Kultur
15.11.2018

Kritik "Teseo" im Theater an der Wien: Auf dem ewigen Liebesschlachtfeld

Georg Friedrich Händels Opernrarität szenisch und musikalisch sehr überzeugend im Theater an der Wien.

Darf man den einzigen Einwand gleich zu Beginn deponieren? Georg Friedrich Händels 1713 in London uraufgeführte Oper „Teseo“ hat zweifellos ihre Meriten und ihre starken Momente. Ein paar Striche würden dem Werk jedoch in keiner Hinsicht schaden. Auf diese hat man bei der Neuproduktion im Theater an der Wien allerdings verzichtet; die eine oder andere Länge lässt sich daher nicht ganz vermeiden.

Mehrecksbeziehungen

Davon abgesehen ist dieser „Teseo“ in szenischer wie auch musikalischer Hinsicht sehr gelungen. Und das dürfte bei dieser Handlung nicht so einfach gewesen sein. Worum es geht? Wir befinden uns laut Libretto ( Nicola Francesco Haym nach dem französischen Drama „Thésée“ von Philippe Quinault) in Athen. Hier regiert König Egeo, der einen Krieg nur mit Hilfe der Zauberin Medea gewinnen kann. Medea liebt den titelgebenden Helden Teseo, dieser wiederum liebt die schöne Agilea, die ihn auch liebt. Dummerweise liebt auch Egeo diese Agilea – so eine Konstellation kann bei Medeas bekanntem Hang zum Furor nicht gut gehen. . .

Moshe Leiser und Patrice Caurier haben in ihrer unfassbar präzisen (was für eine tolle Personenführung!), psychologisch motivierten, geschmackvollen Inszenierung die Motive aller Protagonisten ernst genommen und die Handlung in die 40-er Jahre verlegt. Sehr schön das Palastbühnenbild von Christian Fenouillat, traumhaft die Kostüme von Agostino Cavalca. Das funktioniert extrem gut; starke Bilder (riesige Hände, tanzende Möbel, ein Wolfsrudel, oder albtraumhafte Sequenzen) inklusive.

Ein idealer Rahmen für große Singschauspieler. Wie etwa Gaëlle Arquez eine ist. Ihre Medea ist stimmlich wie darstellerisch ein Ereignis, die Mezzosopranistin singt virtuos, spielt mit beklemmender Intensität. Als ihre Rivalin zeichnet Mari Eriksmoen eine auch vokal höchst adrette Agilea. Dass sich diese Frauen ausgerechnet um Lena Belkinas allzu blassen Teseo streiten, ist aber nicht ganz nachvollziehbar. Wesentlich interessanter ist da die Figur des Königs Egeo, dem der Countertenor Christophe Dumaux nicht nur seine überaus charakteristische Stimme, sondern auch sehr viel Profil verleiht. Robin Johannsen und Benno Schachtner agieren als „zweites Paar“ tadellos, wie auch Soula Parassidis und der gute Arnold Schoenberg Chor.

Und am Pult der engagierten Akademie für Alte Musik Berlin lässt Dirigent René Jacobs kaum Wünsche offen. Sein Händel klingt vital, sängerfreundlich, differenziert und in den richtigen Momenten auch dramatisch. Einhelliger Jubel für alle Beteiligten.