Jonathan Fine: "Ich habe Frau Dr. Sandbichler nie angeschrien!"

Die Führungsspitze des KHM stellte sich am Mittwochabend der Presse: Sie weist die Mobbing-Vorwürfe zurück, das Kuratorium lässt prüfen.
Paul Frey und Jonathan Fine

Jonathan Fine, der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums, bestreitet alle seit Dienstag öffentlich gegen ihn vorgebrachten Mobbing- und Bossing-Vorwürfe dezidiert. "Ich weise den Vorwurf zurück, dass es ein systematisches Mobbing im KHM-Museumsverband gibt", sagte er am Mittwochabend bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, bei der er und der kaufmännische Geschäftsführer, Paul Frey, ihre Sicht der Dinge darlegten.

Veronika Sandbichler, die langjährige Direktorin des KHM-Standorts Schloss Ambras, hatte, wie berichtet, der KHM-Generaldirektion via ORF eine "toxische Führungskultur" vorgeworfen - nach dem Scheitern von Verhandlungen über die Abfertigungshöhe eines von ihr angestrebten Ausscheidens.

"Ambitionierte Vision" von Jonathan Fine 

Er sei "mit einer ambitionierten Vision für den KHM-Museumsverband angetreten", sagte Fine. Vor allem für langjährige Mitarbeitende sei es "vielleicht schwierig, mit dieser Vision umzugehen". Er und Frey hätten infolge einer schlechteren Performance des Museumsstandortes Schloss Ambras Handlungsbedarf gesehen und daher Sandbichler und ihr Team zur Entwicklung neuer Ideen eingeladen. Die Besucherzahlen, die meist um die 100.000 pro Jahr gelegen seien, hätten zuletzt einen starken Rückgang verzeichnet, auch wenn die Erlöse gestiegen seien. "Wir waren aber der Meinung, dass es das Potenzial des Zweieinhalbfachen hat, wenn wir die Dinge richtig angehen", sagte Frey. 

"Schwierige Diskussionen" im Herbst

Man habe in Workshops und Gesprächen zunächst den Eindruck gewonnen, dass Sandbichler sich mit der erbetenen Planung einer Weiterentwicklung ("Change Process") beschäftige, habe diesen Eindruck jedoch später revidieren müssen. Dabei sei es, so Fine, zumeist "im Blut von Museumsleuten, die Schätze herzeigen zu wollen". 

Eine Eskalation in der Form, dass er sie angeschrien habe, habe es aber nicht gegeben. "Es waren im Herbst schwierige Diskussionen mit Frau Dr. Sandbichler, aus meiner Sicht wurden sie nie unkollegial und unprofessionell geführt", sagte der Generaldirektor. Er fügte hinzu: "Ich möchte persönlich sagen, es tut mir leid, dass es Frau Dr. Sandbichler so schlecht geht, das habe ich mir für sie nicht gewünscht. Ich hoffe, dass es ihr bald besser geht." Sie befinde sich seit Montag im Krankenstand, sagte Fine.

Baumgartner-Gabitzer will "sehr ernsthaft" prüfen

Nach Darstellung der KHM-Führungsspitze sei im Jänner von Sandbichler der Wunsch nach einer Vertragsauflösung geäußert und in den folgenden Verhandlungen zur gesetzlichen Abfertigung eine freiwillige Abfertigung von zwei Jahresgehältern gefordert worden. Laut Frey liege das "Limit" aber bei einem Jahresgehalt - aufgrund einer Judikatur des obersten Gerichtshofs. Dieses Angebot sei aber von Sandbichlers Anwalt Martin Maxl abgelehnt worden, die Gespräche daher abgebrochen worden. 

Am gleichen Tag soll die Kuratoriumsvorsitzende Ulrike Baumgartner-Gabitzer erstmals mit Vorwürfen gegen die Geschäftsführung konfrontiert worden sein. Diese trat vor den Geschäftsführern alleine vor die Presse und berichtete von einer am Nachmittag stattgefundenen, außerordentlichen Kuratoriumssitzung, in der man sich einig gewesen sei, die erhobenen Vorwürfe "sehr ernsthaft" prüfen zu wollen: "Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst." 

Erste Ergebnisse nach Ostern

Während die Unternehmensberatungsfirma Deloitte seit 12. März eine Prüfung der wirtschaftlichen Entwicklung von Schloss Ambras vornehmen soll, um "einen Gesamtüberblick zu bekommen", werde sich die Rechtsanwältin und Verfassungsrichterin Sieglinde Gahleitner mit den arbeitsrechtlichen Vorwürfen befassen - und beurteilen, ob Bossing vorliegt oder nicht. Deloitte werde das Ergebnis wohl nach Ostern liefern, Gahleitner aber "wesentlich länger brauchen". 

