Levan Gelbakhiani (rechts) als junger Tänzer, der sich in einen Neuankömmling im Ensemble  – Bachi Valishvili (Mitte) – verliebt und bei seiner Umgebung aneckt: „Als wir tanzten“ 

© Polyfilm

Filmstarts der Woche
09/03/2020

Kritik zu "Als wir tanzten": Aufrecht wie ein Nagel

Ein Tänzer verliebt sich in seinen Rivalen, viel Sex in "After Truth“, eine Doku über Trump-Wähler und eine über die Symphoniker

von Alexandra Seibel

Das georgische Nationalballett ist der Stolz der Nation. Männer sind dort noch Männer – und Frauen noch Frauen. Sexualität gibt es im georgischen Nationaltanz keine, nur fromme Unschuld, deklamiert der Tanzlehrer. Grimmig staucht er seine Schüler zurecht: „Halte dich aufrecht wie ein Nagel! Tanze wie ein Denkmal!“ Wer kein tanzender Nagel werden möchte, eckt an. Das merkt auch Merab, ein rotblond gelockert, talentierter junger Tänzer, der sich eine Karriere im Nationalensemble erhofft und ehrgeizig mit seiner Partnerin trainiert.

Merab wohnt zu Hause in Tiflis mit Bruder, Mutter und Großmutter in einer ramponierten Altbauwohnung. Geld ist immer knapp, elektrischer Strom auch: „Das erinnert mich an die Zeit von Schewardnadse“, ächzt die Großmutter, als sie wieder einmal im Finstern sitzen.

Mit dem Einstieg eines neuen Tänzers machen sich Veränderungen bemerkbar. Er wird zu Merabs Rivalen – aber auch zu seiner heimlichen Liebe. Schwule Coming-of-Age-Dramen hat die Leinwand schon viele gesehen, aber keines, das im Milieu des georgischen Nationalballetts spielt. Nicht nur die pittoresken Stadtansichten von Tiflis mit ihren wunderschönen Pawlatschen machen „Als wir tanzten“ trotz seines berechenbaren Geschichtsverlaufs zu etwas Besonderem.

Die Leidenschaft, mit der der junge georgische Tänzer und Schauspieler Levan Gelbakhiani seine innere Zerrissenheit an den Fesseln georgischer Tanztraditionen reibt, ist eine Augenweide für sich. Er sekundiert sein ausdrucksstarkes Gesicht mit den Bewegungen seines Körpers, der sowohl im Ballettsaal als auch im Techno-Club im Rausch der ersten Liebe explodiert.

Regisseur Levan Akin, Sohn georgischer Eltern, geboren in Schweden, breitet die georgischen Gepflogenheiten in all ihren Schönheiten und Beschränkungen liebevoll und weitschweifig aus. Die Bilder sind oft umwerfend, beispielsweise dann, wenn die Jugendlichen an einem goldenen Spätsommertag in einem alten Landhaus Party feiern und die Natur in allen Technicolor-Farben glüht wie in einem Film von Douglas Sirk.

Männerchöre

Traditionelle Männerchöre bei Familientreffen, herrliche Speisen, die verlockend leuchten, hastige Hochzeiten in prächtigen Nationaltrachten – gerade, wenn man meint, in der Flut an Folklore langsam, aber sicher, untergehen zu müssen, beginnen zelebrierter Nationalstolz und ehrwürdige Tradition ihr repressives Gesicht zu zeigen.

Wer schwul ist, hat schnell einmal eine Faust im Gesicht oder landet im Kloster, wo er missbraucht wird.

Trotz seiner liebevollen Hinwendung zu dem Land seiner Eltern, rechnet Levin Akin mit der konservativen, homophoben Gesellschaft unbeirrt ab. Und es ist wohl kein Zufall, dass im Abspann jene Person aus dem georgischen Nationalensemble, die bei den Choreografien geholfen hat, anonym bleiben will.

INFO:  SWE/GEO/F 2019. 117 Min. Von Levan Akin. Mit Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili.

