disco” entstanden?

Ich habe den Großteil der Bilder mit dem Smartphone gemacht, einige aber auch mit der Spiegelreflexkamera - u. a ist im Buch eines aus Wien im Jahr 2008 zu sehen. Das Gute am Smartphone ist, dass man es immer dabei hat. Und die Qualität der Fotos auch immer besser wird. Die Bilder sind allesamt nicht inszeniert. Ich gehe auch nie auf Motivsuche, sondern die Motive kommen zu mir.

“Gott” hätte zeitgleich in Deutschland, der Schweiz und Österreich ausgestrahlt werden sollen. Der ORF hat sich nach dem Terroranschlag in Wien aber dazu entschlossen, den Film an einem anderen Termin zu zeigen. Können Sie das nachvollziehen?

Nein. Es gab damals anlässlich der Attentate in Hanau in Deutschland ebenfalls die Diskussion, die Berlinale ausfallen zu lassen. Dabei bietet ja gerade der Film den nötigen Raum, sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Ich glaube daher, dass es wichtig ist, so einen Film in so einer Zeit zu zeigen.

Sie drehen im Jahr zahlreiche Filme, spielen Theater und haben kürzlich auch Ihren ersten Fotoband veröffentlicht. Man fragt sich, wie schafft er das alles?

Das müssen Sie meinen Zwillingsbruder fragen (lacht).

Wer Suizid-Gedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen oder an die Telefonseelsorge unter 142 wenden. Die Website www.suizid-praevention.gv.at bietet weitere Infos zu Hilfsangeboten.

INFOS

TV
Nach „Terror“ kommt heute, Montag,  die zweite Adaption eines  von  Ferdinand von Schirach ursprünglich fürs Theater konzipierten Stückes ins Fernsehen. In „Gott“ (20.15 Uhr bei ARD und SRF) geht es um einen  körperlich gesunden 78-Jährigen, der  nicht mehr leben will. Darf ihm seine Ärztin ein tödliches Medikament verabreichen? Die TV-Adaption wurde wie bereits „Terror“  von Lars Kraume umgesetzt. Der deutsche Regisseur siedelt die Handlung   in einem  Verhandlungssaal an, wo die Schauspieler vor einem  fiktiven Ethikrat  ein kammerspielartiges Justiz-Drama aufführen  

Lars Eidinger
Der 44-jährige Berliner Film- und Theaterschauspieler hat soeben mit Autistic Disco (Hatje Cantz) sein erstes Fotobuch veröffentlicht.  Eine weitere Premiere könnte bald folgen: Lars Eidinger gilt nämlich als heißer Jedermann-Kandidat

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