© Landestheater NÖ/Maria Shulga

Kultur
03/11/2021

Landestheater NÖ: NS-Mitläufertum als "Wunde, die noch nicht verheilt ist"

Der belgische Regisseur Luk Perceval zeigt in Kooperation mit dem Landestheater Niederösterreich „Yellow“.

von Peter Jarolin

Kolonialismus, Kollaboration und die Terror-Anschläge von Brüssel – das sind die Themen, die der belgische Starregisseur Luc Perceval in seiner Trilogie „Black, Yellow, Red – The Sorrows of Belgium“ abhandelt. Denn diese drei Farben stehen zugleich für die belgische Flagge und – wie Luk Perceval im KURIER-Gespräch erklärt – „für die dunklen und immer noch nicht aufgearbeiteten Kapitel in der Geschichte meines Landes.“

Was das mit Österreich zu tun hat? Sehr viel! „Black“, also die Geschichte über den Massenmord im Kongo, war als Gastspiel im Landestheater Niederösterreich zu sehen. Für „Yellow“, hier geht es um die belgischen und die österreichischen Kollaborateure mit dem NS-Regime, haben sich das NT Genk und das Landestheater Niederösterreich unter Intendantin Marie Rötzer auf eine Koproduktion verständigt. Soll heißen: Die Premiere findet heute, Donnerstag, 20 Uhr, in Genk statt. Aufgrund der Pandemie nur als Filmpremiere via Stream; im Herbst soll das Stück dann in St. Pölten live vor Publikum zu sehen sein.

Theaterfilmpremiere

Mit der Dramaturgin Margit Niederhuber und dem Landestheater-Ensemblemitglied Philip Leonhard Kelz sind auch zwei Österreicher direkt in das Geschehen involviert. Übrigens soll auch „Red“ den Weg in die niederösterreichische Landeshauptstadt finden. Für 2022 ist eine komplette Aufführung der Trias „The Sorrows of Belgium“ geplant. Für „Yellow“ allerdings hat Luk Perceval zur Sicherheit ein neues Format kreiert, die sogenannte Theaterfilmpremiere. Perceval sagt dazu: „Wir streamen nicht nur. Das können viele, auch wenn es wenige tun. Wir haben für ‚Yellow‘ einen echten Film geschaffen, der sich von der Bühnenversion optisch sehr unterscheidet. Es ist eine völlig neue Erfahrung für mich, die diversen Kanäle zu mixen. Aber ich war ja schon immer experimentierfreudig“, lacht Perceval, dessen etwa achtstündiger und dabei sensationeller Shakespeare-Marathon „Schlachten“ bei den Salzburger Festspielen (1999) noch gut in Erinnerung ist.

Doch können die digitalen Medien wirklich das Live-Erlebnis ersetzen? „Nein, sicher nicht. Wir machen Theater doch für das Publikum, die Darsteller brauchen ihren Applaus. Ich hoffe, dass ich in vier Wochen meine neue Inszenierung von Anton Tschechows ‚Drei Schwestern‘ in Warschau vor Publikum zeigen kann. Dort sind die Theater nämlich offen. In der Zwischenzeit müssen wir aber andere Möglichkeiten nützen“, so der ehemalige „leitende Regisseur“ in Hamburg, Berlin und Mitbegründer von Het Toneelhuis.

Doch zurück zu „Yellow“: Worum geht es? Luk Perceval: „Um eine flämische Familie, die sich mit einer Ausnahme im Zweiten Weltkrieg hinter das NS-Regime stellt und mit den Nazis sehr intensiv kollaboriert. Und es geht um den österreichischen SS-Offizier Otto Skorzeny (1908– 1975, dargestellt von Philip Leonhard Kelz, Anm.), der ein Vertrauter Hitlers war, als Befreier Mussolinis gefeiert wurde und danach im faschistischen Spanien von General Franco eine wichtige Rolle einnahm. Weiters ist der belgische Kollaborateur, der Wallone Leon Degrelle (1906 –1994, Anm.), der mit Skorzeny befreundet war, eine wichtige Figur. Auch er hat nach dem Zweiten Weltkrieg in Spanien Karriere gemacht, sein Haus in Marbella wurde später zur Pilgerstätte der Rechtsradikalen und Neonazis. Das sind alles Wunden in unserer belgischen Geschichte, die nicht verheilt sind.“

Zukunftssorgen

Perceval weiter: „Da gab es ja einen eigenen Krieg innerhalb des Krieges zwischen den Flamen und den Wallonen. Und wenn ich mir Europa oder die USA heute ansehe, dann habe ich wirklich Zukunftssorgen. Denn Donald Trump und die Erstürmung des Kapitols haben etwa die USA tief gespalten. In Europa gibt es – auch wegen der Corona-Pandemie – viele extreme Bewegungen in alle Richtungen. Die Leute fordern in allen Ländern einfache Lösungen und schreien nach einem Führer, der sie ihnen geben soll. Das ist eine extrem gefährliche Entwicklung, da kriege ich Angst.“

Doch kann das Theater, kann die Kunst dagegen steuern? „Wir müssen es zumindest versuchen. Wobei hier ein Blick in die Vergangenheit ganz nützlich sein kann. Man muss nur sehen wollen.“ Aber sieht sich Luk Perceval in Zukunft auch wieder in der Rolle eines Theater-Intendanten? Lachend: „Wir werden sehen. Aber mir jucken die Finger.“

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