Kultur
23.01.2012

Kurt Palm überrascht mit Mystery-Thriller

Der Regisseur und Autor überrascht mit einem "Mystery-Thriller", in dem lange Zeit wenig passiert. Aber dann ... herrscht immerhin große Konfusion.

Wieder ist er auf Urlaub, und bestimmt sitzt er wieder in einem Internet-Café, diesmal höchstwahrscheinlich in Kapstadt, und wird auf KURIER.at lesen, ob es so einen Verriss gibt wie im vergangenen Jahr für sein "Bad Fucking".

Was ihn ja – nachträglich – sehr amüsiert hat, weil dieser ausgezuckte "Krimi" mit der effektvoll abgeschnittenen Zunge unserer Innenministerin anschließend zum "besten deutschsprachigen Krimi 2011" gewählt wurde (Glauser-Preis).

Und jetzt "Die Besucher".

Ein Mystery-Thriller made by Kurt Palm.

Der gebürtige Vöcklabrucker macht nie, was man erwartet: Zwei Drittel des Buchs geht es derart geheimnislos und ruhig zu, dass man Palm am liebsten anpfauchen würde:

Schreiben Sie denn nur, um Lesern etwas "zu Fleiß" zu machen?

Das Übliche

Sein Held, der Journalist Martin Koller, hat einen Gehörsturz. Es rauscht im linken Ohr. Es pfeift. Koller stiert ins Teehäferl.

Auch sonst geht’s ihm nicht gut. Die falsche Frau daheim; ein Volontär bei der Zeitung, der ihm über den Kopf wächst; der Vater tot; die Mutter im Sterben. Das Übliche halt.

In einem Satz wird erwähnt, dass Neonazis das Privatauto der Innenministerin angezündet haben. Aber nur in einem einzigen Satz. Palm verliert halt gern die Lust an dem, was er sich gerade ausgedacht hat.

Zwar hatte Koller vor, den Neonazi-Führer zu treffen. In einer Gruft, selbstverständlich. Er kennt ihn nämlich aus der Schulzeit.

Aber sein Autor lässt ihn nicht. Vergisst den Plan einfach. Macht sich plötzlich lieber Gedanken über Staubflankerln am Heizkörper.

In "Die Besucher" ist nichts rund. Ein Vieleck ist das, wobei die einzelnen Seiten nicht einmal durchgehend sind, sondern "Löcher" haben –, sodass man bei dem Roman nichts berechnen kann. Er gibt sich unberechenbar, und dafür muss man Palm dankbar sein.

Die Wirkung, die er spät, aber zweifellos erzeugt, ergibt sich in der Ortschaft Schwarzmoos. Dort stirbt die Mutter, und Koller ist an ihrem Bett.

Nicht immer: Mit der Nachbarin hat er schon ein bissl Sex. Zwei Mal. (Er kommt übrigens zu schnell. Ein Elend ist das.)

Und dann verschwindet eine Leiche aus dem Spital. Und dann taucht diese Leiche bei Koller im Haus auf. Aber sie bleibt immerhin tot. Und Besucher kommen und riechen nach nassem Hund. Immer mehr. Mindestens 20. Sie setzen sich auf mitgebrachte graue Decken oder legen sich zur sterbenden Mutter ins Bett. Was verbindet die Typen mit ihr?

Man kann sich wegstoßen. Sie wehren sich nicht, aber sie bleiben. Auch auf dem Dachboden. Und sie reden nichts. Das ist das Großartige. Das macht Angst.

Und jetzt wird ebenfalls geschwiegen. Weil ob das Fremde, das in den gewohnten Alltag einbricht – ob es real ist, ob es die Geister sind, die wir alle mit uns tragen und ob auch Geister real sein können, das muss hier nicht diskutiert werden.

Kurt Palm kennt sich ja selbst nicht aus. Er spielt mit uns, und am Ende hat er es geschafft, dass wir in der Konfusion verloren sind. Was ja heutzutage recht einfach zu bewerkstelligen ist.

KURIER-Wertung: **** von *****

Michael Köhlmeier – 100 von 30.000 „Märchen der Weltliteratur“

Märchen, hat Michael Köhlmeier zuletzt bei "Rund um die Burg" im vergangenen Herbst gesagt, sind die reinste, die ursprüngliche Form des Erzählens. Alle anderen Schriften sind demnach nur – oft aufgeblasene – Variationen.

Der 1912 gegründete Diederichs Verlag – vor drei Jahren von Random House übernommen – hatte in gut 150 Bänden rund 30.000 „Märchen der Weltliteratur“ vorgestellt. Die Reihe wurde eingestellt. Liebhaberstücke. Viele sind vergriffen. Köhlmeier durfte 100 Märchen auswählen, neu ordnen, mit ihnen um die Welt reisen und im Vorwort von seiner Großmutter erzählen, die wunderbar vorlesen konnte: nie theatralisch, sondern monoton, immer leiser werdend, sodass er heranrückte, mit offenem Mund, zwischen Wachen und Schlafen ...

Peter Pisa

KURIER-Wertung: ***** von *****

Bernhard Kreutner – „Geld stinkt“, für Verschwörungstheoretiker

Auf Seite 312 steht die Formulierung "Ich scheiß im Viereck". Schön. Der Großteil des Buches macht aber eher ratlos. Vielleicht ist es ja eine Parodie, in dem Fall wäre es grandios. Ansonsten? Aber das hat die Rezensentin wohl nicht verstanden.

Bernhard Kreutners "Geld stinkt" ist etwas für Wütende. In der 359 Seiten starken Kampfschrift werden Menschen, die mit Geld zu tun haben, ermordet. Dann kommt der Dritte Weltkrieg. Dazwischen gesellschaftskritische Zitate berühmter Philosophen. Tenor: "Die da oben" gegen die "Systemtrottel". Auf der Buchrückseite ruft ein gewisser Johannes Maerk, Lektor an der "Megatrend International University of Vienna" auf, diesen "spannenden Politthriller" zu "lesen, lesen, lesen". Für alle, die sich unterjocht, betrogen, ausgebeutet fühlen.

Barbara Mader

KURIER-Wertung: ** von *****

Michael Niavarani – "Der frühe Wurm hat einen Vogel"

Er hätte nicht lang erzählen müssen, dass er sich zu diesem Buch gezwungen hat. Man merkt es. Man merkt aber auch, dass Niavarani schreiben kann/könnte, wenn man ihm Zeit lässt. Nach dem Erfolg von "Vater Morgana" wollte der Verlag halt schnell etwas nachschieben. Und hat ja irgendwie recht: Die Geschichterln vom Weltuntergang und vom tapferen Schneiderlein, vom erigierten Glied (nur in der Früh) und von der Burnout-Klinik sind schon 70.000-mal verkauft worden. Der Titel "Der frühe Wurm hat einen Vogel" ist das Beste, weil er das disziplinierende, alte Sprichwort so umdreht, dass es endlich Sinn ergibt.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: *** von *****