KHM-Eklat erklärt: Was hinter den Bossingvorwürfen steht und was VdB damit zu tun hat

Wie eine schwelende Auseinandersetzung und Vorwürfe toxischer Arbeitskultur zur Explosion führten.
PK ZU MOBBING-VORWÜRFEN GEGEN LEITUNG DES KUNSTHISTORISCHEN MUSEUMS (KHM): FREY/FINE

Die gegenseitigen Vorwürfe im Kunsthistorischen Museum ziehen weite Kreise – eine Rolle spielen inzwischen die Bundespräsidenten von Deutschland und Österreich, die Tourismuszahlen des Landes Tirol und die Frage, was Bossing eigentlich heißt. Und es kommen auch neue Vorwürfe hinzu, während bisherige vehement dementiert werden. 

So von Generaldirektor Jonathan Fine und Geschäftsführer Paul Frey, die am Mittwochabend vor die Presse traten und sich gegen die Vorwürfe von Veronika Sandbichler, die die Tiroler Dependance Schloss Ambras leitet, verwehrten.

Fast zeitgleich meldeten sich via „Zeit im Bild“ vom Mittwoch vier ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums zu Wort. Kolleginnen seien „systematisch zur Kündigung gedrängt worden. Das war nicht impulsiv, sondern sehr, sehr überlegt“, hieß es. Und: „Ich kann mich an mehrere Meetings erinnern. Da geht es darum, eine Person vor den anderen fertigzumachen. Es ging öfters gegen Frauen – öfters gegen Frauen als gegen Männer“, sagte ein Mann. „Mehrere Kolleginnen haben mehrmals die Woche geweint.“

„Natürlich nicht“

„Nein! Natürlich nicht“, hieß es am Donnerstag vom KHM auf die KURIER-Frage, ob Mitarbeitende systematisch zur Kündigung gedrängt worden seien. Es sei auch nicht mehr Druck auf weibliche als auf männliche Mitarbeiter ausgeübt worden. Gibt es weitere Fälle? „An uns ist niemand konkret herangetreten – weder direkt noch über den Betriebsrat oder über die Gleichbehandlungsbeauftragte oder unsere Whistleblower-Hotline“, hatte Fine gesagt. Sollten weitere Personen betroffen sein, müssten sie sich „direkt, über den Betriebsrat oder gegebenenfalls über einen Anwalt an uns wenden“.

Eine Eskalation in der Form, dass er Sandbichler angeschrien habe, habe es nicht gegeben, sagte Fine. „Es waren im Herbst schwierige Diskussionen mit Frau Dr. Sandbichler, aus meiner Sicht wurden sie nie unkollegial und unprofessionell geführt“, sagte der Generaldirektor.

Der Bossing-Vorwurf, den Sandbichler erhebt, lässt sich jedoch eigentlich nicht mit einem „Nicht angeschrien“ wegerklären. Bossing ist eine permanente Herabwürdigung und Benachteiligung von Mitarbeitenden durch den Vorgesetzten, unabhängig von der Lautstärke. Es habe „widersprüchliche, kurzfristige Anweisungen, die Androhung arbeitsrechtlicher Konsequenzen und sachlich nicht gerechtfertigte Dienstverwarnungen“ gegeben, heißt es von Sandbichlers Seite.

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Besucherrückgang

Im Kern geht es dabei um Reformbestrebungen, die die KHM-Leitung für die Dependance hat. Dort gingen die Besucherzahlen 2025 offiziell um 12 Prozent zurück. Das ist auffällig – die Museen hatten 2024 und 2025 insgesamt gute Jahre gehabt. Dass der Rückgang „in direktem Zusammenhang mit den Tiroler Tourismuszahlen“ stehe, wie Sandbichler am Donnerstag in einer Aussendung schrieb, ließ sich auf den ersten Blick nicht verifizieren. Der Tourismus in Tirol und auch in Innsbruck im Plus.

