Die  neue Superhelden-Truppe aus dem Marvel Cinematic Universe ist sehr divers und rettet die Menschen vor den monsterähnlichen Deviants: „Eternals“

© Courtesy of Marvel Studios

Filmstarts
11/03/2021

Kritik zu Chloé Zhaos "Eternals": Tausend Jahre sind ein Tag

„Nomadland“-Regisseurin Chloé Zhao verfilmte Marvels "Eternals", eine Serienkillerin hat Sex mit Autos und Porträt über Georg Stefan Troller

von Alexandra Seibel

Was in der Antike die Götter, sind im Marvel Cinematic Universe (MCU) die „Eternals“. Ausgestattet mit übernatürlichen Kräften, wandeln sie seit 7.000 Jahren ewig jung über die Erde. Niemals jedoch greifen sie in den Verlauf der Geschichte ein, obwohl ihnen das angesichts der kriegerischen Abläufe oft schwerfällt. Ihre Aufgabe besteht darin, die Menschen vor den Deviants zu schützen, die sich in Form von grauslichen Dinosauriern gerne einen menschlichen Zweibeiner zum Gabelfrühstück pflücken möchten.

In so einem Fall werden die Eternals – es sind zehn – aktiv. Sie feuern Blitze aus leuchtenden Augen, lassen Londoner Doppeldeckerbusse zu roter Asche zerbröseln oder flitzen pfeilschnell durch die Lüfte.

Getrennte Wege

Zudem ist die Superheldentruppe lässig divers. Vier von ihnen sind weiß – darunter eine augenrollende Angelina Jolie –, drei haben asiatische Wurzeln, zwei sind schwarz und eine ist Latina. Erstmals befindet sich auch eine gehörlose Superheldin im Marvel Universum, ebenso wie ein schwuler Superheld, der mit Ehemann und Sohn zusammenlebt und am liebsten seine Ruhe haben würde.

Irgendwann in der Vergangenheit nämlich haben sich die Eternals als kollektiver Stoßtrupp aufgelöst und sind getrennte Wege durch die Menschheit gegangen. Manche führen ein harmonisches (Ehe-)leben mit den Menschen, machen Karriere als Bollywood-Stars (sehr lustig: Kumail Nanjiani) oder suchen die Einsamkeit. Erst als ein neuerlicher Angriff der Deviants droht, kommt es zur Familienreunion.

So weit, so Standard.

Bemerkenswerterweise jedoch stammen die „Eternals“ von der Regiehand der sino-amerikanischen Regisseurin Chloé Zhao, die für ihr sensibles Roadmovie „Nomadland“ zwei Oscars bekam. Ihre Filme sind stark von einem dokumentarisch-poetischen Stil geprägt und stellen ungefähr das Gegenteil von dem dar, was man sich von einem Superheldenfilm aus dem Marvel Universum erwarten würde.

Wie schwierig ist es nun, einer 200-Millionen-Dollar-Blockbuster-Maschinerie die eigene Handschrift aufzudrücken? Anders gefragt: Wie viel Chloé Zhao steckt in den „Eternals“?

Beziehungsgeflechte

Tatsächlich macht Zhao, die am Drehbuch mitarbeitete, besonders die Beziehungsgeflechte der Charaktere untereinander intim fühlbar; schon weniger zündend funktioniert der gruppendynamisch bedingte, typische Marvel-Humor.

Superheldin Sersi (Gemma Chan) lebt als Kuratorin im heutigen London und hat einen menschlichen Freund. Ihr Herz hängt allerdings immer noch an Ikaris (Richard Madden), mit dem sie mehrere Tausend Jahre lang ein Liebespaar gebildet hat.

Zhao entwirft zärtliche Bande unter den Helden und Heldinnen und wirft sie in sinnliche, sonnendurchflutete Landschaften – sei es in der Wüste oder in Wäldern.

Selten haben sich die Orte und Schauplätze im MCU so real angefühlt wie unter der lyrischen Hand von Chloé Zhao. Sogar ihr großer Mentor Terrence Malick wird spürbar in einer Dinosaurier-Sequenz, die die Fehlleistungen der zivilisatorischen Entwicklung beschwört.

