Die unbekannte Wiener Secession - von innovativen Frauen getragen

Die Landesgalerie NÖ bereitet ein verschüttetes Kapitel österreichischer Kunstgeschichte auf. Es geht um die „Wiener Frauenkunst“.
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Um sich vorzustellen, welcher Wind kreativen Frauen im ach so modernen und fortschrittlichen Wien des frühen 20. Jahrhunderts entgegenwehte, hilft ein Zitat des Architekten Adolf Loos. Kein Mensch brauche „malende, strickende, Keramiken verfertigende, edles Material dilettantisch vergeudende Hofratstöchter und sonstige Fräuleins aus gutem Hause, die sich unter Kunstgewerbe etwas vorstellen, mit dem man sich sein Taschengeld verdient“, giftete der Gestaltungspapst, als er 1927 mit der ihm verhassten Wiener Werkstätte abrechnete.

Mitgemeint waren wohl auch jene Malerinnen, Bildhauerinnen und Gestalterinnen, die sich im Jahr zuvor zur Gruppe „Wiener Frauenkunst“ zusammengefunden hatten: Die Abspaltung von der traditionslastig gewordenen „Vereinigung bildender Künstlerinnen“ vollzog in mancher Hinsicht den Aufbruch nach, den auch die Gruppe um Gustav Klimt zuvor vollzogen hatte – und wurde prompt als „weibliche Secession“ tituliert.

Fortschrittlich

Die Ausstellung „Wiener Moderne. Weiblich. Widerständig“ zoomt nun dieses Kapitel der österreichischen Kunstgeschichte in einer präzise gestalteten, ansprechenden Präsentation und einem gehaltvollen Katalog hervor.

Treibende Kraft des Projekts ist die freie Kuratorin Sabine Fellner, die seit Langem in Ausstellungen und Büchern die Erkenntnisse zu Künstlerinnen der Wiener Moderne zutage fördert – etwa in der wegweisenden Schau „Stadt der Frauen“ im Belvedere (2019). In Recherchen dazu fiel Fellners Aufmerksamkeit auf Fanny Harflinger-Zakucka (1873–1954, hier als FHZ abgekürzt), die Initiatorin der „Wiener Frauenkunst“ und eine höchst fortschrittliche Person (auch wenn ein 1935 entstandenes Porträt im Trachtenjanker dies nicht vermuten lässt).

Fanny Harlfinger-Zakucka

FHZ war an den neuesten Kunstentwicklungen ihrer Zeit stets nahe dran: Sie publizierte Holzschnitte in der Secessions-Zeitschrift „Ver Sacrum“ und stellte 1908 in der legendären Kunstschau der Gruppe um Gustav Klimt aus. Der Auftaktsaal der Kremser Schau zeigt eine beeindruckende Auswahl ihrer Malerei, die auch die Kenntnis von Vincent van Gogh und Paul Gauguin vermuten lässt.

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Doch FHZ designte auch Möbel, gestaltete Spielzeug und ganze Interieurs – und ermutigte das gleichwertige Nebeneinander der Kunstsparten auch in den Ausstellungen, die die Gruppe „Wiener Frauenkunst“ ab 1927 im Museum für Kunst und Industrie (heute MAK) und anderen Orten veranstaltete.

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Weibliche Perspektiven

Da nicht alle Ausstellungen in Katalogen dokumentiert wurden, fokussierte die Kuratorin auf ausgewählte Jahrgänge und deren Themen (etwa: „Wie sieht die Frau“, 1930).

Das reicht allerdings, um ein Portfolio von Künstlerinnen zu präsentieren, deren Namen man teils noch nie gehört hat: Adrienne Doxat-Fistravec (1893–1946) etwa ist mit ihren zwischen allen Stilschubladen angesiedelten Stadtbildern eine Entdeckung. Von Irma Rothstein sieht man grazile Figuren und erfährt Biografisches – etwa, dass sich die Künstlerin der Übergriffigkeit ihres Lehrers Anton Hanak ausgesetzt sah.

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Neben individuellen Geschichten, zu deren weiterer Erforschung Kunsthistorikerin Fellner anregen will, bildet die Zusammenschau auch Zeitgeist ab – die Offenheit der 1920er, aber auch die Not und die Verhärtung, die 1938 zum Ende der „Wiener Frauenkunst“ führte. Viele Anliegen, sagt Fellner, wurden erst von der feministischen Avantgarde der 1970er wieder aufgegriffen. Der Gedanke, dass auch der damals erreichte Fortschritt nicht unumkehrbar ist, drängt sich auf.

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