"Situation im KHM-Museumsverband derzeit sehr schwierig"

Dass im KHM die Kommunikation und das Klima insgesamt vor Herausforderungen stehen, das bestätigten dem KURIER der Betriebsrat des Museums und auch das KHM selbst. „Die Situation im KHM-Museumsverband ist für die Mitarbeiter:innen derzeit sehr schwierig“, hieß es in einem Statement des Betriebsrats. „Vielfach zeigt sich, dass dieser Change-Prozess seitens der Geschäftsführung unzureichend kommuniziert und begleitet wird.“

Aus dem KHM hieß es: „Wir nehmen die Kritik sehr ernst, lassen die Situation evaluieren und werden die interne Kommunikation verstärken und die notwendigen Veränderung noch besser kommunikativ begleiten.“ Und: „Wir reflektieren täglich dazu – und lernen.“

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Treffen auf Ambras

Eine Kommunikationsfrage ist auch Teil des Konflikts. Sandbichler habe der Geschäftsführung in Wien eine wichtige Information vorenthalten, hieß es zuerst kryptisch. Der Sachverhalt wurde nun auch offiziell bestätigt: Es war im Gespräch, dass sich die Bundespräsidenten von Deutschland und Österreich auf Ambras treffen. 

Laut Sandbichler „handelte es sich zunächst um eine rein informelle Anfrage des Landes Tirol, bei der der Besuch noch nicht fixiert war“, daher sei keine Meldung nötig gewesen. Das sah man in Wien anders (Berlin kontaktierte die ahnungslose Generaldirektion) und ermahnte Sandbichler. Das Treffen fand dann im Oktober 2025 statt.

Lückenlose Aufklärung

„Im Übrigen fordert der Betriebsrat eine transparente und lückenlose Aufklärung aller schwerwiegenden Vorwürfe durch unabhängige Instanzen“, hieß es in dessen Statement weiter. Auch um diese Aufklärung gibt es Differenzen: Sandbichler beklagt, dass der Wirtschaftsprüfer Deloitte „nicht mit der Untersuchung der von mir vorgebrachten Missstände“ (in der KHM-Zentrale) beauftragt worden sei, „sondern im Auftrag der Geschäftsführung mit dem Ziel, mir ein Fehlverhalten nachzuweisen“. 

Das KHM entgegnet: Nicht die Geschäftsführung, sondern das Kuratorium hat Deloitte bestellt – um „unvoreingenommen eine Gesamtsituation (Wirtschaftlichkeit, Organisation, Compliance, …) in Ambras zu evaluierten, nicht um Frau Dr. Sandbichler ein Fehlverhalten nachzuweisen.“

Martin Maxl, Sandbichlers Anwalt, wirft zudem der vom Kulturministerium bestellten Kuratoriumsvorsitzenden, Ulrike Baumgartner-Gabitzer, „mögliches pflichtwidriges Zusammenwirken mit dem kaufmännischen Geschäftsführer“ vor. Dieser, Paul Frey, habe „ein autonomes Machtgefüge mit der Beförderung ihm persönlich nahestehender Personen aus sachfremden Motiven“ aufgebaut. 

Frey wiederum bestätigte am Mittwochabend auf eine KURIER-Frage, dass Maxl einst, unter Generaldirektor Wilfried Seipel, direkt bestellter Anwalt des KHM gewesen sei. Als Frey 2007 als Geschäftsführer ans Haus gekommen sei, habe er eine gesetzlich verlangte Ausschreibung vorgenommen. „Unter meiner Geschäftsführung gingen die Kosten für Rechtsberatung stark zurück.“

Debatte um Abgänge

Auch die Mobbing- und Bossingvorwürfe Sandbichlers weist das KHM zurück (und droht ihr mit Klage, da sie als Angestellte an die Öffentlichkeit gegangen ist). Entzündet hatte sich der Streit daran, dass Sandbichler im Rahmen einer von ihr angestrebten einvernehmlichen Vertragsauflösung 24 Monatsgehälter als zusätzliche freiwillige Abfertigung verlangte. Das KHM argumentierte, dass laut einer oberstgerichtlichen Entscheidung das Limit bei zwölf Monaten liege. Dies wiederum lehnte Sandbichler ab.

Liegt bzw. lag das Museum auch mit anderen Personen in Streit? Bei jenen 16 namentlich bekannten Personen, die das KHM in den letzten zwei Jahren verlassen haben, habe es „einvernehmliche und vor allem formgerechte Lösungen“ gegeben, wird auf KURIER-Anfrage betont. Das KHM bestätigt, dass es auch auf Schloss Ambras Abgänge gegeben hat: Gleich drei von sechs der engsten Mitarbeiter Sandbichlers haben in den vergangenen 18 Monaten den KHM-Verband verlassen.

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