Filmkritik zu "After Truth": Versöhnung unter der Dusche

„Die Story ist nicht neu“, gibt der jugendliche Erzähler Hardin zu Beginn gleich selbst zu, ehe er von seiner missglückten Liebesromanze mit der schönen Tessa erzählt. In „After Passion“,  dem   ersten Teil der erfolgreichen Buchreihen-Verfilmung von Anna Todd, wurden „Bad Boy“ Hardin   und die junge Tessa ein Paar, trennten sich aber nach persönlichen Querelen wieder.

In „After Truth“, der von den Fans heiß erwarteten Fortsetzung, geht die Hochglanz-Schmonzette   mit deutlich mehr Sexszenen in die nächste Runde, nachdem die „After“-Reihe ja gerne als  Teenie-Variante von  „Fifty Shades of Grey“ gehandelt wird. Wenn man sich   heftig gestritten hat, ist heißer Versöhnungssex bekanntlich nicht weit; dementsprechend oft müssen sich Tessa und Hardin   verkrachen. Unter der dampfenden Dusche oder im luxuriösen Hotelbett wird die Beziehung dann erotisch neu belebt. Dass die Dessous-Marke „Victoria’s Secret“ fleißig mitgesponsert hat, lässt sich deutlich an Tessas seidiger Unterwäsche ablesen. In schönster Soap-Opera-Manier bahnen sich sinnlose Konflikte an und steigern sich  in alberner Überhitzung zu wilden Besäufnissen, Autounfällen und raufenden Frauen. Irgendwie auch unterhaltsam. 

INFO: USA 2020. 106 Min. Von Roger Kumble. Mit Josephine Langford, Hero Fiennes Tiffin.  

 

Filmkritik zu "This Land Is My Land": Sehnsucht nach Veränderung

Nicht streiten, sondern zuhören – das hat sich die amerikanisch-österreichische Filmemacherin fix vorgenommen, um zu verstehen, warum sich Menschen für Donald Trump als Präsidenten begeistern. Im Swing-State Ohio befragt sie überzeugte Trump-Fans quer durch alle Gesellschaftsschichten. Seine Anhänger bringen bekannte Argumente vor: Trump  schützt die Amerikaner vor den „Karawanen“ von Ausländern, bekämpft Drogenbosse und macht auch sonst alles richtig.

Brandstätter lässt ihre Protagonisten Ängste formulieren, fragt manchmal   nach, wird aber nie belehrend oder gar beleidigend. Zwischen   den Interviewpassagen  zeigt sie formschöne Ansichten von desolaten Straßenzügen und verödeten Landschaften. Melancholisches Porträt eines Bundesstaates,  in dem sich die Bewohner  nach Veränderung sehnen.

INFO: Ö 2019. 105 Min. Von Susanne Brandstätter. Mit Joel Lancry, Lauri Katz.

Filmkritik zu "Tonsüchtig": Chefdirigent lässt sich einen Frack schneidern

Haben die Wiener Symphoniker einen besonderen Klang?

Ja, sagen die einen: Er  sei unglaublich sinnlich, leicht und etwas süßlich.

„Wiener Klang?“

Existiert nicht, kontern  die anderen.

Nicht einmal die Mitglieder der Wiener Symphoniker selbst sind sich einig über die eigene Tonlage.

Die Filmemacher Iva Švarcová und Malte Ludin werfen in ihrer aufmerksamen Doku  erhellende  Blicke hinter die Kulisse des weltberühmten Ensembles und zeichnen das faszinierende Bild eines lebendigen Klangkörpers. In kurzweiligen Interviews während Hausbesuchen, Ausflügen und familientherapeutischen Sitzungen erzählen  Musiker und – ungleich weniger – Musikerinnen von ihrer Furcht vor dem   Auftritt, langen Stunden des Übens, der Qual der Versagensängste und der Lust an der gemeinsamen Musikproduktion.

Chefdirigent Philippe Jordan lässt sich beim Herrenschneider einen Frack anpassen. Zwei Geigerinnen diskutieren beim Rudern ihre Karrieren. Der scheidende Konzertmeister berichtet von seiner Bangnis vor der Pension. Und am Ende gibt es sogar eine neue Konzertmeisterin.

INFO: Ö 2020. 90 Min. Von Iva Švarcová und Malte Ludin.Mit Volker Kempf, Sophie Heinrich.

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