Bild von einem Schlafplatz.

© Hanna Burkart

Kunst
10/08/2019

Künstlerin Hanna Burkart: Ohne Wohnsitz für die Kunst

Hanna Burkart hat ihre Wohnung aufgegeben, um in den Räumen zu leben, mit denen sie sich beschäftigt.

von Marco Weise

Die in Wien geborene Künstlerin Hanna Burkart lebt seit dreieinhalb Jahren ohne fixen Wohn- und Arbeitsort. Stattdessen schläft sie an verlassenen Orten, unter freiem Himmel, in Leerständen, die ihr temporär zur Verfügung gestellt werden, um sich so intensiv wie möglich mit den vor Ort gefundenen Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

Begonnen hat es mit dem Projekt „Prehab“, das Hanna Burkart zusammen mit dem Künstler Philipp Furtenbach entwickelt und für zweieinhalb Jahre gelebt hat. Diese Zusammenarbeit ist seit einem Jahr beendet. Hanna Burkart ist nach wie vor Nomadin.

KURIER: Wie kommt man auf die Idee, seine Wohnung aufzugeben und ohne fixen Wohnort zu leben?

Hanna Burkart: Die Entscheidung traf ich bei einer zweimonatigen Reise, bei der ich alleine mit dem Motorrad, dem Zug und per Anhalter unterwegs war. Es war ein Drang von innen heraus, das tun zu müssen. Ich habe fünf Jahre alleine in einer wunderbaren Wohnung gewohnt und wollte ein anderes Wohn-Lebensmodell ausprobieren – einhergehend mit meinem großen Interesse an Orten, Architekturen und Menschen.

Welche Botschaft, welche Fragestellung steckt hinter diesem nun seit über drei Jahren laufenden Projekt?
Wichtig ist erstmal, dass es sich für mich gut anfühlt, dann weiß ich auch, dass alles, was daraus resultieren wird, ehrlich und wahrhaftig ist. Es geht mir darum, zu zeigen, dass es andere Wege und Möglichkeiten gibt, was den Umgang mit Orten, Räumen und Menschen anbelangt.

Wollen Sie mit dieser Aktion auf leer stehende Wohnungen und Gebäude aufmerksam machen?
Auch. Zum einen darauf aufmerksam machen, zum anderen Alternativen zeigen, wie diese Räume aufwertend genutzt werden können. Und vor allem auch, dass es möglich ist, Orte, die nicht zum Wohnen deklariert sind, für solche Zwecke nützen zu können. Wien ist, was die Wohnauflagen betrifft, sehr streng. Laut Gesetz dürften wir nicht in leeren Garagen oder Büroetagen wohnen. Dieses gilt es aber zu hinterfragen, und das geht dann unter dem Deckmantel der Kunst.

Sie beschränken sich beim Wohnen aufs Nötigste. Ist das befreiend?
Ich habe Mut zur Leere, das stimmt. Aber ich liebe auch Dinge und Materialien, da sie etwas sichtbar und spürbar machen. Wichtig ist es mir, die Balance zu finden zwischen Dingen, die mir wichtig sind, und jenen, von denen ich mich lösen möchte. Das ist ein ständiger Prozess: Dinge kommen und gehen.

Sie schaffen Wohnobjekte, die diese Lebensform unterstützen. Was zeichnet diese aus? Es sind Objekte, die diese Art des Lebens begleiten und unterstützen. Die letzte große Serie entstand mit Philipp Furtenbach. Wir haben uns am Anfang unseres Projekts „Prehab“ entschlossen, auf sämtliches Mobiliar zu verzichten, um herauszufinden, was wir tatsächlich haben wollen. Entstanden ist die Serie „Grund 1,2,3“. Elemente, die gemacht sind, um am Boden zu leben. Ausgangsmaß ist 70 70 cm, das vervielfacht 140 cm, 210 cm ergibt. Maße, die sich für Sitze, Tischplatten und Liegefläche gut eignen und gestapelt gut transportierbar sind.

 

Woher kommt das Material?
Alle Stücke sind Kunstobjekte in einer limitierten Auflage. Wir haben jeden Ort besucht, von dem das Material stammt, und kennen alle Betriebe und Personen persönlich. Vom Hirschleder über die Schafswolle, das Lindenholz, bis zum Stein, Serpentinit und Marmor ist alles aus Österreich. So hat man einen Bezug zu den Dingen, damit haben die Dinge mehr Wert und Kraft und das hilft, an Orten, die oft rau sind, in kurzer Zeit ein begehrenswertes Habitat zu schaffen.

Wann suchen Sie sich wieder eine eigene Wohnung?
Das kann ich nicht sagen, da ich es nicht als Projekt mit konkretem Ende sehe, sondern als Lebenszustand, in dem ich mich gerade befinde, für den ich mich interessiere, mit dem ich mich identifiziere und der sich für mich gut anfühlt.

Zur Person: Hanna Burkart absolvierte an der Universität für angewandte Kunst die Studien Industriedesign und Ortsbezogene Kunst. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit  den räumlichen und sozialen Aspekten alltäglicher Kulturtechniken wie dem Schlafen und Wohnen auseinander. In ihren Performances werden gewohnte  Lebensbedingungen verlassen, um Möglichkeiten zu zeigen, die den eigenen und fremden Handlungsraum erweitern. Einhergehend entstehen Texte, Bilder und Objekte.

Tipp: Während des Festivals Urbanize, das von Mittwoch bis Sonntag in Wien an unterschiedlichen Orten stattfindet, wird die 30-Jährige jede Nacht an einem anderen Veranstaltungsort schlafen und jeden Tag (zwischen 12 und 18 Uhr) als Gastgeberin am Viktor-Adler-Markt im Stand 129 wohnen.