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Kultur
10/02/2012

Lanz: Wetten, dass es nur Fernsehen ist?

Kommenden Samstag tritt Markus Lanz die Gottschalk-Nachfolge an. Der Druck ist groß, gibt er im Interview zu. Aber "es geht nicht um Leben und Tod, es ist nur Fernsehen."

von Anna Gasteiger

Es ist die vielleicht schwierigste Aufgabe, die es im deutschen Fernsehen derzeit zu lösen gibt: Ab kommenden Samstag (20.15 Uhr, ORFeins/ ZDF) moderiert Markus Lanz statt Thomas Gottschalk "Wetten, dass ..?"

Die Skepsis im Vorfeld war groß, die Verrisse sind schon geschrieben. Lanz bemüht sich im Interview um Lockerheit: Er "schwanke so zwischen freudiger Erregung und totaler Verzweiflung", sagt er. "Wobei ich feststelle, dass die freudige Erregung eher zunimmt. Weil ich davon ausgehe, dass die ersten drei Minuten an diesem 6. Oktober die besten drei Minuten meines Berufslebens werden, danach geht’s nur mehr bergab."

Heißt das, dass der Druck größer ist als bei anderen Sendungen?
Ja, der Druck ist natürlich schon groß. Aber man muss versuchen, sich davon frei zu machen. Ich unterhalte mich ja jetzt schon drei Mal in der Woche mit Menschen – nicht auf einer Couch, sondern auf Stühlen. Das macht aber keinen wesentlichen Unterschied. Wobei die Gefahr, dass einem die Gäste auf der Couch einschlafen, größer ist. Und das andere ist, ich bin so ein Spielkind. Und ich würde furchtbar gerne einmal gegen Hermann Maier Skifahren. Das ist aber etwas, was nur mich freuen würde. Ihn, glaube ich, nicht. Er würde mich nur im Rückspiegel sehen. (lacht)

Rund um das "Wetten, dass ..?"-Ende von Thomas Gottschalk herrschte enorme Aufregung. Warum interessiert diese Sendung immer noch so?
Es gibt ja diese herrliche Theorie: Nach einem Atomkrieg überleben nur Kakerlaken und "Wetten, dass ..?". Ich gehe davon aus, dass  diese Sendung nach wie vor einen Zauber hat, der nicht zuletzt auf Kinder wirkt.

 

Als Sie zusagten, die Show zu moderieren, war schon seit Monaten verzweifelt ein Gottschalk-Nachfolger gesucht worden. Warum tun Sie sich das an?
Das war ein Tag, an dem ich sehr, sehr müde und nicht mehr geistig zurechnungsfähig war. Ich hab’ dann irgendwann gegen 23 Uhr gesagt: Ich mach’s. Nein, um jetzt mal ernst zu werden: Es waren zwei Phasen. Ich hab’ zu einem sehr frühen Zeitpunkt gesagt, ich halte mich da raus. Und dann entwickelten sich plötzlich Dinge anders, und ich hab’ irgendwann gedacht, das könnte gehen. Und vielleicht steckt dahinter ja auch der Wunsch, einmal im Leben noch etwas richtig Großes zu machen. Das kann auch schiefgehen. Das muss man wissen. Und es ist dann aber auch keine Schande.

Ist das für Sie der beste Job der Fernsehwelt oder ein Himmelfahrtskommando? Oder beides?
Es ist wahrscheinlich beides. Man muss sich dann aber selber mit dem Gedanken beruhigen: Es geht nicht um Leben und Tod. Es ist nur ein bisschen Fernsehen.

Hat es in den letzten Monaten einen Tag gegeben, an dem Sie verflucht haben, das Angebot angenommen zu haben?
Ich erhöhe auf Tage.

Was für Situationen sind das?
Wenn du merkst, der Tag kommt näher und der Druck wird größer. Man merkt zum Beispiel, dass die Formulierung "Wetten, dass ..?" sich in jedem noch so seltsamen Satz einbauen lässt. Wenn in einem Kölner Parkhaus eine Dame auf mich zuläuft, und sagt: "Wetten, dass Sie auf einem Frauenparkplatz stehen?" Und ich war völlig fassungslos und sagte dann so: "Wetten, dass ich das gar nicht gesehen habe?" Und Sie zur mir: "Wetten, dass mir das scheißegal ist." An solchen Erlebnissen merkt man, dass da was passiert.