Sandbichlers Anwalt Maxl argumentiert, dass es sich beim Fall seiner Mandantin um keinen Einzelfall handle. "Da sind knapp 20 Personen durch genau diese toxische Führungskultur aus dem KHM ausgeschieden", sagte er im "Morgenjournal". Sandbichler spricht von "sehr, sehr vielen Kolleginnen und Kollegen, die Angst haben, ihren Job zu verlieren". Sie habe unmittelbar nach dem Erheben der Vorwürfe Gespräche mit der Gleichbehandlungsbeauftragten und dem Betriebsrat geführt. Diesen seien aber bis dahin keine Vorwürfe bekannt gewesen, sagte Baumgartner-Gabitzer.

Anonyme Aussagen in der "ZiB1"

In der "Zeit im Bild 1" wurde am Mittwochabend jedoch berichtet, vier ehemalige KHM-Mitarbeitende hätten sich an den ORF gewandt. Zwei Personen wurden in der Sendung verfremdet gezeigt. "Ich kann mich an mehrere Meetings erinnern. Da geht es darum, eine Person vor den anderen fertig zu machen. Es ging öfters gegen Frauen - öfters gegen Frauen als gegen Männer", sagte ein Mann. "Mehrere Kolleginnen haben mehrmals die Woche geweint. Die haben sehr darunter gelitten und hatten große Selbstzweifel", berichtete eine Frau. "Ich habe bei mindestens zwei Kolleginnen sehr gut beobachten können, wie sie systematisch zur Kündigung gedrängt wurden. Das war nicht impulsiv, sondern sehr, sehr überlegt. Und das macht das Ganze ziemlich hässlich."

Mit diesen Aussagen bei der Pressekonferenz konfrontiert, entgegnete Fine, er kenne den Bericht noch nicht und wolle sich zudem zu "diffusen Vorwürfen" nicht äußern. Er und Frey, dem von Maxl u.a. vorgeworfen wird, "jahrelang ein autonomes Machtgefüge mit der Beförderung ihm persönlich nahestehender Personen aus sachfremden Motiven" aufgebaut zu haben, seien vom Kuratorium um Stellungnahmen gebeten worden und hätten diese auch geliefert. 

Dem Kulturministerium soll von Maxl eine Liste von 16 Personen vorgelegt worden sein, die eine ungewöhnlich hohe Abgangsrate im KHM seit dem Fine-Antritt belegen soll. "Wir kennen diese Liste. Diese 16 Namen sind eine sehr selektive und aus meiner Sicht nicht nachvollziehbare Auswahl", sagte Frey, nur drei beträfen Führungskräfte, von denen man sich im Jänner 2025 aufgrund der Neuorganisation getrennt habe. Zudem finde sich auf dieser Liste auch eine Person, die noch vor Fines Amtsantritt ausgeschieden sei, und zwei Personen, die erst ausscheiden werden. Insgesamt sei die Fluktuation nicht höher als früher: "100 Personen verlassen das KHM im Jahr", sagte Frey, "und 100 kommen neu hinzu".

"Das Blut der Medusa" im Sommer

Wie die KHM-Führungsspitze nun weiter vorgehen wird, ist unklar. "Ich habe die Hoffnung, dass wir einvernehmlich die Gespräche wieder aufnehmen können", sagte Frey. "Wir haben uns zu den neuesten Entwicklungen noch nicht beraten lassen", ergänzte Fine, der davon ausgeht, die Mehrheit der KHM-Mitarbeitenden von seiner neuen Vision für das Haus überzeugt zu haben, "aber im Grunde genommen kann man nie genügend Überzeugungsarbeit leisten. Es ist aber nicht in allen Fällen möglich." 

Die von Sandbichler vorgeschlagene Sommerausstellung "Das Blut der Medusa - die Korallen von Schloss Ambras" soll jedenfalls wie geplant stattfinden, das dortige Team sich weiter Gedanken über ein Zukunftskonzept machen.

Seitens des Kulturministeriums betont man gegenüber der APA am Mittwoch, ein fairer und respektvoller Umgang in Kunst und Kultur habe für Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) "oberste Priorität, ebenso die konsequente Einhaltung von Compliance-Grundsätzen". Das gelte insbesondere für Bundeskultureinrichtungen. Deswegen habe Babler eine enge Begleitung des Prozesses durch das Ministerium veranlasst.

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