Label der Neugierigen, ein Nachruf

Extraplatte…
Foto: Extraplatte Noch kurz Anlaufadresse für vielseitig interessierte Musikhörer: die Extraplatte in der Währinger Straße.

Extraplatte: Abverkauf noch bis Freitag – das Ende von mehr als 30 Jahren alternativer Musikgeschichte.

Letzte Chance: „Total Abverkauf“ bei der insolventen Extraplatte auf der Währinger Straße 46 noch bis Freitag. Restlverwertung beim Wiener Independent Label, das als Nischenanbieter für Innovatives, Schräges und Exotisches mit einem breit gefächerten Angebot aus Folk, Jazz, Ethno und World, Klassik, vor allem Alter Musik, avanciertem Pop und Zeitgenössischem viele Jahre den Musikmarkt bereichert hat.

Mehr als 1200 Tonträger, Videos und DVDs sind seit der Gründung 1977 bei Extraplatte unter dem Logo einer Schallplatte mit den Zähnen einer Kreissäge erschienen, Platten der Schmetterlinge, der Kabarettisten Lukas Resetarits und Josef Hader, des Liedermachers Heli Deinboek, des Vienna Art Orchestra, der Wiener Tschuschenkapelle, des Lyrikers Ernst Jandl, von Broadlahn, Max Nagl, Otto Lechner u. v. a.

Extraplatte war vor allem Musik abseits der Hitparaden, sagt Harald Quendler, mehr als 30 Jahre lang Leiter des Unternehmens, das auch Vertrieb war: Mitte der 90er-Jahre umfasste das Repertoire rund 40.000 Titel.

Mit Extraplatte sei es gelungen, Händler wie auch Konsumenten neugierig zu machen und ihnen zu zeigen, dass es neben dem sattsam Bekannten auch noch anderes gibt. Aber der Markt in Österreich ist sehr klein. Die Krise dafür international umso größer. „Der größte unabhängige Klassik-Musikvertrieb Belgiens ging kürzlich pleite, mein Vertriebspartner in Deutschland musste kündigen“, sagt Quendler.

Viele Jahre lang hat der Import die Extraplatte finanziert. Durch den EU-Beitritt ging die Exklusivität verloren. Amazon & Co. veränderten zudem die Musikwelt. Plötzlich bestand die Konkurrenz nicht nur aus der Musikindustrie, sondern auch aus viel größeren Anbietern, die mit Preisdumping die gleichen Produkte verkauften.

Durch zu hohe Fixkosten und zu geringe Erlöse muss man nun zusperren. Wirtschaftlich könne man nicht überleben, wenn „in Frankreich 12-CD-Boxen um 3,40 Euro und John Coltrane in 3-CD-Boxen um 2,40 Euro“ verklopft werden, so Quendler. Und Rettungsversuche, die Extraplatte weiterzuführen, sind nach zweieinhalb Jahren Verhandlungen gescheitert, „weil es auch den anderen Firmen nicht gut geht“.

INFO: Abverkauf Extraplatte: Extra. Der Laden, 9., Währinger Str. 46 (bis 26. 7., tgl. 12–18 Uhr), anschließend nach Vereinbarung 01/ 31 01 084 oder 0699/1833 0298

(kurier) Erstellt am
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