Wie rettungswürdig sind die Menschen überhaupt? Haben sie ihren Platz auf diesem von Katastrophen bedrohten Planeten überhaupt verdient? Sind wirklich nur die Deviants böse oder sitzt das Übel vielleicht viel tiefer?

Diese Fragen interessieren Zhao weit mehr als die Attacken von computergenerierten Fantasielos-Dinos und die Abwicklung handelsüblicher Action-Spektakel; denn die „Eternals“ sind die Philosophen unter den Superhelden und Chloé Zhao ist ihre Vordenkerin.

INFO: USA/GB 2021. 157 Min. Von Chloé Zhao. Mit Gemma Chan, Richard Madden, Angelina Jolie.

Kritik zu "Titane": Serienmörderin wechselt das Geschlecht

Als die Französin Julia Ducournau für ihren brutalen Crossdresser-Sex-mit-Autos-Serienkiller-Thriller „Titane“ die Goldene Palme von Cannes bekam, waren alle baff.  Das hätte man einer Jury unter Spike Lee nicht zugetraut. Der Hype – im Guten, wie im Schlechten – war perfekt. Nun kann sich jeder selbst überzeugen, was es mit Ducournaus Bodyhorror im identitätsauflösenden Gender-Diskurs auf sich hat.

Erzählt wird die wahnwitzige Geschichte einer eiskalten Serienmörderin  namens Alexia. Schon als Kind traktierte sie ihren Vater solange, bis er einen Autounfall baute und sie  eine Platte aus Titan in ihren Kopf eingesetzt bekam.  Seitdem stößt sie  lange Haarnadel in die Ohren ihrer Opfer  und hat Sex mit Autos. Irgendwo angesiedelt zwischen David Cronenbergs „Crash“ und Shin'ya Tsukamotos „Tetsuo: The Iron Man“, Horror- und Slasherfilm, entwickelt sich eine überraschend zärtliche Lovestory zwischen der Alexia (kongenial gespielt von Newcomerin Agathe Rousselle), und einem trauernden Vater (famos: Vincent Lindon). 

INFO: F/BEL 2021. 108 Min. Von  Julia Ducournau. Mit Agathe Rousselle, Vincent Lindon.

 

Kritik zu "Auslegung der Wirklichkeit": Zeitreisender des eigenen Lebens

„Wir sind Menschenfresser, die vom warmen Blut ihrer Opfer leben.“ So beschrieb die Reporter-Legende Georg Stefan Troller einmal seine Art der Interviewführung.
 Am 10. Dezember feiert er seinen 100. Geburtstag.
 Georg Stefan Troller, der mit 17 aus Wien flüchten musste und mit 24 nach Europa zurückkehrte, tritt uns im Film von Ruth Rieser als 100-Jähriger wie ein Zeitreisender entgegen.

Damals, als das schnellste Medium Radio und nicht Twitter hieß, die Aufnahmegeräte 25 bis 30 Kilo wogen und das Fernsehen zaghaft flackernd die ersten Bilder in die Welt sandte, damals hatte das Wort noch eine überragende Bedeutung.  Der „deutsche Kulturjude“, wie er sich später ironisch nannte, konnte als Journalist ans wortgeprägte kulturelle Erbe anknüpfen. Endgültig zur Reporter-Ikone hatten ihn aber seine Fernsehporträts und Reportagen für das ZDF gemacht.

Troller brachte mit einer sehr eigenen Interviewtechnik seine Protagonisten dazu, mehr preiszugeben, als diese wollten. Mittlerweile arbeitet Troller längst nicht mehr fürs Fernsehen. Aber als Autor und Erzähler seines erlebnisreichen Lebens ist er noch immer gefragt – wie in diesem Film von Ruth Rieser, wo er über   die Verantwortung des Journalisten anhand von Ereignissen philosophiert, die sein eigenes Leben prägten. 

Text: Gabriele Flossmann

INFO: Ö 2021. 121 Min. Von und mit Ruth Rieser. Mit Georg Stefan Troller, R. Schindel.

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