 

In Deutschland ist es ja so, wenn man "Wetten, dass ..?" gemacht hat, kann man in Pension gehen – danach kommt nichts mehr. Machen Sie das jetzt 20 Jahre?
Es wäre sehr vermessen, dass von sich selber abhängig zu machen. Man muss schauen, ob da eine Gegenliebe entsteht und es einen Resonanzboden gibt. Wenn die Menschen sagen, sie schauen sich das gerne an, mache ich das eine Weile. Und wenn nicht, werde ich nicht sitzen bleiben und sagen: Ich sende so lange, bis ihr mich gefälligst lieb habt. Das mache ich sicher nicht.

Wie bereiten Sie sich auf die Sendung vor?
Ich bin immer gut damit gefahren, mich intensiv auf Menschen, Gespräche, Begegnungen vorzubereiten und fühle mich dann auch sicherer. Andere Leute machen das lieber spontan. Es gibt von Thomas Gottschalk den berühmten Satz: Wenn die Vorbereitung auf die Sendung länger dauert, als die Sendung selbst, dann ist irgendwas grundverkehrt. Das habe ich immer anders gesehen. Wobei Thomas Gottschalk natürlich wie kein Zweiter von diesem Mutterwitz lebt. Der kann das auch. Ich muss mir die Dinge eher erarbeiten.

Sehen Sie sich einem speziellen Quotendruck ausgesetzt?
Null. (lacht) Nein, natürlich. Aber Quotendruck gibt’s immer, auch am späten Abend. Das ist aber nichts, was mich schreckt. Insofern als es Dinge gibt, die man nur beschränkt beeinflussen kann.

Haben Sie sich in der Vorbereitung der Couch-Gespräche auch an Ihrem Vorgänger orientiert – wie man es nicht machen soll?
Ich muss da mal was klarstellen: Ich bin jemand, der immer gerne "Wetten, dass ..?" gesehen hat. Diese Sendung ist Teil meiner Kindheit und Jugend. Ich habe da auch schwere Traumata davongetragen, weil meine Mutter sich jahrelang geweigert hat, einen Fernseher zu kaufen, und ich kenne "Wetten, dass ..?" – als es dann endlich einen Fernseher gab – nur in Schwarz-Weiß und mit ganz viel Schnee. Deswegen hab’ ich irgendwann beschlossen, mich an meiner Mutter zu rächen und bin direkt zum Fernsehen gegangen. Und ich habe Thomas Gottschalk immer als Naturereignis erlebt. Der kam da an mit seiner unangepassten Art und fragte Frauen, ob sie nicht Angst haben, sich die Eierstöcke zu verkühlen und so weiter. Heute sind viele der Standards, die er damals gesetzt hat, gang und gäbe.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Gottschalk?
Da wurde viel hineingeheimnist in eine angebliche Rivalität – die gab es nie. Erst vor Kurzem haben wir miteinander telefoniert. Und ich kann sagen, das fühle ich zumindest so, Thomas Gottschalk ist eine sehr neidfreie Zone. Der hat seinen Frieden mit dieser Entscheidung gemacht – er hat die Sendung ja selber abgegeben, und ich gehöre zu denen, die das am meisten bedauern –, und ich respektiere das sehr. Weil ich immer vor Menschen Respekt habe, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens, an dem sie eigentlich ganz entspannt für immer in einen Liegestuhl in Malibu legen könnten, noch mal sagen: Ich mach’ jetzt wieder was ganz Neues. Ich habe das in meinem Leben auch immer so gemacht.

Zur Person: Von RTL zum ZDF

Herkunft: Markus Lanz wurde 1969 in Bruneck/ Südtirol geboren. Er schloss dort die Mittelschule ab und ließ sich dann in München zum Kommunikationswirt ausbilden.

Karriere: Lanz’ Medienkarriere begann bei Radio Hamburg, später arbeitete er für RTL und wechselte 2008 zum ZDF: Er moderierte dort zuletzt die Talksendung "Markus Lanz" (drei Mal pro Woche um 23.15 Uhr) und "Lanz kocht."

Privates: Markus Lanz hat mit der Moderatorin Birgit Schrowange einen Sohn. Derzeit ist er in zweiter Ehe verheiratet.

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